Die Sache mit den "Tropes"

  • Beim Besuch der Website der Autorin Nicole Böhm fiel mir dieser Punkt wieder ins Auge: insbes. im Sektor der "Romance"-Buchszene wird mit feststehenden Begriffen, gen. "Tropes", hantiert, die es dem (idH weiblichen) Publikum leichter machen sollen, ihr bevorzugtes Lesefutter zu finden.

    Ich zitiere aus der Promotion für ihre neue Buchreihe "Zodiac":

    Quote

    Tropes

    • He falls first and so much harder
    • After-Action Patch-Up
    • Enemies to Lovers
    • Act of true Love
    • Forbidden Love
    • Found Family
    • Almost Kiss
    • Slow Burn
    • Royals

    Es entsteht der Eindruck einer sehr zielgruppenorientierten Schreib-Weise, die sehr erfolgreich ist, aber bitte die angekündigten Appetizer auch zu liefern hat. Das erinnert nicht von ungefähr an gewisse Sektoren von Erwachsenenunterhaltung, die auch mit Stichworten ähnlicher Art arbeiten.

    Ist das Eurer Meinung nach einzigartig für dieses Genre und für den Buchsektor, oder ist das früher oder später auch die Zukunft des Hörspiels?

    -- I teach writing courses and first of all, I teach my students what prosody is. (Theodore Sturgeon)

  • Sehr interessant! Ich weiß ehrlich gesagt nicht so recht was ich davon halten soll. Grundsätzlich sind das Fakten kurz und knapp zusammen getragen. Also praktisch. Ich habe lieber eine altmodische Inhaltsangabe mit Genreangaben. Aber Ja, warum nicht? Ich habe nur ein wenig Furcht, dass nicht zuerst die Geschichte und dann diese „Tropes“ verfasst werden, sondern dass Autoren zuerst die Tropes zusammen suchen, die für ein erfolgreiches Hörspiel notwendig sind und erst danach anhand dieser eine Geschichte verfasst wird und danach ein Hörspiel produziert. Das wirkt dann auf mich künstlich, selbst ohne KI. Aber vielleicht ein Trend, der halt wieder Zeit, dass sich alles weiter entwickelt. Bin gespannt ob sich dies auch im Hörspielbereich durchsetzt. Und ob unsere Labels und Autoren hier auch auf solche Tropes setzen werden.

    Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

    Solange es Leute wie uns drei gibt und wir hier schreiben, bleibt es hoffentlich bestehen. Noch lange! #top#

  • Was meinen die anderen dazu? Wollen wir das?

    Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

    Solange es Leute wie uns drei gibt und wir hier schreiben, bleibt es hoffentlich bestehen. Noch lange! #top#

  • Oder um es mal zu illustrieren -- stellt Euch vor, ein Hörspiel-Promotext würde mit so etwas um die Ecke kommen:

    Neue Crime-Serie! Schon die Pilotfolge bringt alles mit, was der Fan braucht:

    • Trickser bei der Arbeit: Ein Trickbetrüger versucht, einen Konkurrenten auszuhebeln.
    • Gauner mit Skrupeln: der Schurke hat ethische Prinzipien.
    • Gefaktes Verbrechen: es stellt sich heraus, dass eine Straftat gar nicht begangen wurde
    • Sex sells: verführerischer Romeo argumentiert auf allen Ebenen
    • Falschgeld oder Echtgold: die Beute ist wertlos -- oder doch nicht?
    • Kopf ab: mind. eine Dekapitation vor Ende der Story

    -- I teach writing courses and first of all, I teach my students what prosody is. (Theodore Sturgeon)

  • Da brauche ich das Buch gar nicht mehr lesen bzw. das Hörspiel gar nicht mehr zu hören. Weiß ja vorher schon ganz genau, wann was vorkommt. Ich lasse mich da lieber von der Handlung überraschen und möchte höchstens eine kurze Inhaltsangabe vorab. Diese Tropes verraten mir vorab schon viel zu viel von der Handlung.

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    Ich bin heute so farbenfroh, ich habe fünf verschiedene Schwarztöne an.

  • Ich sehe das wie S.R.-Fan über mir.

    Mich machen tropes nicht neugierig, eher das Gegenteil: ist die Suppe so dünn geraten, daß man das ganze auf 2,3 Worte reduzieren kann? ( und auch schon quasi die Lösung verrät, wie z.B. bei 'gefaktes Verbrechen'). Hey, da geht ja jede Überraschung flöten?

    Nein, Ich brauche bitte den Klappentext. Wer ist der Held? Wo spielt das ganze und wann? Der konkrete Fall steht für mich hinter dieser Rahmenhandlung erstmal zurück. Wenn die nach meinem Geschmack ist, sieht man weiter. Bei bekannten Autoren, Verlagen und Serien brauche ich eh keine zusätzlichen trigger, deren Glanz blendet genug.

    Oder um es mal zu illustrieren -- stellt Euch vor, ein Hörspiel-Promotext würde mit so etwas um die Ecke


    • Trickser bei der Arbeit: Ein Trickbetrüger versucht, einen Konkurrenten auszuhebeln.
    • Gauner mit Skrupeln: der Schurke hat ethische Prinzipien.
    • Gefaktes Verbrechen: es stellt sich heraus, dass eine Straftat gar nicht begangen wurde


  • Ich war mir nicht zu 100% sicher verstanden zu haben, was Tropes sind - aer das ist, was ich dann dazu gefunden habe:

    "Tropes are patterns in stories that readers recognize. They help shape characters, plots, and themes. For writers, knowing tropes is like knowing the rules of a game. You can follow them, twist them, or break them—if you understand them."

    Das erinnert mich an etwas, das mir nach dem ersten mal "Avatar" schauen aufgefallen ist (der erste Teil) - für mich ist der Film nichts anderes als eine Kopie von "Last Samurai", was eine Kopie ist von "Der mit dem Wolf tanzt" - teilweise die gleichen Twists und Turns, einzig die Kostüme / Settings sind verschieden. Und das hat mich damals richtig genervt.

    Wenn Samsung ein Handy mit runden Ecken auf den Markt wirft, dann ist es eine schlechte Apple Kopie, aber wenn der gute Mister Cameron mit seinen blauen Männchen die alte Geschichte des armen unterdrückten Volkes zum dritten Mal aufwärmt wird er gefeiert als gäbe es kein morgen mehr (selbst wenn er sich dann selbst noch ein 2. und 3. Mal kopiert)...

    Mein Name ist Dorian Hunter, und ich bin der Sohn des Teufels. Ich war der Sohn des Teufels, denn ich habe ihn getötet! :evil:

  • Ich zitiere aus einer sehr alten, aber großartigen Kritik von T. Dewi zum "Hunger Games"-Phänomen:

    Quote

    Wenn es Massen pubertierender Mädchen gibt, die sowas für "voll spannend" halten – dann mag "Hunger Games" ein Megahit werden. [...] Vielleicht hat Hollywood was kapiert, was ich nicht glauben möchte: dass es scheißegal ist, wie miserabel ein Film inszeniert und gespielt ist, solange er die richtigen Knöpfe drückt. Wenn es stimmt, dass man bloß die korrekten emotionalen "beats" treffen muss und alles andere wurscht ist, dann ist "Hunger Games"… ein Porno. Die machen es auch nicht anders, zielen nur bei einem anderen Geschlecht auf eine andere Stelle.

    So interpretiere ich die Tropes. Als popkulturelle Sortierhilfe rund um die Tatsache, dass sich Dinge nun mal wiederholen, weil es nicht unbegrenzt viele Geschichten gibt. Aber der Erfolg solcher Tropes-Kategorien in der Promo von (vorzugsweise bisher) Romanserien im Stil "Nackenbeißer" legt es wirklich nahe, dass es bei bestimmten Teilen des Publikums wirklich idH darum geht, dass "bestimmte Knöpfe" gedrückt werden. Rein funktional: In meiner nächsten Lektüre soll bitte ein "arroganter hübscher Schnösel", der "reich aber innerlich einsam" ist, die "arme Heldin" erst mal durch eine S/M-Story ziehen, bevor XYZ.

    Das kommt jetzt etwas zynisch, aber warum sollten sich ähnliche Erwartungshaltungen nicht auch in anderen Sektoren durchsetzen?

    -- I teach writing courses and first of all, I teach my students what prosody is. (Theodore Sturgeon)

  • Martin Seebeck

    Aber ist das nicht längst so, auch wenn das vielleicht nicht explizit benannt wird, schon gar nicht unter dem Begriff "Trope"?

    Es gibt durchaus so etwas wie "Gebrauchs-Kunst", die eher Dienstleistung als klassisches Kunstwerk, das etwas halbwegs Originäres schaffen will, ist. Die Leute kaufen es, GERADE WEIL es nicht überrascht, GERADE WEIL sie wissen, dass sie bestimmte Elemente, nach denen es sie verlangt, darin enthalten sind.

    Isofern ja, ich könnte mir gut vorstellen, dass das für solche "Gebrauchskunst" noch weiter ausgebaut wird.

    "Echte" Literatur funktioniert jedoch meines Erachtens nach anderen Kriterien.

    Für Hörspiele braucht man so etwas nicht, denke ich, denn das Gros der Hörer verlangt doch im Grunde seit vierzig Jahren nach immer dem Gleichen. Wer es also allein auf Kommerz absieht, weiß, was nachgefragt wird. ; )

    Edited once, last by Hardenberg (April 21, 2026 at 10:51 PM).

  • Ich denke wir Alten brauchen so etwas nicht. Wir werden uns damit auch nicht mehr anfreunden können. Wie geschrieben, ich hab lieber meine klassischen Inhaltsangaben. Aber wenn man damit neue Käuferschichten erschließen kann, warum nicht? Wenn die Jungen darauf stehen, kann man es gerne mit solchen Tropes versuchen!

    Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

    Solange es Leute wie uns drei gibt und wir hier schreiben, bleibt es hoffentlich bestehen. Noch lange! #top#

  • Wer sich das nicht recht vorstellen kann, hier ein Beispiel:

    THE AOS auf Instagram
    „Aftermyth - Penelope und die Prüfung der Götter“ gibt’s jetzt...
    www.instagram.com

    Das geht dann genau so:

    "Du suchst nach einem Hörbuch das

    • Percy Jackson und
    • Harry - Potter - Vibes gibt,
    • gleichzeitig willst du aber mehr weiblichen Protagonistinnen lauschen,
    • Du liebst Fantasy,
    • griechische Mythologie und
    • Dark Academia,

    ... dann solltest Du [Hörbuchwerbung]"

    Die Frage für mich ist lediglich noch: schreiben die Autorinnen schon mit diesen Tropes im Kopf, weil sie wissen, dass sie ihre Bücher verkaufen müssen, um berühmt zu werden was zum Essen zu haben wasauchimmer; fällt ihnen nichts anderes ein, weil sie als Fan writer zum Schreiben kamen und ihnen vielleicht gar nichts Neues einfallen kann, oder kommt die Vorgabe vom Verlag, dass sie gar nicht erst versuchen werden, in der Aufmerksamkeitsökonomie was anderes auf den Markt zu bringen, als das, was die Leser/innen eigentlich schon kennen?

    -- I teach writing courses and first of all, I teach my students what prosody is. (Theodore Sturgeon)

  • Selbiges habe ich mich in meinem ersten Beitrag auch gefragt. Es wird wohl eine Mischung aus allen sein.

    Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

    Solange es Leute wie uns drei gibt und wir hier schreiben, bleibt es hoffentlich bestehen. Noch lange! #top#

  • Naja, grundsätzlich ist das eben einfach Marketing. Um neue Kunden zu erreichen, verbindet man das anzupreisende Werk mit etablierten Schlagworten. Das ist doch nun wirklich nicht neu.

    Auch dass es Gebrauchskunst gibt, die auf Leserinnen und Leser zugeschnitten bereits eingetretenen Pfaden folgt, ist doch nichts Neues.

    Neu ist höchstens, dass das heute sehr transparent und offensiv betrieben wird.

    Das ist halt mehr Dienstleistung als hohe Kunst.

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