Kommissar Beck - Hörspiele über Verbrechen

  • Das Ehepaar Maj Sjöwall und Per Wahlöö veröffentlichte in den Jahren 1965 bis 1975 insgesamt 10 Kriminalromane, in denen Kommisssar Beck und sein Team ermitteln. Die Bedeutung dieser Reihe für die schwedische Kriminalliteratur kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Vielleicht kann man es mit dem Einfluss der Beatles auf die Popmusik vergleichen: In beiden Fällen gibt es ein 'Vor' und ein 'Danach'.

    Man könnte jetzt seitenlange Artikel darüber schreiben, wie revolutionär diese Krimis waren. Hier sei nur kurz erwähnt, dass es keine überklugen Ermittler gibt, sondern lebensnah geschilderte Charaktere mit nachvollziehbaren, alltäglichen Problemen. Die Arbeit der Polizei wird vergleichsweise realistisch geschildert. Soziale und politische Probleme Schwedens der 60er und 70er Jahre finden Eingang in die kapitalismuskritischen Bücher. Und immer wieder spielt 'Kommissar Zufall' eine wesentliche Rolle. Kern der Philosophie der Reihe ist ein Satz, den Martin Beck bereits im ersten Buch sagt: „Mörder sind normale Menschen, nur unglücklicher.“

    Für heutige Leser*innen liegt ein Teil des Reizes auch darin, dass die Fälle in einer völlig anderen Welt spielen: Kein Internet, keine Smartphones, natürlich auch kein Social Media. Telefongespräche ins Ausland müssen angemeldet werden, Telegramme sind das schnellste Kommunikationsmittel nach Übersee. Die Fälle würden heute ganz anders ablaufen und bearbeitet werden als das in den 60er und 70er Jahren möglich war. Sauer stößt aus heutiger Perspektive das Frauenbild der damaligen Zeit auf, das (leider) auch in den Romanen und Hörspielen ein eher negatives ist.

    Von 1978 an wurden alle Fälle des Teams in Deutschland auch als Hörspiele bearbeitet. d-a-v hat die Produktionen in einer Box mit 16 CDs gesammelt veröffentlicht. Diese ist heute noch gebraucht erhältlich. Es gibt zudem sehr gelungene ungekürzte Lesungen von Argon Hörbuch, die von Günther Harder vorgetragen werden. Und alle 10 Romane sind bei rowohlt sowohl als Taschenbücher als auch in Form von ebooks in neuer Übersetzung erhältlich.

    Viele kennen vielleicht auch die vom ZDF mitproduzierte Serie 'Kommissar Beck – Die neuen Fälle', in denen die Geschichte des Teams nach den 10 Romanen fortgeschrieben und neue Fälle gelöst werden. Es ließe sich trefflich darüber streiten, wie nah diese Krimis noch an der Vorlage sind.

    Mein Vorhaben besteht darin, nach und nach noch einmal alle Romane aus der Reihe zu lesen und anschließend die Hörspielfassungen zu hören. Und immer, wenn ich einen weiteren Fall 'abgeschlossen' habe, hier meine Eindrücke zum Hörspiel zu schreiben. Das wird dann auf jeden Fall mit einigen Pausen zwischen den Hörspielen abgehen. Mal schauen, ob und wann ich das Ende dieses Vorhabens erreichen werde.

    Nicht jeder Verkannte ist ein Genie. (Walter Moers)

  • Fall 1: „Die Tote im Götakanal“

    Eine Frauenleiche wird aus dem Götakanal gezogen. Niemand weiß, wer sie ist, wo und warum sie getötet wurde. Sicher ist nur, dass sie Opfer einer brutalen Vergewaltigung wurde. Im Lauf von quälend langwierigen Ermittlungen erfährt man immer mehr über sie. Nur dem Täter kommt man nicht näher. Er wird schließlich zufällig entdeckt, man kann ihn aber nicht überführen. Kommissar Beck entschließt sich, eine junge Kollegin als Lockvogel einzusetzen. Und dann geht alles schief, was nur schief gehen kann...

    Das Hörspiel aus dem Jahr 1978 ist eine Umsetzung nah an der Romanvorlage. Natürlich fällt hier und da mal etwas den Kürzuungen zum Opfer, damit es auf die radiotaugliche Länge von circa 55 Minuten zurechtgestutzt werden konnte. Leider ist dadurch auch die einzige humorvolle Szene in dieser düsteren Geschichte (ein Telefonat, dass Martin Beck auf Englisch führen muss), der Schere zum Opfer gefallen. Insgesamt aber vermisst man kaum etwas.

    Die Produktion verlässt sich auf zwei sehr überzeugende Erzähler*innen, die durch die Handlung führen und hier und da Handlungsfäden zusammenführen. Matthias Ponnier und Rita Russek lesen ihre Parts ruhig und ohne jegliche Hektik. Die Spielszenen glänzen durch ausgefeilte Dialoge und ebenfalls durch tolle Sprecherleistungen. Kommissar Beck wird souverän von Charles Wirths gesprochen. In einer Nebenrolle hören wir den jungen Christian Brückner. Alle Beteiligten machen aber einen richtig guten Job, so dass man eigentlich niemanden besonders hervorheben mag.

    Musik wird als Szenentrenner eingesetzt und untermalt zudem die Erzählerparts immer dann, wenn diese etwas schildern, das die Handlung vorantreibt. Als Szenentrenner sind sie sehr kurz und ein wenig dissonant, als Untermalung sind sie jazzig-treibend. Die Geräuschkulisse wirkt sehr simpel, man hört z. B. mal ein Telefon klingeln oder einen Filmprojektor surren. Das ist also alles sehr reduziert, dabei aber nicht weniger wirksam als aufwändig produzierte Krimis mit Geräuschteppichen und bombastischem Score.

    'Die Tote im Götakanal' kann auf jeder Ebene überzeugen und ist eine gelunge Stunde Krimi-Spannung. Das Hörspiel funktioniert auch fast 50 Jahre nach seiner Entstehung und mehr als 60 Jahre nach Erscheinen des Romans immer noch problemlos. Zwar kann man noch nicht unbedingt erahnen, wie bahnbrechend die Reihe später werden sollte. Aber viele Elemente, die die Krimis weit über den Durchschnitt hinausheben, sind bereits erkennbar.

    Nicht jeder Verkannte ist ein Genie. (Walter Moers)

    Edited 2 times, last by Stollentroll (March 8, 2026 at 4:27 PM).

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