Lee Cronin’s The Mummy
Lee Cronin’s The Mummy hat mich im Kino mit genau diesem unangenehmen Gefühl zurückgelassen, das man bei einem Horrorfilm manchmal sogar schätzt, solange es aus echter Wucht entsteht und nicht nur aus bloßer Härte. Und genau da liegt für mich auch der entscheidende Punkt bei diesem Film: Er hat Kraft, er hat Bilder, er hat Boshaftigkeit, aber er hat nicht durchgehend die innere Größe, die er für einen wirklich großen Wurf gebraucht hätte. Ich habe ihn nicht emotionslos gesehen, ganz im Gegenteil. Er hat mich beschäftigt, er hat mich stellenweise abgestoßen, er hat mich in einzelnen Momenten sogar regelrecht gepackt. Aber er hat mich nicht vollständig überzeugt.
Schon der Anfang hat mir gefallen, weil Cronin sofort eine Stimmung erzeugt, die trocken, fiebrig und latent unheilvoll wirkt. Dieses Ägypten-Bild, das hier gezeichnet wird, hat nichts Abenteuerhaftes, nichts Romantisches, nichts von klassischer Gruftfaszination. Stattdessen wirkt alles spröde, staubig, krank, beinahe ausgezehrt. Man spürt sehr früh, dass dieser Film kein Spiel mit exotischer Kulisse sein will, sondern ein Werk, das den Mythos der Mumie in etwas Rohes, Körperliches und zutiefst Unangenehmes überführen möchte. Das fand ich zunächst ausgesprochen reizvoll, weil genau darin eine moderne, finstere Neuinterpretation hätte liegen können, die dem Stoff tatsächlich etwas Eigenes abgewinnt.
Die Ausgangssituation besitzt dafür auch alle Voraussetzungen. Ein kleines Mädchen verschwindet spurlos, Jahre vergehen, die Familie zerbricht innerlich an diesem Verlust, und dann kehrt dieses Kind plötzlich zurück, aber eben nicht wirklich als das Kind, das es einmal war. Schon dieser Gedanke ist stark. Er hat Tragik, Grauen, emotionale Fallhöhe. In solchen Momenten zeigt der Film, was in ihm steckt. Er ist am besten, wenn er gar nicht bloß Monsterfilm sein will, sondern die Vorstellung auskostet, dass die Erfüllung eines lang ersehnten Wunders selbst zum Albtraum werden kann. Genau das hat mich berührt. Diese verstörende Idee, dass Rückkehr nicht Erlösung bedeutet, sondern etwas völlig Fremdes ins Herz einer Familie trägt, gibt dem Film zunächst ein echtes Gewicht.
Vor allem die Szenen innerhalb der Familie haben für mich anfangs eine bedrückende Wirkung entfaltet. Die Mutter, die sich mit aller Kraft an die Hoffnung klammert, dass man das verlorene Kind irgendwie zurückholen, heilen, wieder vertraut machen kann, ist dabei emotional der stärkste Anker. Laia Costa trägt das mit einer Intensität, die dem Film sehr guttut. In ihrem Blick liegt dieses verzweifelte Festhalten an einer Normalität, die längst zerbrochen ist. Das ist keine laute, keine spektakuläre Leistung, sondern eine, die viel aus innerem Schmerz zieht. Gerade dadurch wirkt sie glaubwürdig. Man nimmt ihr ab, dass diese Frau sich lieber belügt, als die Wahrheit anzuerkennen. Das war für mich einer der wenigen Momente, in denen The Mummy wirklich etwas Menschliches, fast schon Tragisches entwickelt.
Und natürlich ist da Cronins Gespür für das Körperliche. Der Film scheut sich nicht vor Ekel, vor deformierten Oberflächen, vor Schmerz, vor einer sehr physischen Form des Horrors. Manche Szenen sind wirklich schwer anzusehen, gerade weil sie nicht auf elegante Gruselbilder setzen, sondern auf Verletzlichkeit, Verformung und Entstellung. Das kann Cronin. Er weiß, wie man den Körper als Ort des Schreckens inszeniert. Diese Art von Horror ist bei ihm nie nur Kulisse, sondern immer Angriff. Man spürt förmlich, dass er nicht erschrecken, sondern treffen will. Im Kino entfaltet das natürlich noch einmal eine andere Wucht, weil diese Bilder und Geräusche einen viel unmittelbarer umschließen. Es gibt Momente, in denen der Film regelrecht unter die Haut geht, einfach weil er so konsequent in seiner Gemeinheit ist.
Aber genau hier beginnt für mich auch das Problem. Denn irgendwann hatte ich das Gefühl, dass Lee Cronin’s The Mummy seine eigene Härte mit Tiefe verwechselt. Der Film ist über weite Strecken sehr darauf konzentriert, uns zu schockieren, zu ekeln, zu bedrängen. Das funktioniert in einzelnen Szenen hervorragend. Nur ersetzt es auf Dauer keine klare erzählerische Identität. Und die hat mir gefehlt. So sehr der Film sich optisch und atmosphärisch um einen neuen Zugriff auf den Mumienmythos bemüht, so wenig hat er für mich tatsächlich das Gefühl erzeugt, dass hier eine neue, prägnante Mumiengeschichte erzählt wird. Im Kern ist das alles viel stärker ein Besessenheitshorrorfilm als ein echter Mumienfilm. Das alte Ägypten, die Symbolik, der mythologische Unterbau – all das bleibt letztlich eher Behauptung als Substanz.
Genau das fand ich schade, weil der Film sich dadurch seiner größten Chance beraubt. Der Titel verspricht etwas Archaisches, etwas Besonderes, etwas, das sich von den üblichen Dämonen- und Exorzismusgeschichten abhebt. Aber vieles von dem, was dann passiert, wirkt letztlich vertraut. Das unheimliche Kind, die eskalierende Zerstörung des häuslichen Raums, die körperliche Entgrenzung, die religiös oder ritualhaft aufgeladene Konfrontation – das alles kennt man in Variationen längst. Und Cronin inszeniert das nicht schlecht, aber eben auch nicht so, dass daraus ein unverwechselbarer eigener Mythos entsteht. Immer wieder hatte ich beim Schauen den Eindruck, dass der Film näher an The Exorcist oder sogar an Evil Dead Rise liegt als an einer wirklich neuen Mummy-Vision. Damit nimmt er sich selbst etwas von seiner besonderen Aura.
Hinzu kommt, dass der Film seine interessantesten Themen nur streift. Die seelische Zerrüttung dieser Familie, die Schuld der Eltern, das verstörende Moment eines Kindes, das nicht einfach nur verschwunden war, sondern offenbar Dinge erlebt hat, die sich kaum benennen lassen – all das ist da, all das flackert in der Geschichte auf, aber es wird nie mit der Konsequenz verfolgt, die ich mir gewünscht hätte. Der Film nähert sich solchen Ideen, blickt kurz in ihren Abgrund und zieht sich dann doch wieder auf das Verlässliche des Genrekinos zurück. Das ist nicht feige im engeren Sinn, aber es wirkt vorsichtig an den falschen Stellen. Er will unangenehm sein, aber nicht immer wirklich tief gehen. Und gerade das macht ihn für mich so zwiespältig.
Auch die Laufzeit habe ich deutlich gespürt. Ein Film wie dieser lebt von Verdichtung, von stetig wachsender Beklemmung, von einer Eskalation, die sich organisch steigert. Lee Cronin’s The Mummy hat zwar seine Bilder, seine Atmosphäre und seine Boshaftigkeit, aber er hält manche Phasen zu lange aus. Gerade im Mittelteil verliert er an Zug und wiederholt seine Muster, statt sie weiterzuentwickeln. Das ist deshalb schade, weil der Film durchaus starke Szenen hat, die man in einem strafferen, fokussierteren Werk wahrscheinlich noch intensiver wahrgenommen hätte. So aber entsteht mitunter das Gefühl, dass Cronin zu sehr in seiner eigenen Finsternis badet, anstatt sie präzise zu formen.
Visuell und akustisch bleibt trotzdem einiges hängen. Es gibt Einstellungen, die eine richtig krankhafte Schönheit besitzen, dieses fahle, ungesunde Licht, die trostlosen Räume, das Gefühl, dass selbst das Zuhause der Familie längst kein Schutzraum mehr ist. Der Sound ist dabei brutal effektiv. Man hört diesen Film nicht nur, man spürt ihn. Gerade in den heftigen Momenten entsteht dadurch ein beinahe körperlicher Druck, der im Kino sehr gut funktioniert. Es ist kein feiner, schleichender Horror, sondern einer, der die Nerven direkt reizt. Mal ist das wirkungsvoll, mal fast ein wenig zu aufdringlich. Aber gleichgültig lässt es einen nicht.
Die jungen Darsteller haben mich dabei mehr beeindruckt, als ich es erwartet hatte. Gerade Natalie Grace trägt enorm viel von der verstörenden Wirkung des Films in ihrer Präsenz. Sie muss gar nicht permanent groß aufspielen, weil schon ihre Erscheinung, ihre Körperlichkeit, dieses Schwanken zwischen Hilflosigkeit und Fremdheit etwas zutiefst Unruhiges erzeugt. Das funktioniert. Jack Reynor blieb für mich dagegen blasser, als es der Rolle eigentlich guttun würde. Seine Figur hätte emotional noch mehr Gewicht gebraucht, noch mehr innere Zerrissenheit, noch mehr spürbaren Zerfall. So bleibt er oft eher Teil des Geschehens als sein wirklicher Motor.
Am Ende saß ich also im Kino und hatte genau diesen zwiespältigen Eindruck, den manche Horrorfilme hinterlassen: Ich konnte vieles daran schätzen, aber ich konnte mich ihm nicht völlig hingeben. Ich fand ihn stark in einzelnen Momenten, mutig in seiner Körperlichkeit, bedrückend in seiner Atmosphäre und durchaus sehenswert, wenn man an hartem, gemeinem Horror interessiert ist. Aber ich habe auch ständig gespürt, dass dieser Film größer, eigenwilliger und nachhaltiger hätte sein können. Er kratzt an etwas Verstörendem, an etwas Tragischem, an etwas wirklich Dunklem – und bleibt dann doch immer wieder in vertrauten Genremustern stecken.
Für mich ist Lee Cronin’s The Mummy deshalb kein misslungener Film, sondern ein frustrierend halber Triumph. Einer, der viel Talent, viel Stil und viel Lust am Unangenehmen besitzt, aber sein Herzstück nicht ganz freilegt. Ich fand ihn intensiv, ich fand ihn stellenweise sogar ziemlich stark, aber ich habe das Kino nicht mit dem Gefühl verlassen, gerade einen neuen Horror-Meilenstein gesehen zu haben. Eher mit dem Eindruck, einem Film begegnet zu sein, der sich mit aller Kraft in die Haut schneidet, ohne wirklich bis auf die Seele vorzudringen.