Europa Grusel-Serie - 16. Ungeheuer aus der Tiefe

  • Europa Grusel-Serie - 16. Ungeheuer aus der Tiefe

    Eine Gruppe junger Leute setzt mit dem Boot auf eine Insel über, urlaubsheiter, leicht überdreht, ein bisschen flirtend, ein bisschen sorglos – und genau diese Sonne-auf-der-Haut-Stimmung ist der Köder, mit dem die Folge arbeitet. Denn unter der Oberfläche liegt etwas, das nicht nur „da“ ist, sondern eine Konsequenz hat: radioaktiver Müll, heimlich versenkt, und daraus geboren ein Wesen, das nicht einfach ein Tier ist, sondern eine Mutation, die den Menschen als Störung empfindet, als Beute, als Eindringling. Die Insel wird dadurch zur Falle: ein klar umrissener Ort, begrenzte Fluchtmöglichkeiten, Meer ringsum – und ein Gegner, der aus dem Wasser kommt, also aus dem Element, dem man dort eigentlich vertraut.

    Diese Folge ist für mich so ein typischer Fall von „verkannt, aber nicht grundlos umstritten“. Ich verstehe jeden, der beim Stichwort „Monster aus radioaktivem Müll“ innerlich schon die Augen verdreht, weil das nach B-Movie klingt – und zwar nach einem, das man eher mit Popcorn als mit Gänsehaut verbindet. Gleichzeitig hat „Ungeheuer aus der Tiefe“ etwas, das viele stärkere Folgen manchmal nicht haben: dieses ganz unmittelbare Ferieninsel-Setting, das erst angenehm, dann plötzlich unheimlich wird, weil es keine Ausweichwelt gibt. Du bist da. Und wenn es kippt, kippst du mit.

    Inszenatorisch lebt das Hörspiel von zwei Dingen: Enge und Stimmung. Enge, weil die Insel nicht groß ist, weil das Boot nicht jederzeit verfügbar scheint, weil Wege kurz sind und man ständig das Gefühl hat, dass man sich im Kreis bewegt. Und Stimmung, weil das Meer hier nicht romantisch ist, sondern bedrohlich – ein dunkles, schwer einschätzbares Außen, aus dem jederzeit etwas kommen kann. Gleichzeitig ist das die Folge, die sich manchmal selbst im Weg steht, weil sie ihre Figuren wie Figuren benutzt: viele Namen, viele Stimmen, viel „Wir müssen jetzt…“, und die Gruppe bleibt oft skizzenhaft. Dadurch passiert etwas Gemeines: Wenn jemand verschwindet, ist es weniger Tragik als Funktion. Man registriert den Abgang, aber man leidet nicht wirklich mit. Das nimmt dem Monster zwar nicht die Gefährlichkeit, aber der Geschichte die Wucht. Was ich aber mag, ist dieser dreckige, fast zynische Unterton, dass ausgerechnet das menschliche Fehlverhalten – das Versenken von Fässern – den Horror erst möglich macht. Das ist nicht subtil, das ist Holzhammer, ja. Aber es ist ein Holzhammer, der zur Zeit der Reihe passt, und er gibt der Folge wenigstens ein Motiv, das über reines „Biest greift an“ hinausgeht. Und dann kommen die Elemente, an denen sich viele stoßen: Telepathie, Telekinese, dieses „intelligente“ Monster, das durch Menschen spricht oder Dinge „bewegt“. In einem Film könnte man das visuell anders verkaufen. Im Hörspiel wirkt es schnell wie ein zusätzlicher Trick, der die Bedrohung steigern soll – aber gleichzeitig das Ganze ins Alberne ziehen kann, wenn man nicht komplett mitgeht.

    Sprecherseitig ist das – typisch EUROPA – solide und vertraut, und genau das hält das Hörspiel auch dann zusammen, wenn die Figuren an sich eher austauschbar bleiben. Man hat diese Stimmen, die man kennt, diese Routine im Dialog, dieses „Inventar“, das einem Sicherheit gibt, während die Geschichte eskaliert. Das funktioniert gerade bei solchen „Gruppenfolgen“ oft besser als die eigentliche Charakterzeichnung, weil man als Hörer über die Stimmen unterscheidet, nicht über Tiefe. Und es gibt Momente, in denen einzelne Rollen richtig Spaß machen, weil sie diese leichte Ferienlockerheit haben, die später umso bitterer wirkt, wenn das Ungeheuer zuschlägt.

    Klanglich ist „Ungeheuer aus der Tiefe“ stärker, als viele ihm zugestehen. Die Inselatmosphäre kommt rüber: Wasser, Außenräume, das Gefühl von Luft und Abstand – und dann dieses plötzliche Umschalten in Gefahr. Das Brüllen des Monsters hat Wucht, und es ist einer der wenigen Fälle, wo man wirklich spürt: Das ist nicht nur ein „Geräusch“, das ist ein akustischer Angriff. Dazu kommt die Musik, die – gerade in der alten Fassung – oft mehr Stimmung erzeugt als die Dialoge. Sie legt diesen pulsierenden Druck darunter, der das Geschehen größer macht, als es auf der Ebene der Handlung manchmal ist. Wenn die Folge etwas wie „Kino“ hat, dann kommt das über Sound und Musik: dieses Gefühl von Bedrohung, die aus einer dunklen Tiefe hochdrückt.

    Das Cover ist eine dieser perfekten EUROPA-Lügen, die man trotzdem liebt: knallig, plakativ, das Monster riesig und greifbar, als wäre es ein klassischer Kreaturenfilm mit klarer Bestie im Bild. Dabei bleibt das Ungeheuer im Hörspiel ja eher Andeutung, Stimme, Präsenz, Attacke – etwas, das man sich vorstellen muss. Und genau deshalb funktioniert das Cover fast wie eine Einladung: „Du willst wissen, wie das aussieht? Dann hör.“ Es verspricht einen direkten Monster-Schock, während das Hörspiel eher über Atmosphäre und das Unbekannte arbeitet.

    „Ungeheuer aus der Tiefe“ ist keine elegante Folge. Sie ist manchmal plump, manchmal zu kurz angebunden, manchmal wirkt der Schluss wie ein abruptes Wegblenden, gerade wenn man denkt, da müsste noch ein letzter dunkler Dreh kommen. Aber sie hat etwas, das bleibt: diese Insel als Bühne, dieses Gefühl, dass Urlaub plötzlich kippt, und dieses Monster, das nicht aus Mythos oder Fluch kommt, sondern aus einer sehr menschlichen, sehr dreckigen Ursache. Für mich ist das keine rote-Laterne-Folge – eher eine, die grob gebaut ist, aber genau dadurch ihren eigenen, leicht trashigen Reiz hat. Und wenn das Brüllen einsetzt und die Inselatmosphäre sich verdichtet, erwischt sie mich immer wieder bei dem Gedanken: Vielleicht ist das gar nicht „zu albern“ – vielleicht ist es einfach eine dieser Folgen, die nicht schön sein wollen, sondern nur unangenehm.

Participate now!

Don’t have an account yet? Register yourself now and be a part of our community!