Anlässlich unseres 20.Geburtstages werden wir im Laufe des Jahres eine Interview-Reihe mit namhaften Größen der Hörspielbranche hier veröffentlichen. Wir beginnen dabei mit Sebastian Pobot, einem deutschen Unternehmer, der uns besonders durch sein Hörspiellabel Highscore Music, durch die Übernahme des MARITIM-Verlages und durch sein großes Engagement in Sachen digitaler Vertrieb und Streaming ein Begriff ist.
Nähere Infos zum Wirken, Leben und seinen Werken könnt ihr hier nachlesen:
Alles über MARITIM gibt es hier:
Sebastian hat sich die Zeit genommen unsere Fragen ausführlich, ehrlich und "gerade aus" zu beantworten und sich dabei auch kein Blatt vor dem Mund zu nehmen.
Ich wünsche Euch beim Lesen viel Spass ![]()
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Lieber Sebastian!
Wir haben die große Ehre und Freude anlässlich des 20.Geburtstages des Hörspieltalks zu talken, Dich zu interviewen und gemeinsam die letzten 20 Jahre der Hörspielszene allgemein und von Highscore Music, MARITIM und dem Labelboss Sebastian Pobot im Speziellen Revue zu passieren. Dazu haben wir im Hörspieltalk unsere Mitglieder ersucht Dir Fragen zu stellen. Vielen Dank im Voraus, dass Du Dich für dieses Interview zur Verfügung gestellt hast.
Hörspieltalk: Entsprechend unseres Jubiläums lautet unsere erste Frage an Dich, welche Erinnerungen hast Du an das Jahr 2006?
Sebastian: In der Retrospektive ist 2006 ein eher ambivalentes Jahr für mich gewesen. Ich war gerade dabei, mich von meinen künstlerischen Projekten zum Unternehmertum hin zu transformieren und da waren die Anfänge häufig holprig, gleichzeitig war ich gesundheitlich etwas am strugglen, jedoch aufgefangen mit einem schönen privaten Ereignis…
Hörspieltalk: Was waren ganz allgemein Deine ersten Aktivitäten rund um Hörspiele? Warum überhaupt Hörspiele und nicht eine vielleicht lukrativere mediale Freizeitsparte wie Musik, Film oder Videospiele?
Sebastian: Ich bin da eher zufällig rein geraten. Die Geschichte zum Re-Release von „Als die Autos rückwärts fuhren“ hatte ich bereits mehrfach erzählt. Und man muss bedenken, dass Musik zur damaligen Zeit eben alles andere als lukrativ war. Diese Phase war der Höhepunkt der illegalen Downloads und Raubkopien und es verhielt sich eher so, dass die Branche soeben implodiert und gerade dabei war, sich neu zu erfinden. Eine Melange aus Verzweiflung und Wunden lecken, man konnte die beginnende Goldgräber Stimmung aber förmlich schon riechen…
Hörspieltalk: Du warst „gefühlt“ einer der Ersten, die auf Downloads und Streaming setzten. Wie ist es dazu gekommen? Und warst Du jemals ein Kassettenkind oder ein CD-Hörer?
Sebastian: Nicht nur gefühlt. Ich WAR der erste Wahnsinnige, der den kompletten Katalog fürs Streaming freigab. Die Leser Eures Forums und sämtliche Majors haben mich dafür belächelt. Dennoch mir war schon früh klar, dass es in der Musikbranche immer wieder Veränderungen und Transformationen des Mediums gab.
Radio löste Schellack ab. Aus Vinyl wurde CD. Video killed the radio star. Man kennt das ja. Damals war das Internet eben recht neu und stellte alles auf den Kopf. Allerdings sind Zeiten, in den technische Revolutionen stattfinden, genau die, in denen man etwas Neues schaffen kann und deshalb lukrativ.
Hörspieltalk: Dieses Jahr gab’s Dank All Ears mit Flash Gordon ein Wiederhören mit einem große Klassiker. Kannst du uns einen kleinen Ausblick geben, welche weiteren tollen Klassiker noch geplant sind?
Sebastian: Nein, wir haben eigentlich alles neu rausgebracht, was möglich war.
Hörspieltalk: Sind weitere Folgen der damaligen Professor Van Dusen Serie vom RIAS Berlin auf CD geplant? Die ersten 50 Teile hast du uns vor allem auf CD zurückgebracht, wofür wir dir sehr dankbar sind.
Sebastian: Ja, aber das Rechte Clearing ist sehr aufwendig und dauert leider.
Hörspieltalk: Wenn du selber von dir aus einen Wunsch frei hättest und es finanziell und von den Lizenzen keine Grenzen gäbe, welche Hörspielserie würdest du dann sehr gerne noch realisieren?
Sebastian: Ich bin eigentlich mit dem derzeitigen Portfolio zufrieden. Fakt ist, dass sich große Lizenzen nicht wirklich lohnen, und ich stehe nicht so auf Traumwelten…
Hörspieltalk: Ihr seid ja ganz groß in den Download Boxen, sind solche Boxen auch noch von weiteren Serien geplant, vielleicht auch von Klassikerserien?
Sebastian: Klar, das ist ein vorwiegend für Audible designtes Produkt. Wir sind da für alle Anregungen offen.
Hörspieltalk: Wie wichtig siehst Du die neuen Tonformate (Atmos/3D/Kopfhörer) an und werden wir diese in Ihren Serien hören ?
Sebastian: Bis auf weiteres nicht wichtig. Die Portale haben schon oft Neuigkeiten angepriesen, die dann wieder verschwunden sind. Oder wer erinnert sich noch an „Ping“ bei iTunes? ![]()
Hörspieltalk: Illegale Raubkopien oder Filesharing-Portale, sind diese noch Störend und lassen Einnahmen schwinden ?
Sebastian: Was auch immer ich hier schreibe, wird man mir falsch auslegen. Nur soviel: wer heute immer noch illegal streamt, wenn man sich zeitgleich -für eine vergleichsweise günstige Flatrate- nahezu das gesamte Audiowerk der Menschheit aufs Smartphone holen kann, dem ist nicht zu helfen.
Hörspieltalk: Du hast einmal in einem Interview gesagt, dass Hörspiele heute nur mehr einmal gehört werden. Spielt dann Qualität in einem Hörspiel überhaupt noch eine große Rolle? Oder ist es die Quantität die einen Katalog erfolgreich macht? Gibt es bei Deinen Produkten eine Qualitätskontrolle und wenn Ja wie sieht diese aus?
Sebastian: Qualität wird überschätzt. Bzw wer maßt sich an zu sagen, was gute oder schlechte Qualität ist. Ich nicht!
Maritim hat angebliche Superproduzenten im Portfolio und angeblichen „Schrott“. Dreimal dürft Ihr raten, wer mehr verkauft. Auch die Nicht-Akademiker wollen gut unterhalten werden… absolut zurecht!
Hörspieltalk: Trotzdem Du Dich stets als Anhänger des Streamings bezeichnet hast, veröffentlichst Du trotzdem noch Produktionen auf CD. Warum? Und wird es auch weiterhin Produktionen auf CD geben? Kassette, Vinyl oder DVD/BluRay hast Du bis dato links liegen gelassen. Warum?
Sebastian: Ich nicht. Das macht Patrick von All Ears für uns. Nicht unerfolgreich by the way… fragt mich aber nicht warum…
Hörspieltalk: Warst Du immer schon überzeugt, dass Du mit dem Streaming Erfolg haben wirst? Warst Du „Team Risiko“ oder „Team Überzeugung“?
Sebastian: Das muss ich den Lesern dieses Forums, glaube ich, nicht erklären. Ich habe CDs schon von Anfang an abgelehnt und kein Geheimnis draus gemacht. Gleichzeitig war ich aber schon immer überzeugt davon, dass die Menschen Audio Unterhaltung haben wollen. Man musste lediglich auf das passende neue Medium warten. Trotzdem war das Unterfangen nicht ohne Risiko…
Hörspieltalk: Zu welchem Zeitpunkt hattest Du das Gefühl tatsächlich auf der „Siegestrasse“ zu sein?
Sebastian: Haha, schon im Kindergarten…! …und als ich von Euren Lesern immer wieder gehört habe, dass ich angeblich auf dem falschen Weg bin, wusste ich umso mehr, dass es der richtige ist. Das ist in etwa vergleichbar, wenn die Bild Zeitung rät, Krypto zu kaufen. Dann weiß man, dass man sein Wallet dringend leeren sollte…
Nein, im Ernst. Maritim ist langsam und dadurch sehr gesund gewachsen, das meint, dass ich immer die Gewinne sofort reinvestiert habe. Gleichzeitig wuchsen die Hörerzahlen stetig und das zeigte mir, dass ich auf dem richtigen Weg war. Deshalb gab es nie diesen plötzlichen Moment, dass ich von jetzt auf gleich hätte „größenwahnsinnig“ werden können…
Hörspieltalk: Der Stream hat Maritim zu gutem Erfolg gebracht, aber derzeit scheinen viele Musikstreaming Dienste leider die Vergütungen bei Hörbüchern und Hörspielen zu „beschneiden“. Wie siehst du da die weitere Entwicklung? Ist Maritim auch davon betroffen? Schadet dies dem Hörspiel deiner Meinung auf die Dauer, oder ist alles halb so wild? Wie siehst du da die Zukunft?
Sebastian: Das ist vor allem für kleinere Labels schmerzhaft. Maritim besitzt den größten unabhängigen Hörspiel Katalog, das ist schon eine effektive Stütze. Aber grundsätzlich finde ich es schade, dass der „long tail“ damit Geschichte ist, und diese Demokratisierung der Nische hat das Digitale für mich eigentlich immer ausgemacht.
Hörspieltalk: Wie, wann und vor allem warum ist es zur Übernahme von MARITIM gekommen?
Sebastian: Vor ca. 10 Jahren. Warum? Weil es Sinn gemacht hat und damals waren Inhalte ganz anders bewertet als heute. Glücklicherweise konnte ich mir viele Katalog sichern, als sich die CD-Umsätze im freien Fall befanden und viele „digital“ noch nicht auf dem Schirm hatten.
Hörspieltalk: Wie geht ihr bei neuen Hörspielserien vor, werden Foren und soziale Medien nach Meinung abgesucht, was derzeit am Markt gefordert wird, oder wie die Streamingzahlen in den einzelnen Genres so ausschauen? Wie plant ihr eine neue Serie? Wie laufen die Vorbereitungen ab?
Sebastian: Ich lese keine Foren. Wir befragen auch niemanden. Ich beobachte den Markt, schaue mir die Zahlen an, und versuche, den Erfolg zu skalieren. Und inzwischen ist Maritim meinungsbildend und hat eine feine, loyale Hörerschaft, die uns vertraut. Was wir produzieren, wird entsprechend auch gehört.
Hörspieltalk: Apropos Foren, Du hast Dich diesbezüglich stets kritisch geäussert und bist im Gegensatz zu vielen Kollegen niemals Mitglied eines solchen gewesen. Auf Social Media hingegen bist Du sehr aktiv. Worin siehst Du den Vorteil von Social Media im Vergleich zu Hörspielforen? Sind Hörspielforen bereits out? Oder befassen sie sich zu intensiv mit Hörspielen und spiegeln möglicherweise nicht Deine Klientel wieder?
Sebastian: Für mich waren Foren nie „in“. Der Digitalmarkt war schon immer ein Massenmarkt. Deswegen hat es mich nie interessiert, was eine Handvoll Hater denken, wenn ich gleichzeitig eine riesige Öffentlichkeit über die sozialen Medien erreichen kann.
Hörspieltalk: Wie ist es zur Kooperation mit David Holy gekommen? Einiges aus dem großen MARITIM-Katalog findet den Weg auf die Holy-App, einiges nicht. Wer entscheidet dies? Und warum bleibt manches außen vor? Zahlt sich die Zusammenarbeit aus?
Sebastian: Alles, was ich geschäftlich mache, zahlt sich aus… wäre schlimm, wenn nicht.
Ich schätze David aufgrund seiner visionären Art sehr. Auch er wurde anfangs belächelt und von den Foren als etwas „größenwahnsinnig“ eingestuft. Im Grund erging es ihm also wie mir. Das hat uns verbunden und im Laufe der Jahre ist aus Konkurrenz Denken, Respekt füreinander geworden. Maritim ist in der Holy App nahezu vollständig vertreten. Lediglich Blitz ist standalone.
Hörspieltalk: Wie ist der Deal mit dem Blitz-Verlag zustande gekommen? Wird es weitere solche Expansionen in der Zukunft geben?
Sebastian: Naja, nachdem ich alle Kataloge gekauft habe und im Grunde keine Konkurrenz mehr übrig war, war ich gezwungen, mir meine Konkurrenz selber zu schaffen, um unternehmerisch nicht komplett einzurosten…
Nein, Blitz war von Anfang an als eine Art Experimentierfeld gedacht. Da ich dort kritische Themen, insbesondere K.I. ausprobieren wollte, war es besser, eine von Maritim losgelöste Marke aufzubauen.
Hörspieltalk: Kannst Du Dir die Verwirrung erklären, dass man als Konsument nicht mehr weiß ob das Hörspiel nun von MARITIM, im Vertrieb von MARITIM oder möglicherweise von MARITIM in Auftrag gegeben worden ist?
Sebastian: Das ist für den Konsumenten nicht relevant. Hier geht es um konzerninterne Strukturen, die den Content und die Marken absichern sollen bzw. um flexibel zu sein, ein paar wirtschaftliche Vorteile mitnehmen zu können.
Hörspieltalk: Man kann Dich mit Fug und Recht als einer der großen Visionäre der Hörspielszene bezeichnen. Wie siehst Du die Zukunft der Branche?
Sebastian: Auch wenn es vielen nicht passt: Die Hörer werden in Zukunft wählen, ob sie quick & dirty K.I. Inhalte hören, vergleichbar mit „Fast food“ Unterhaltung.
Gleichzeitig wird es auch „handgemachte“ Themen geben, vergleichbar mit „Michelin-Restaurants“, für eine Zielgruppe, die sich diesen „Boutique“-Style bewusst leisten will.
Für mich als Verleger und Unternehmer sind die zukünftigen Möglichkeiten natürlich verlockend, indem ich Hörbücher unkompliziert übersetzen lassen kann oder noch besser, die Hörspiele sogar bebildern werde. Das funktioniert alles heute schon ganz passabel, und da die K.I. sehr schnell dazulernt, ist vielleicht mittelfristig ein TV-Sender mit Maritim Inhalten realisierbar…
Hörspieltalk: Streaming hat sich als Plattform Nummer 1 durchgesetzt. Doch was kommt als nächstes? Hast Du diesbezüglich schon Ideen und Vorahnungen?
Sebastian: Ich glaube für die großen Streaming Portale ist die Verlockung, den K.I. Weg zu bestreiten, zu groß. Dh, eventuell wird die Segmentierung der „Boutique“-Themen wieder von neuen Playern erfolgen.
Hörspieltalk: Und welche Rolle wird die künstliche Intelligenz dabei spielen? KI überrollt uns als alle gerade in allen Lebensbereichen. Hast Du Angst hier eventuell einen Zug zu verpassen oder bist Du und Deine Firmen dafür gewappnet? Wann wirst Du sie einsetzen? Wie wird Deiner Ansicht nach der Streit „Synchronsprecher vs NETFLIX“ ausgehen und fürchtest Du, dass es auch in der Hörspielbranche zu solchen „Diskussionen“ und „Verträgen“ kommen könnte?
Sebastian: Wir waren die ersten, die sie eingesetzt haben, deshalb haben wir uns auch hier wieder viele negative Kommentare abgeholt. Einigen Hatern fehlen aber die Hintergrundinfos, dass wir das nicht ohne Zustimmung der Rechteinhaber tun oder auch sehr behutsam mit Fingerspitzengefühl vorgehen. Dennoch ist Maritim nach wie vor einer der größten Arbeitgeber für menschliche Sprecher und ich sehe momentan keine Veranlassung, das zu ändern.
Zu o.g. Streit äußere ich mich besser nicht. Aber ich habe schon paar Mal selbst feststellen müssen, dass es schwierig ist, mit Monopolisten zu diskutieren.
Hörspieltalk: Bei der vielen Arbeit rund um Hörspiele findest Du noch Zeit als Komponist tätig zu sein?
Sebastian: Nein, das ist aber auch ok so. Ich habe der Welt kreativ alles mitgeteilt, was ich ihr mitteilen wollte und gleichzeitig tausende Copyrights hinterlassen … jedoch nach Jahren festgestellt, dass ich wahrscheinlich der bessere Unternehmer bin…
Hörspieltalk: Wie sieht Deine Hörspielsammlung aus? Hörst Du auch privat Hörspiele oder bist Du froh nach Ende der Arbeitszeit von Hörspielen nix mehr zu sehen und zu hören?
Sebastian: Ich habe meine physikalische Hörspiel-Sammlung längst bei eBay verkauft. Aber ich muss gestehen, dass ich privat eher Podcasts oder dem Rauschen des Meeres lausche, um einen freien Kopf zu kriegen…
Hörspieltalk: Ich möchte Dir im Namen des gesamten Hörspieltalks für Deinen Einsatz in Sachen Hörspiel herzlich danken. Du hast der gesamten Branche gut getan und für einen frischen und modernen Wind gesorgt. Auch wenn Du Foren und ihren Sammelleidenschaften stets sehr kritisch gegenüber standest, hattest Du für unser Radio, unsere Gewinnspiele und andere Aktionen stets ein offenes Ohr! Das ist keine Selbstverständlichkeit. Herzlichen Dank dafür und herzlichen Dank für die Beantwortung unserer vielen Fragen.
Wir wünschen Dir, Deinen Firmen und Deinen gesamten Verlagsmitstreitern weiterhin viel Erfolg!
Sebastian: Vielen Dank, Euch und unseren Hörern ebenfalls alles Gute!