Poldis Storytelling - Geschichten, die mich begleitet haben

  • Poldis Storytelling - Geschichten, die mich begleitet haben

    ^^ Jetzt muss ich doch mal kurz lachen. Wer DerPoldi kennt, weiß, wie sehr er dem Schreiben verbunden ist, und das schon seit vielen Jahren (und das lange, bevor KI manchem Schreibfaulen die Hand geführt hat).

    BTW, hoch interessant, dass du auch an Schreibwettbewerben teilgenommen hast! Bei all deinen wirklich kreativen Ideen, die du hier für neue Reihen postest, frage ich mich gerade (und das schon seit Wochen, um ehrlich zu sein), warum du dir nicht mal ein Herz fasst und selbst ein Skript angehst?! Ich weiß, deine Krankheit wird dich sicher blockieren, aber ich bin schon jetzt davon überzeugt, dass du das kannst. Ich fänds toll, wenn du dich - mal ganz ohne Druck - daran versuchen würdest. Und sicher nicht nur ich!! :) Versuch macht kluch!


    Aus der netten Antwort von gruenspatz ist in mir irgendwie die Idee gereift, all meine Geschichten noch einmal hervorzuholen, sie in Ruhe durchzulesen und vielleicht an einen Verlag für Kurzgeschichten zu schicken. Die eine oder andere würde ich auch gern hier mit euch teilen.

    Manche Texte sind inzwischen mehr als 20 Jahre alt – und klingen natürlich auch entsprechend nach der Zeit, in der sie entstanden sind. Gerade deshalb habe ich für mich beschlossen, sie nicht nachträglich umzuschreiben oder stilistisch zu glätten. Sie sind so entstanden, in genau diesem Ton, mit genau diesem Blick auf die Welt – und so dürfen sie auch bleiben.

    Für mich sind sie ein Stück persönlicher Entwicklung, kleine literarische Momentaufnahmen aus unterschiedlichen Lebensphasen. Vielleicht wirken sie heute stellenweise unbeholfener oder naiver, vielleicht auch roher und unmittelbarer – aber gerade das macht ihren ursprünglichen Kern aus.

    Deshalb möchte ich sie bewusst in ihrer ursprünglichen Form bewahren und lediglich behutsam durchsehen. Und wenn sie dann den Weg zu einem Verlag oder zu euch finden, dann genau so, wie sie damals gedacht und geschrieben wurden.

    Ich würde mich sehr über euer Feedback freuen – ganz gleich, wie es ausfällt. Vielleicht gefällt euch das eine oder andere, vielleicht auch nicht. Beides ist völlig in Ordnung und für mich gleichermaßen spannend.

  • So war es bei mir auch. Ich habe etwa mit 10 angefangen zu schreiben, nachdem meine Aufsätze in der Grundschule immer gut ankamen. Ansonsten war ich eher nur ein 3er Schüler, aber in deutsch konnte ich glänzen.

    Schön, wenn man seine ersten Versuche noch hat, ich besitze auch noch Din A 5 Schulhefte mit meinen Geschichten darin.

  • Da bin ich sehr gespannt...👍

    Schön, dass Du sie so lässt und nichts dran änderst. Ich denke, das ist die richtige Entscheidung...

  • So war es bei mir auch. Ich habe etwa mit 10 angefangen zu schreiben, nachdem meine Aufsätze in der Grundschule immer gut ankamen. Ansonsten war ich eher nur ein 3er Schüler, aber in deutsch konnte ich glänzen.

    Schön, wenn man seine ersten Versuche noch hat, ich besitze auch noch Din A 5 Schulhefte mit meinen Geschichten darin.

    Das ist wirklich schön – und auch irgendwie kostbar, wenn man solche frühen Sachen noch hat. Diese DIN-A5-Hefte sind ja im Grunde kleine Zeitkapseln. Man hält nicht nur Geschichten in der Hand, sondern auch den eigenen damaligen Blick auf die Welt.

    Liest du deine alten Geschichten heute eigentlich noch manchmal? Ich habe bei mir die Erfahrung gemacht, dass das zugleich rührend und amüsant sein kann. Die älteste Geschichte, die ich bisher gefunden habe, stammt tatsächlich auch noch aus der Grundschule – und ich musste beim Lesen sehr schmunzeln. Da ist so viel Ernst und Fantasie drin, aber eben auch diese kindliche Direktheit im Ausdruck.

    Man erkennt sich darin irgendwie wieder – und zugleich auch überhaupt nicht mehr. 😊

    Da bin ich sehr gespannt...👍

    Schön, dass Du sie so lässt und nichts dran änderst. Ich denke, das ist die richtige Entscheidung...

    Ich weiß ehrlich gesagt noch gar nicht, ob das wirklich so klug ist, sie komplett unverändert zu lassen. Der Gedanke dahinter ist schön, klar – aber ich merke eben auch, dass ich manches heute einfach anders schreiben oder formulieren würde. Nicht unbedingt inhaltlich, sondern vom Ausdruck her.

    Mit etwas Abstand sehe ich halt Stellen, bei denen ich denke: Das würde ich heute ruhiger oder treffender sagen. Deshalb bin ich da selbst noch unschlüssig, ob „gar nichts ändern“ wirklich die beste Lösung ist.

    Aber sie sind eben wie sie sind.

  • Da freue ich mich drauf!

    Vielleicht kannst du sie ja sehr sanft an einigen wenigen Stellen angleichen, ohne dass sie ihren ursprünglichen Charakter verlieren.

    Funfact am Rande: ich habe neulich einige alte Schultagebücher meines Großvaters gefunden (er war Deutschlehrer). Heraus fiel ein kurzes Skript, das er mit verteilten Rollen für seine Klasse geschrieben hatte, für eine Theateraufführung. Ich durfte ihn leider nicht mehr kennen lernen, aber als ich das gesehen habe, hat mich das doch sehr gerührt. Da liegt der Drang zum Schreiben wohl in den Genen?! :love:

    Meine ersten Geschichtchen stammen auch aus der Grundschule. Und einen waschechten englischen Krimi aus Klasse 9 habe ich auch noch! ^^


    Eins und eins ist zwei - von London bis Shanghai!

  • Liest du deine alten Geschichten heute eigentlich noch manchmal? Ich habe bei mir die Erfahrung gemacht, dass das zugleich rührend und amüsant sein kann. Die älteste Geschichte, die ich bisher gefunden habe, stammt tatsächlich auch noch aus der Grundschule – und ich musste beim Lesen sehr schmunzeln. Da ist so viel Ernst und Fantasie drin, aber eben auch diese kindliche Direktheit im Ausdruck.

    Als ich vor einiger Zeit die Hefchen wiedergefunden habe, habe ich auch mal reingelesen und mich amüsiert. So habe ich schon sehr früh Schiece Fiction gelesen, in der mein Held Gary Collins in Abenteuer verstrickt wurde. Ich weiß noch, wie meine Familie ziemlich lachte, als ich ihr den Namen des Planeten vorgelesen habe. Der hieß nämlich Gyros. Da damals, Ende der 70er, Gyros gerade mal zu der Zeit in den Imbiss-Buden populär wurde, hatte ich das nicht mitbekommen. Ich habe mich sehr geärgert, daß die einfach meinen Planetennamen dafür genommen haben. ^^

    Danach habe ich mich dann auf Gruselstories verlegt, die dann doch etwas Ähnlichkeit mit den Marvel-Dracula Comics hatten und später dann mit John Sinclair. Aber in den Heftchen habe ich dann ja schließlich einige Geschichten Jahre später unterbringen können als Leserstory der Woche.

  • Verändere es nicht. Du wirst doch damals einen guten Grund gehabt haben, es genau SO zu schreiben.

    Und genau das ist doch für uns heute interessant. Für Dich doch wahrscheinlich auch...

    Wenn es jetzt geändert würde, wäre es doch ein Text von HEUTE...

  • Da freue ich mich drauf!

    Vielleicht kannst du sie ja sehr sanft an einigen wenigen Stellen angleichen, ohne dass sie ihren ursprünglichen Charakter verlieren.

    Verändere es nicht. Du wirst doch damals einen guten Grund gehabt haben, es genau SO zu schreiben.

    Und genau das ist doch für uns heute interessant. Für Dich doch wahrscheinlich auch...

    Wenn es jetzt geändert würde, wäre es doch ein Text von HEUTE...

    Genau das ist auch mein Gedanke. Ich glaube, die größte Gefahr bestünde tatsächlich darin, dass ich anfange, hier und da „nur ganz sanft“ etwas zu glätten – und am Ende doch immer weiter gehe und sie unbewusst komplett überarbeite. Und genau das möchte ich eigentlich vermeiden.

    Denn dann wäre es tatsächlich nicht mehr der Text von damals, sondern eine heutige Version mit altem Kern. Und gerade dieses Unverstellte, Zeitgebundene macht ja den Reiz aus. Insofern ist es vermutlich klüger, die Finger weitgehend davon zu lassen, bevor ich mich selbst in so eine Überarbeitungsspirale bringe.

    Als ich vor einiger Zeit die Hefchen wiedergefunden habe, habe ich auch mal reingelesen und mich amüsiert. So habe ich schon sehr früh Schiece Fiction gelesen, in der mein Held Gary Collins in Abenteuer verstrickt wurde. Ich weiß noch, wie meine Familie ziemlich lachte, als ich ihr den Namen des Planeten vorgelesen habe. Der hieß nämlich Gyros. Da damals, Ende der 70er, Gyros gerade mal zu der Zeit in den Imbiss-Buden populär wurde, hatte ich das nicht mitbekommen. Ich habe mich sehr geärgert, daß die einfach meinen Planetennamen dafür genommen haben. ^^

    Danach habe ich mich dann auf Gruselstories verlegt, die dann doch etwas Ähnlichkeit mit den Marvel-Dracula Comics hatten und später dann mit John Sinclair. Aber in den Heftchen habe ich dann ja schließlich einige Geschichten Jahre später unterbringen können als Leserstory der Woche.

    Herrlich – vor allem die Sache mit dem Planeten „Gyros“. 😄 Diese kindliche Empörung kann ich richtig nachfühlen: Man denkt sich etwas vollkommen Eigenes aus – und dann „nimmt“ die Welt plötzlich genau diesen Namen für etwas ganz anderes. Großartig.

    Und dass sich dann schon früh diese Linie von Sci-Fi über Grusel bis hin zu Sinclair-Nähe zeigt, finde ich total stimmig. Man erkennt da ja wirklich schon den späteren Weg. Umso schöner, dass einige dieser frühen Ideen Jahre später tatsächlich wieder auftauchen durften. Das schließt irgendwie einen Kreis.

  • Es ist mir nicht leichtgefallen, einen ersten Text auszuwählen, ich habe mich nun für den folgenden entschieden.

    Dieser Text ist im Jahr 2005 entstanden, ziemlich genau ein Jahr nach jenem Konzertabend, an dem sich mein Leben auf leise, aber unumkehrbare Weise verändert hat. Was damals zwischen zwei Menschen im Gedränge eines Publikums begann, war kein flüchtiger Augenblick, sondern der Anfang einer Verbindung, die tief in mein Dasein hineinwirkte – emotional, existenziell und in einer Weise, die ich rückblickend fast als biologisch empfinde. Als hätte sich etwas in mir neu ausgerichtet, als hätte mein inneres System einen anderen Takt aufgenommen.

    Die folgenden Worte sind der Versuch, diesen Ursprung festzuhalten: den Moment des Sehens, des Bleibens und des langsamen Ineinanderwachsens zweier Leben, die sich im Strom der Welt beinahe verfehlt hätten.

    Im Strom der Menge

    Es hätte auch anders kommen können. Ein paar Schritte mehr, ein Zögern weniger, ein Blick nur zur Bühne statt in die Menge – und ich wäre an dir vorbeigegangen, ohne dich je wahrzunehmen.

    Stattdessen stand ich plötzlich zwischen all den Menschen, umgeben von Stimmen, Lichtern und Erwartung, und hatte dieses seltsame Gefühl, dass etwas mich innehalten ließ. Nicht laut, nicht spektakulär, eher wie ein innerer Widerstand gegen das Weitergehen im Strom der Zuschauer.

    Ich sah dich und blieb.

    Du warst einer von vielen, eingehüllt in die Unruhe vor dem Beginn, in das gedämpfte Summen tausender Gespräche. Und doch war da etwas, das meinen Blick festhielt, als hätte sich ein Faden zwischen uns gespannt, kaum sichtbar und doch spürbar. Für einen Moment schien das Konzert um uns herum zu verschwimmen. Geräusche wurden fern, Bewegungen bedeutungslos.

    Du sahst zurück, erst überrascht, dann offen.

    Dieses erste Lächeln zwischen uns war vorsichtig, fast prüfend. Aber es genügte. Es war, als hätte sich eine Tür geöffnet, von der ich nicht wusste, dass sie existierte.

    Später habe ich oft daran gedacht, wie nah ich daran gewesen war, dich in dieser Menge nicht zu sehen. Wie schmal dieser Augenblick gewesen war, in dem sich entschied, ob du Teil meines Lebens wirst oder nur ein fremdes Gesicht in einem Konzertpublikum bleibst.

    Doch ich blieb stehen. Und du auch.

    Wir fanden Worte, einfache zuerst – Fragen nach der Band, nach dem Weg hierher, nach dem Warten. Dann ehrlichere. Wir lachten, weil es leicht war, und schwiegen, weil es sich nicht fremd anfühlte. Inmitten all der Menschen, der Musik und des Lichts entstand zwischen uns ein Raum, der nur uns gehörte.

    Als die ersten Töne erklangen, standen wir nebeneinander. Nicht verabredet, nicht geplant, und doch selbstverständlich. Unsere Schultern berührten sich flüchtig, dann wieder, und ich merkte, dass ich mehr auf deine Nähe achtete als auf die Bühne.

    Ich ging nach Hause mit dem Gefühl, dass etwas begonnen hatte, ohne dass ich es benennen konnte.

    Wir trafen uns wieder. Und wieder.

    Es war kein plötzliches Fallen, kein überwältigender Sturm. Es war eher ein langsames Hineingleiten in Nähe. Mit jedem Gespräch wurde dein Gesicht vertrauter, mit jeder Berührung deine Gegenwart selbstverständlicher. Manchmal hörten wir gemeinsam Musik und sahen uns an, als wäre dieses erste Konzert nie ganz vergangen.

    Und doch war es nicht immer einfach.

    Zwei Menschen bringen ihre eigenen Geschichten mit, ihre Zweifel, ihre Ängste, ihre Gewohnheiten. Es gab Momente, in denen ich unsicher war, ob wir wirklich zueinander finden würden, Zeiten, in denen Missverständnisse zwischen uns standen wie Mauern, die höher schienen als das, was uns verband.

    Aber wir blieben.

    Ich begann, dir Dinge zu erzählen, die ich sonst zurückhielt, zeigte dir Seiten von mir, die nicht glatt waren, nicht fertig, nicht sicher. Und du tatest dasselbe.

    Wir sahen einander nicht nur im Leichten, sondern auch im Schweren. Und nichts daran ließ uns zurückweichen. Im Gegenteil.

    Je mehr wir uns zeigten, desto mehr wuchs dieses Gefühl, dass ich bei dir nicht vorsichtig sein musste, dass ich nicht erst jemand werden musste, um zu bleiben.

    Mit der Zeit veränderte sich alles. Nähe wurde nicht mehr gesucht, sie war da, selbstverständlich wie Atem. Ich konnte neben dir sitzen, ohne etwas zu sagen, und fühlte mich vollständiger, als Worte es je hätten machen können.

    Manchmal standen wir wieder auf Konzerten, Schulter an Schulter, und ich dachte daran, wie leicht es gewesen wäre, dich in dieser ersten Menge nie zu entdecken. Wie fragil dieser Anfang gewesen war und wie weit wir davon entfernt waren, uns zu verlieren.

    Heute stehen wir oft einfach nebeneinander, nicht immer stark, nicht immer sicher, nicht immer unbeschwert, aber verbunden.

    Deine Hand findet meine im Dunkel zwischen all den Menschen, ohne dass ich danach greifen muss. Dein Blick trifft meinen, während Musik um uns herum wächst, und ich weiß, dass wir denselben Ort meinen, auch wenn keiner ihn ausspricht.

    Was zwischen uns gewachsen ist, fühlt sich nicht mehr zufällig an. Es ist geworden aus Zeit, Vertrauen und dem Mut, zu bleiben.

    Und wenn ich so neben dir stehe, im Klang und im Licht, und in dieselbe Ferne schaue, weiß ich, dass ich nicht mehr allein unterwegs bin.

    Ich bin mit dir. Und wir sind einander sehr nah.

  • Hallo Poldi !

    Das ist ein wahnsinnig schöner Text, sehr plastisch... man kann euch fast erblicken...

    Sehr einfühlsam geschrieben. Ich denke, hiermit hast Du jemanden eine riesen Freude gemacht...

    Vieles erinnert mich auch an die Zeit, in der ich meine Frau kennengelernt habe. Das war sicherlich ganz anders. Wir waren zusammen in einer Klasse... aber irgendwie haben wir uns vor der zehnten Klasse gar nicht richtig wahrgenommen.

    Aber auf einmal war sie da... und ich wusste direkt, dass es eigentlich nur »die« sein kann. Knapp drei Monate zuvor war mein Vater gestorben.

    Das war (auch dadurch) eine wirklich überwältigende Zeit für mich.

    Auch das mit dem »gemeinsam schweigen können« habe ich so ähnlich empfunden. Dazu braucht es Vertrautheit. Und die kommt nicht über Nacht.

    Ich bin gespannt auf weitere Zeilen...👍

  • Diese Erzählung entstand im Jahr 2012, in unmittelbarer Nachwirkung der Lektüre von Edgar Allan Poes Der Untergang des Hauses Usher. Die düstere Atmosphäre, die unheimliche Bindung der Geschwister und das geheimnisvoll lebendige Haus hatten eine solche Faszination auf mich ausgeübt, dass mich die Frage nach den Ursprüngen dieses Verhängnisses nicht mehr losließ.

    So entstand der Wunsch, mir eine mögliche Vorgeschichte vorzustellen — eine Kindheit der Ushers, in der sich bereits jene Schatten andeuten, die später ihr Schicksal bestimmen. Die Nacht in der Gruft ist daher kein Versuch der Erklärung, sondern eine Annäherung: der Versuch, in Poes Welt zurückzugehen, dorthin, wo alles vielleicht begann.

    Ich erinnere mich nicht an einen Anfang, weil das Haus selbst der Anfang war. Noch ehe ich wusste, was Zeit ist, war Zeit in diesen Mauern bereits alt; noch ehe ich begriff, was Stille bedeutet, hatte die Stille hier ein Gewicht, das man tragen musste wie ein zu schweres Gewand. Andere Kinder lernen das Leben an Stimmen, an Türen, an Wegen, die hinausführen. Wir lernten es an Vorhängen, die das Licht dämpften, an Teppichen, die Schritte verschluckten, an Korridoren, die sich nachts so lang anfühlten, als führten sie nicht zu Zimmern, sondern zu Gedanken, die man besser nicht denkt.

    Madeline war immer da. Nicht „neben“ mir, nicht „bei“ mir, sondern wie etwas, das zu mir gehört. Unsere Kinderhände griffen nach denselben Dingen, unsere Blicke blieben an denselben Schatten hängen. Wenn ich in einem Buch eine Stelle las, die mir wie ein dunkler Brunnen vorkam, sah ich auf, und sie sah mich an, als hätte sie dieselbe Tiefe gespürt, ohne das Wort zu kennen. Wir sprachen nicht viel darüber. Kinder sprechen selten über das Ungeheuerliche, sie leben einfach darin, solange kein Erwachsener ihnen sagt, es sei ungewöhnlich.

    Die Erwachsenen in unserem Haus — sofern dieses Wort hier überhaupt passt — waren von einer Art, die mehr verwaltet als liebt. Sie gingen mit gesenktem Blick, als sei jedes Anschauen bereits eine Einmischung. Unsere Eltern… ich schreibe das, und es klingt, als würde ich eine Personengruppe beschreiben, doch in meiner Erinnerung sind sie eher Umrisse. Sie waren früh abwesend, und selbst in ihrer Anwesenheit lagen sie hinter einer Scheibe aus Müdigkeit und Krankheit. Man sagte uns selten etwas, und wenn man etwas sagte, war es fast immer eine Regel: nicht dort hingehen, nicht diese Tür öffnen, nicht das Licht nachts tragen, nicht in der Nähe des Teichs spielen, nicht den Westflügel betreten, nicht, nicht, nicht. Und das Merkwürdige war: Niemand erklärte je, warum.

    Mit den Jahren lernte ich, dass es in einem Haus zwei Arten von Verboten gibt. Die einen sind praktisch; sie schützen vor Stürzen, vor Feuer, vor Verletzung. Die anderen sind abergläubisch; sie schützen nicht den Körper, sondern die Fassade des Schweigens. Und die Ushers — das begriff ich sehr früh — lebten vom Schweigen so, wie andere Familien von Brot leben.

    Die Portraits der Ahnen hingen überall, nicht als Schmuck, sondern als Beobachtung. In manchen Gängen, wenn das Licht schräg fiel, schien es, als würden die gemalten Augen einem folgen. Madeline ging dann mit unbeirrbarer Ruhe vorbei, als sei sie daran gewöhnt, betrachtet zu werden. Ich hingegen fühlte mich stets ertappt, ohne zu wissen, welche Schuld man mir vorwarf. Ich begann, leiser zu gehen, langsamer zu atmen, mich selbst zu verbergen, obwohl ich nicht sagen konnte, wovor.

    Es gab einen Raum, den wir Kinder kaum betraten: eine Bibliothek, deren Fenster so hoch waren, dass das Licht dort oben nur wie ein ferner, kalter Schein existierte. Dort roch es nach Leder und Staub und etwas Metallischem, als seien die Bücher nicht nur Papier, sondern Werkzeuge. In diesem Raum fand ich eines Tages ein dünnes Heft, das nicht in die Reihe passte. Es war nicht gebunden wie die anderen, sondern lag zwischen zwei größeren Bänden, als hätte es sich versteckt. Auf dem Umschlag stand, in einer altmodischen Schrift, nur ein Wort: Usher.

    Ich weiß nicht mehr, ob ich es öffnete, weil ich neugierig war, oder weil das Haus es wollte. Das ist eine Unterscheidung, die ich später oft zu treffen versuchte und nie sicher traf. Ich schlug es auf, und die Seiten waren mit einer krakeligen, hastigen Hand beschrieben. Keine Geschichten, keine Gedichte — eher Aufzeichnungen, als hätte jemand etwas festhalten wollen, das ihm entglitt. Ich verstand damals nicht alles. Aber ich verstand genug, um zu spüren, dass diese Worte in eine Richtung gingen, die nicht gut war.

    Es war die Rede von einer „Empfindlichkeit“, die in unserer Familie liege wie ein Same. Von „Nerven“ und „Schwingungen“. Von dem Gedanken, dass Orte nicht nur Orte sind, sondern Speicher. Dass Mauern etwas aufnehmen, so wie Stoff Gerüche aufnimmt. Und dann stand da, ganz am Rand einer Seite, als hätte die Hand gezittert: Das Haus hört zurück.

    Als Kind liest man solche Sätze nicht wie ein Erwachsener, der sie prüft. Man liest sie wie einen Zauberspruch, der plötzlich in der Luft hängt. Ich fühlte, wie mir kalt wurde, obwohl ich im Raum stand, in dem kein Wind ging. Und in genau diesem Moment hörte ich hinter mir ein leises Geräusch, als hätte jemand den Fuß minimal verschoben.

    Ich fuhr herum. Da stand Madeline. Sie hatte sich, ohne dass ich es bemerkt hatte, in den Raum geschlichen. Ihre Augen waren auf das Heft gerichtet, nicht auf mich. Sie kam näher und legte ihre Hand auf den Tisch, so dicht an meine, dass unsere Finger sich fast berührten. „Du sollst das nicht lesen“, sagte sie. Ihre Stimme war leise, aber in ihr lag etwas, das nicht kindlich war.

    „Warum?“ fragte ich, und ich schämte mich sofort, weil die Frage so klein klang.

    Madeline sah mich an. „Weil es dich findet“, sagte sie.

    Das war alles. Kein weiteres Wort. Sie nahm das Heft nicht weg, sie schloss es nicht. Sie ging nur hinaus, als habe sie ihren Satz abgelegt wie eine Schlüsselformel. Ich blieb zurück, starrte auf die Seite, auf den Rand, auf die krakeligen Worte — und ich schwöre, ich habe in diesem Moment geglaubt, dass das Haus ein wenig stiller wurde, als lausche es.

    Kurz darauf begann das, was ich später, in der Sprache der Ärzte, „Überempfindlichkeit“ nennen hörte. Zunächst war es kaum mehr als eine Laune. Ich mochte bestimmte Stoffe nicht, bestimmte Geräusche schmerzten mich, bestimmte Gerüche lösten Übelkeit aus. Man hielt es für kindische Eigenheiten. Aber es wuchs, und es wuchs nicht wie ein normaler Zustand, der sich entwickelt, sondern wie etwas, das sich entfaltet, sobald es die richtige Umgebung gefunden hat. Das Licht tat mir weh. Das Knarren eines Stuhls ging mir durch die Knochen. Selbst ein leises Flüstern in einem Nebenzimmer konnte mich so erschrecken, als hätte man mir ins Ohr geschrien.

    Madeline hingegen veränderte sich anders. Sie wurde stiller, aber nicht schwächer. Ihre Ruhe bekam etwas Unheimliches, weil sie oft in Momenten am ruhigsten war, in denen ein Mensch eigentlich erschreckt sein müsste. Einmal, ich erinnere mich deutlich, stürzte in einem Korridor eine schwere Vase und zerbarst. Die Scherben flogen, ein Diener schrie auf. Madeline stand daneben, ungerührt, und sah zu, wie eine einzige Scherbe langsam ausrollte. Dann bückte sie sich, hob sie auf und hielt sie ins Licht, als prüfe sie, ob sie eine Botschaft enthält.

    „Du wirst dich schneiden“, sagte ich.

    „Vielleicht“, antwortete sie, und lächelte so leicht, dass ich es eher ahnte als sah. Dann legte sie die Scherbe zurück, als lege sie ein Wort zurück.

    Unsere Kindheit bestand aus solchen Szenen: Dinge, die man nicht erklären kann, die aber in der Summe eine Atmosphäre schaffen, die schwerer wird als jeder einzelne Vorfall.

    Und dann kam die Nacht in der Gruft.

    Sie ist in meinem Gedächtnis nicht wie eine Erzählung, sondern wie ein Bild, das immer wiederkehrt, gleich, wie oft ich es verdränge: der Gang, der nach unten führt; die feuchte Kälte; das flackernde Licht; das Gefühl, dass die Luft dort unten nicht geatmet wird, sondern bewahrt. Man hatte uns den Zugang verboten. Gerade deshalb zog er uns an. Es gab eine Tür in einem Seitenflur, die selten geöffnet wurde. Sie war schwer, mit dunklem Metall beschlagen, und ich erinnere mich an das Schlüsselloch, das wie ein Auge wirkte. Wir fanden irgendwann heraus, dass die Tür manchmal nicht richtig einrastete — nicht, weil man uns hineinlassen wollte, sondern weil in einem Haus wie diesem Dinge schlicht geschehen, ohne dass jemand Verantwortung übernimmt.

    Es war ein Abend, an dem das Gewitter fern stand und doch die Luft drückte. Unsere Eltern waren nicht im Haus, oder sie waren es doch und waren nur wieder hinter ihren eigenen Schatten verschwunden. Ein Diener führte uns ins Bett, und sobald seine Schritte sich entfernten, stand Madeline auf. Ich sah sie im Halbdunkel, und sie sah mich an, als hätte sie bereits entschieden, dass ich folgen werde.

    „Komm“, sagte sie.

    „Wohin?“

    „Nach unten.“

    Ich zögerte. Nicht aus Mut. Aus einem Gefühl heraus, das ich später als Vorahnung bezeichnet hätte, wäre es nicht so unerquicklich, im Nachhinein klüger zu tun, als man war. Madeline ging zur Tür, öffnete sie lautlos, und die Art, wie der Flur uns empfing, war schon wie eine Einladung. Das Haus schien in solchen Nächten nicht zu schlafen. Es lag wach, aber nicht wie ein Mensch wach ist — eher wie ein Tier, das im Dunkeln Augen offen hält.

    Wir schlichen bis zu jener Tür. Madeline legte ihre Hand auf das Metall. Ich sah, wie ihre Finger kurz zitterten, nicht vor Angst, sondern vor etwas, das eher einem Erkennen glich. Dann drückte sie. Die Tür gab nach. Ein kalter Hauch stieg uns entgegen, und ich spürte sofort, wie meine Haut sich zusammenzog.

    Wir stiegen hinab, Stufe um Stufe. Das Licht — ich hielt eine kleine Kerze, die ich aus meinem Zimmer genommen hatte — flackerte, als würde es dort unten ungern existieren. Die Wände waren feucht, und der Geruch war nicht nur der von Erde. Es war der Geruch von Stein, der lange Zeit etwas umschlossen hat.

  • Madeline ging voraus. Sie war barfuß, und doch schien ihr die Kälte nichts auszumachen. Ich hörte meinen eigenen Atem so laut, dass ich ihn dämpfen wollte, und ich erinnere mich an das groteske Gefühl, dass selbst mein Atem in diesem Gang zu laut sei, als störe er etwas.

    Unten öffnete sich der Raum — die Gruft, die man uns verschwiegen hatte, nicht weil sie nicht existierte, sondern weil sie zu sehr existierte. Nischen in den Wänden, alte Särge, einige mit Metallbeschlägen, die im Kerzenlicht matt glimmten. Ich weiß nicht mehr, ob ich Namen las. Ich glaube, ich las keine. Vielleicht waren keine da. Vielleicht wollte das Haus keine Etiketten.

    Madeline blieb stehen und sah sich um, als wäre sie hier zu Hause. Dann ging sie zu einer Nische, legte ihre Hand auf den Stein und schloss die Augen. Ich flüsterte: „Was machst du?“

    Sie öffnete die Augen nicht. „Hören“, sagte sie wieder. Dieses Wort. Immer dieses Wort.

    In dem Moment hörte ich selbst etwas — ein leises, kaum zu fassendes Geräusch, als würde irgendwo, weit entfernt, Stein auf Stein reiben. Ich dachte an Ratten, an Wasser, an das Arbeiten alter Mauern. Aber das Geräusch war zu rhythmisch, zu beharrlich. Es war, als würde jemand mit Geduld an einer Grenze arbeiten.

    „Wir sollten gehen“, sagte ich, und meine Stimme klang dünn, als hätte das Haus sie ausgepresst.

    Madeline wandte sich zu mir. Im Kerzenlicht wirkte ihr Gesicht noch blasser als sonst. „Du hast Angst“, stellte sie fest, nicht spöttisch, eher wie ein Arzt eine Diagnose stellt.

    „Ja“, sagte ich, und ich hasste mich dafür, wie ehrlich es war.

    Sie nickte langsam. „Dann lernst du es“, sagte sie.

    Und dann geschah es.

    Es geschah nicht wie ein lauter Schreck, nicht wie ein Sturz, nicht wie etwas, das man klar beschreiben kann. Madeline stand da, und im nächsten Augenblick war sie anders. Ihr Blick wurde leer, ihre Lippen trennten sich minimal, als wolle sie sprechen und finde das Wort nicht. Sie begann zu schwanken, und ich trat instinktiv vor, doch sie fiel nicht in meine Arme. Sie sank einfach, ganz langsam, wie eine Puppe, der man die Fäden durchschneidet, und blieb auf dem Steinboden liegen, als sei sie eine Figur, die dort immer gelegen hat.

    „Madeline!“ Ich kniete neben ihr. Ich schüttelte sie. Ich fühlte ihre Hände: eiskalt. Ich hörte auf ihren Atem: nichts. Ich legte meine Finger an ihren Hals: keinen Puls. Die Kerze in meiner Hand flackerte so heftig, dass der Schatten ihrer Wimpern über ihr Gesicht jagte, und dieser Schatten war das einzige Leben an ihr.

    Ich weiß, was ein Kind in solchen Momenten denkt: Es denkt nicht in Konzepten. Es denkt in Bildern. Und das Bild, das in mir aufstieg, war brutal einfach: Sie ist tot. Ich bin allein. Ich bin hier unten. Und über mir liegt das ganze Haus wie ein Grab.

    Ich begann zu weinen — nicht laut, weil ich immer schon gelernt hatte, dass Lautsein in diesem Haus eine Art Schuld ist. Es waren stumme Tränen, die auf ihren kalten Handrücken fielen. Ich schrie in mir, aber ich wagte nicht, den Mund zu öffnen. Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass, wenn ich laut rufe, etwas antworten könnte.

    Ich weiß nicht, wie lange das dauerte. Vielleicht nur Minuten. Vielleicht eine Ewigkeit. Zeit löst sich in solchen Räumen auf.

    Dann — und dies ist der Punkt, an dem sich mein Verstand bis heute weigert, eine saubere Erklärung zu liefern — machte Madeline eine Bewegung. Erst kaum sichtbar. Dann atmete sie ein, tief und ruckhaft, als habe sie sich aus Wasser erhoben. Ihre Augen öffneten sich, und sie sah mich an. Nicht verwirrt. Nicht erschrocken. Sie sah mich an, als sei sie diejenige, die sich um mich sorgt.

    „Du bist so laut“, sagte sie leise.

    Ich erstarrte. „Ich… ich habe nichts—“

    „Doch“, sagte sie. „In dir.“

    Ich half ihr auf, und sie stand, als wäre nichts geschehen. Doch ich war nicht mehr derselbe. Denn in diesem Augenblick hatte sich etwas in meinem Inneren festgesetzt, wie ein Stachel, den man nicht herausziehen kann: das Wissen, dass Madeline an einen Ort fallen kann, in den ich ihr nicht folgen kann; und dass sie zurückkehren kann, ohne dass ich begreife, wie.

    Als wir nach oben gingen, war die Tür, durch die wir gekommen waren, plötzlich schwerer. Ich kann nicht sagen, ob sie sich von selbst bewegt hatte oder ob wir sie nicht richtig geöffnet hatten. Aber ich erinnere mich an das Gefühl, dass der Flur oben uns nicht empfangen wollte. Als wir endlich in die oberen Gänge traten, war die Luft wärmer, doch ich fühlte mich, als hätte ich Kälte im Brustkorb gespeichert.

    In den Wochen danach sprach Madeline nie über diese Nacht. Ich sprach auch nicht darüber. Nicht, weil wir es vergessen hätten, sondern weil wir beide wussten, dass Worte es nur in die Welt hinaustragen würden — und etwas in uns wollte es im Haus behalten. Oder das Haus wollte es in uns behalten.

    Von da an wurde Madelines Stille dichter. Und meine Empfindlichkeit nahm zu, als hätte jene Nacht einen Mechanismus in mir gelöst. Ich begann, die Geräusche des Hauses genauer zu unterscheiden, als würde ich eine Sprache lernen, die ich nie lernen wollte. Ich hörte das feine Arbeiten der Mauern. Ich hörte das Knacken im Gebälk wie eine Antwort auf meine Schritte. Und manchmal, nachts, hörte ich etwas, das nicht ins Muster passte: ein leises Schaben, als würde unten im Stein jemand geduldig, unaufhaltsam, an einer Tür arbeiten.

    Einmal fragte ich Madeline, als wir in einem Korridor standen und der Wind an den Fenstern zerrte: „Hast du Angst zu sterben?“

    Sie sah mich lange an. Dann sagte sie: „Ich habe Angst, nicht sterben zu dürfen.“

    Ich lachte damals, weil ich nicht verstand, und mein Lachen klang falsch, wie ein Geräusch, das in einem falschen Raum entsteht. Madeline lächelte nicht. Sie ging einfach weiter.

    Jetzt, wenn ich diese Sätze in mir wiederhöre, fühlt es sich an, als hätte sie mir schon als Kind das Ende genannt, während ich noch glaubte, es gebe Wege hinaus.

    Denn seit jener Nacht in der Gruft ist alles, was später geschah, nur noch eine Ausfaltung. Das Haus, das uns umschloss, wurde enger, je älter wir wurden. Die Welt draußen wurde unwirklich, weil wir sie nicht mehr kannten. Die Ahnenbilder sahen strenger aus, oder vielleicht sahen wir strenger zurück. Und Madeline — Madeline begann, mit einer Selbstverständlichkeit zwischen Zuständen zu gleiten, als hätte sie in der Gruft etwas gelernt, das sie nicht wieder verlernt.

    Ich wünschte, ich könnte sagen, ich hätte damals begriffen, was uns bevorstand. Aber das wäre eine Lüge. Als Kind glaubt man, selbst das Unheimliche sei nur ein Kapitel, nicht das ganze Buch.

    Doch manchmal, wenn ich heute nachts in meinem Zimmer sitze und das Haus wieder so still wird, dass die Stille ein Geräusch bekommt, denke ich an die Kerze in der Gruft, an das Flackern, an Madelines kalte Hände — und an den Moment, in dem sie die Augen öffnete und mich ansah, als sei ich derjenige, der gerettet werden müsse.

    Vielleicht begann der Untergang des Hauses Usher nicht erst, als die Mauern rissen. Vielleicht begann er in jener Nacht, in der zwei Kinder hinabstiegen, und eines von ihnen für einen Herzschlag lang in die Stille fiel, die dem Haus so vertraut ist. Und vielleicht — dies ist der Gedanke, der mich nicht schlafen lässt — hat das Haus seitdem nur gewartet, geduldig, wie Stein geduldig ist, bis wir beide alt genug sind, um das zu vollenden, was es damals in uns gelegt hat.

  • Im Jahr 2018 hatte ich eine sehr intensive Edgar-Wallace-Phase. Ich habe mich damals regelrecht durch die Geschichten gearbeitet: Zuerst habe ich immer den jeweiligen Roman gelesen und anschließend die Verfilmung gesehen. Gerade dieser Vergleich zwischen Buch und Film hat mich unglaublich fasziniert.

    Besonders „Der Hexer“ hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Die Figur, die geheimnisvolle Atmosphäre und dieses Spiel aus Täuschung, Verkleidung und Gerechtigkeit haben mich sofort gepackt. Der Hexer ist eine dieser Figuren, die man einfach nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

    Aus dieser Begeisterung heraus habe ich damals begonnen, selbst eine kleine Fortsetzung zu schreiben. Es war der Versuch, die Geschichte im klassischen Wallace-Stil weiterzudenken und mir vorzustellen, was passieren könnte, wenn der Name des Hexers wieder durch London geistert.

    Das Ergebnis dieser Idee ist die folgende Geschichte.

    London hatte gelernt, mit Gespenstern zu leben. In Nächten, in denen der Nebel wie nasses Tuch an den Fassaden hing, bekam jedes Geräusch Bedeutung. Doch selbst in dieser Stadt, die an Skandale gewöhnt war, wirkte ein Name wie ein Stich ins Herz.

    Der Hexer.

    Man sagte ihn nicht laut. Man ließ ihn durch Hinterzimmer wandern, über Tresen kriechen, in Briefschlitze gleiten. Und weil alle so taten, als sei er nur ein Märchen, blieb er unsterblicher als die Männer, die man vor Gericht stellen konnte.

    Inspektor Bliss stand am Fenster seines Büros in Scotland Yard, als Sergeant Hart eintrat. Hart hielt einen Umschlag zwischen Daumen und Zeigefinger, als könne Papier beißen.

    „Ein weiterer, Sir.“

    Bliss drehte sich um. In der linken Ecke des Umschlags prangte ein winziges schwarzes Zeichen: ein Ring, so dünn gezeichnet, dass er eher wie ein Schatten aussah.

    „Woher?“

    „Von einem Toten. Samuel Pritt. Hehler aus Limehouse. Man fand ihn heute früh – mit einer Schlinge aus Klaviersaite.“

    Bliss öffnete den Umschlag. Darin lag nur ein Streifen Papier. Saubere Handschrift, keine Unterschrift:

    ICH VERGESSE NICHT.

    Bliss legte den Zettel auf den Tisch. „Das ist keine Drohung. Das ist ein Versprechen.“

    „In den Kneipen heißt es, der Hexer sei wieder in London“, sagte Hart.

    „In Kneipen heißt es auch, die Königin trinke Gin zum Frühstück“, erwiderte Bliss. Trotzdem spürte er, wie sich etwas Altbekanntes in ihm regte: jener dünne Faden zwischen Spott und Angst, an dem die Stadt hing, wenn der Mythos sich bewegte.

    Victor Marlowe, Besitzer von Reedereien und Lagerhäusern, saß zur gleichen Zeit in einem Club an der Strand. Seine Anzüge waren so makellos wie seine Alibis. Vor ihm stand ein Glas Brandy; hinter ihm spiegelte sich die Welt, verdoppelt und verfälscht.

    Sein Sekretär Danton legte einen Umschlag auf den Tisch. Wieder der schwarze Ring. Marlowe riss ihn auf.

    DU BIST ALS NÄCHSTER DRAN.

    Er lachte, als hätte man ihm einen schlechten Witz erzählt. „Der Hexer“, sagte er langsam. „Ein Märchen für kleine Ganoven.“ Danton schluckte. „Vielleicht sollten wir—“

    „Wir sollten höchstens die Rechnungen zahlen“, unterbrach Marlowe. „Sagen Sie den Männern, sie sollen doppelt wachen. Und holen Sie Flowers. Ich will sehen, wie mutig er ist, wenn man ihm das Licht ausknipst.“

    Zwei Tage später lag Harold Kint, Buchmacher und Handschuhliebhaber, tot in seinem Wagen. Der Geruch von Bittermandel hing in der Luft, und auf dem Sitz lag ein Zettel mit dem Ringzeichen. Bliss steckte ihn ein, ohne ihn zu lesen. Er hatte ihn schon im Kopf.

    „Jemand will, dass wir hinschauen“, sagte er zum Gerichtsmediziner.

    „Und wenn es wirklich er ist?“, fragte Hart.

    Bliss antwortete erst nach einem Moment. „Dann hat London ein Problem, das man nicht fesseln kann.“

    In der Woche danach wuchs der Name Hexer wie Schimmel an feuchten Wänden. In der Unterwelt wurden Stimmen leiser, Türen schneller verriegelt. Marlowe gab demonstrativ ein Wohltätigkeitsdinner, sprach über Ordnung und ließ Fotografen seine wohltätige Hand festhalten. Nachts brannten in seinen Lagerhäusern Lampen, und harte Männer patrouillierten zwischen Kisten, die nach Rum und Schweigen rochen.

    Bliss fragte nicht, wo der Hexer sein könnte, sondern wem sein Name nützte. Wer gewann, wenn Marlowe fiel? Wer wagte es, mit einem Mythos zu handeln?

    Ein Taschendieb, den man bei einem Coup erwischt hatte, lieferte den ersten brauchbaren Satz. „Da ist einer, Sir“, stammelte er, „der verkauft Drohbriefe. Für Geld. Und er sieht jedes Mal anders aus.“ Bliss lächelte ohne Freude. „Natürlich.“

    In derselben Nacht fuhr Bliss nach Limehouse. In einer Gasse hinter den Lagerhäusern fand er eine Tür, die frisch gestrichen war – ein seltsamer Luxus in dieser Gegend. Drinnen roch es nach Leim, Tinte und Maskerade. Auf einem Tisch lagen Umschläge in Stapeln, daneben ein Kasten mit Stempeln: Ringe, Kreuze, Initialen. Und über allem hing, wie eine Ironie, ein Spiegel, vor dem Perücken und falsche Bärte lagen.

    Der Mann, der hier gearbeitet hatte, lag auf dem Boden. Kein Blut. Keine Wunde. Nur ein Ausdruck, als habe er im letzten Moment begriffen, dass man mit großen Namen nicht handelt wie mit Ware. Neben seiner Hand lag ein unfertiger Brief, die Feder noch feucht. Bliss las die ersten Worte: „Im Namen des Hexers…“ Dann riss der Satz ab.

    „Ein Nachahmer“, sagte Hart, der hinter ihm stand.

    Bliss schüttelte den Kopf. „Ein Händler. Der Nachahmer ist noch frei.“ Und irgendwo lachte jemand über den Umweg, den Scotland Yard gerade nahm – leise geduldig unauffällig

    Die Nacht, in der Marlowe den Hexer fangen wollte, war schwarz wie Tinte. Im Lagerhaus Nummer sieben an der Themse warteten seine Männer zwischen den Kisten. Danton stand neben Marlowe und hielt eine Pistole, die zu schwer für seine Hand war.

    „Er wird kommen“, sagte Marlowe. „Sie kommen immer, wenn sie glauben, sie seien unsterblich.“

    Ein Geräusch, kaum mehr als ein Atemzug, strich durch die Halle. Dann ging das Licht aus. Dunkelheit, so dicht, dass sie den Mut verschluckte. Ein Fluch, ein Stolpern, eine Kiste, die krachend zu Boden ging. Und dann eine Stimme, ruhig und nah.

    „Mr. Marlowe. Sie haben viele Menschen betrogen.“

    Marlowe zwang sich, stehen zu bleiben. „Wer sind Sie?“

    „Sie kennen die Antwort“, sagte die Stimme. „Sie haben sie nur zu lange belächelt.“

    Ein Streichholz flammte auf. Es beleuchtete ein Paar schwarze Schuhe, sauber, unscheinbar. Darüber blieb alles Schatten.

    „Sie sind nicht der Hexer“, knurrte Marlowe.

    Die Stimme lachte leise. „Ich bin alt genug, um nicht zu widersprechen. Und klug genug, Ihnen heute Nacht keine zweite Chance zu geben.“ Das Streichholz erlosch.

    Schüsse. Blind. Wütend. Kugeln, die in Holz bissen, als könne man eine Legende erschießen. Jemand schrie auf, dann wieder Stille.

    Als die Lampen aufflackerten, lag Danton am Boden, das Gesicht kreideweiß. Marlowe kniete neben ihm und starrte auf einen Tisch, der zuvor leer gewesen war. Jetzt lag dort ein Umschlag.

    Bliss betrat das Lagerhaus Minuten später. Er sah die bewaffneten Männer, den Schweiß, den Brandygeruch der Panik. Und er sah Marlowe, der plötzlich älter wirkte.

    „Was ist passiert?“, fragte Bliss.

    Marlowe reichte ihm stumm den Umschlag. Bliss öffnete ihn. Der Zettel war kurz.

    DER HEXER WAR HIER.

    Bliss hob den Blick. „Wo ist er?“

    Marlowe antwortete nicht.

    Draußen trug der Wind den Nebel davon, als wolle er London für einen Augenblick die Wahrheit zeigen. Doch die Wahrheit blieb, wie so oft, unsichtbar.

  • Die Inspiration für diese Geschichte stammt aus einem Text, den Markus G. geschriebenen hat. Darin ging es um die Sorge um Freunde im Iran und in Israel und um das traurige Gefühl, dass Kriege in den Nachrichten fast schon zur Gewohnheit geworden sind. Diese Gedanken haben mich dazu gebracht, die Geschichte „Der Junge, der vom Frieden träumte“ zu schreiben.

    Die Stadt lag unter einem grauen Himmel, der schon lange keine klare Farbe mehr hatte. Rauch hing über den Dächern wie ein schwerer Vorhang, und irgendwo in der Ferne grollte wieder das dumpfe Echo von Explosionen. Für die meisten Menschen war dieses Geräusch längst normal geworden. Der Junge kannte es, seit er denken konnte.

    Er wusste nicht, wann der Krieg begonnen hatte. Niemand erklärte ihm das. Die Erwachsenen sprachen nur davon, dass man stark sein müsse, dass man sich verteidigen müsse, dass der Feind immer irgendwo sei. Aber der Junge hatte diesen Feind nie gesehen. Er sah nur Menschen. Menschen, die Angst hatten. Menschen, die weinten. Menschen, die ihre Häuser verließen und nicht wussten, wohin sie gehen sollten.

    Manchmal fragte er sich, warum die Erwachsenen glaubten, Frieden könne aus Waffen entstehen. Sie bauten immer größere Geschütze, immer stärkere Bomben, als würden sie hoffen, damit die Angst vertreiben zu können. Doch je mehr Waffen es gab, desto mehr Angst schien es zu geben. Der Junge verstand das nicht.

    Nachts, wenn es stiller wurde und der Himmel sich ein wenig beruhigte, legte er sich hin und schloss die Augen. Dann stellte er sich eine andere Welt vor. In dieser Welt standen keine Soldaten auf den Straßen. Die Türen der Häuser waren geöffnet, und Menschen gingen ohne Furcht hinaus. Kinder spielten zwischen Bäumen, und niemand musste sich verstecken. Die Menschen sprachen miteinander, statt sich anzuschreien. Niemand richtete ein Gewehr auf den anderen. Es war eine einfache Welt. Aber sie fühlte sich richtig an.

    Wenn der Junge morgens aufwachte, war alles wieder anders. Sirenen heulten, Fahrzeuge ratterten über die Straßen, und irgendwo stiegen wieder dunkle Wolken in den Himmel. Er sah auf seine Hände. Sie waren klein. Viel zu klein, um etwas an diesem Krieg zu ändern. Aber sie waren groß genug, um einen Traum festzuhalten.

    Und so beschloss der Junge, dass er diesen Traum niemals loslassen würde. Vielleicht, dachte er, braucht Frieden nur jemanden, der fest genug daran glaubt. Jemanden, der sich weigert zu lernen, dass Krieg normal ist.

    Der Junge wusste nicht, ob er den Frieden noch erleben würde. Aber er wusste eines ganz sicher: Solange es Menschen gibt, die weiter davon träumen, hat der Krieg noch nicht gewonnen.

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