Wie "tolerant" seid Ihr bei sprachlichen Anschlussfehlern?

  • Label gehen verschiedene Wege, um mit dem Einbruch der Einnahmen aus dem kommerziellen Hörspiel umzugehen. Ein Weg ist die Verschlankung der Produktion, bei der z.B. Sprecher für fünf Stunden gebucht werden und dann zwanzig Rollen in verschiedenen Hörspielen einsprechen. Manchmal im Studio mit Regie, aber oft genug inzwischen auch ohne; da heißt es dann gerne mal "sprich das mal ein und schicke uns die Files".

    Nun sind Skripts auch gerne mal als wirklicher Dialog geschrieben. Das heißt, dass der eine Satz in Betonung und Inflektion sich auf den vorangegangenen Satz der anderen Rolle bezieht. Achtet Regie- oder Sprecherinstanz nicht auf den Kontext und stellt ggf. Rückfragen, dann kommen auch solche Sätze dabei heraus (Betonung unterstrichen):

    • "Haben Sie für mich mal eine Minute Zeit?"
    • "Für Sie habe ich auch eine Viertelstunde."

    Wenn Euch so etwas begegnet, wie sehr stört Euch das? Oder ist das Teil der Gleichung "versendet sich, nicht so wichtig, dafür habe ich ja fast nichts bezahlt"?

    -- I teach writing courses and first of all, I teach my students what prosody is. (Theodore Sturgeon)

  • Oder ist das Teil der Gleichung "versendet sich, nicht so wichtig, dafür habe ich ja fast nichts bezahlt"?

    Was soll denn das für ein Argument sein? Das müsste man ja dann auch bei einem Fußballspiel sagen, nur weils im "Free-TV" läuft. Ein schrecklicher Grottenkick, nicht zum Anschauen, aber ist ja doch OK, weil durch die GEZ abgedeckt. Wärs auf Sky gewesen, würd ich jetzt mein Abo kündigen...

    Natürlich gibts Abstriche nur bei nichtkommerziellen Privatprojekten. Bzw Welpenschutz nur für Welpen.

    Einen Fehler wie im obigen Beispiel würde ich aber relativ tolerant durchwinken, sodenn das Skript allgemein kein Blödsinn ist.

    “Life can't just be about solving one miserable problem after another, that can't be the only thing, they need to be things that inspire you and that make you glad to wake up in the morning and be part of humanity”

  • Wenn mir so etwas begegnet, reißt es mich ehrlich gesagt schon kurz raus. Nicht, weil ich päpstlicher als der Papst sein will – sondern weil ich ein Hörspiel immer noch als eigenes kleines Kunstwerk begreife. Da geht es für mich um Atmosphäre, um Rhythmus, um dieses Gefühl, dass zwei Figuren wirklich miteinander sprechen. Und genau das bricht in dem Moment weg, wenn die Betonung schlicht nicht passt.

    Natürlich weiß ich, wie heute produziert wird. Zeit ist Geld, Studios werden effizient gebucht, vieles läuft remote. Das verstehe ich alles. Aber trotzdem finde ich: Solche Anschlussfehler sollten im Grunde nicht passieren. Gerade wenn ein Dialog klar aufeinander aufbaut, muss die Regie ein Ohr dafür haben. Und wenn etwas nicht rund klingt, dann gehört das sauber neu eingesprochen – selbst wenn es nur ein einzelner Satz ist.

    Für mich hat das auch nichts mit „Ich habe ja fast nichts bezahlt“ zu tun. Ein Hörspiel darf gern günstig sein – aber es sollte trotzdem mit Sorgfalt gemacht sein. Natürlichkeit entsteht nicht zufällig, sie ist das Ergebnis von Aufmerksamkeit. Und genau diese Aufmerksamkeit erwarte ich. Nicht Perfektion um jeden Preis, aber das ehrliche Bemühen, dass sich ein Gespräch auch wie ein Gespräch anfühlt.

    Wenn es einmal passiert, kann ich darüber hinwegsehen. Passiert es häufiger, wird es für mich schwierig. Dann höre ich nicht mehr die Figuren – sondern die Produktionsumstände. Und das ist eigentlich das Letzte, was ein Hörspiel erreichen sollte.

  • Es kann nich furchtbar stören, es kann mich komplett kalt lassen. Ich kann das nicht so pauschal sagen. Es hängt davon ab, ob dieser dauernd passiert oder nur ein oder zwei Mal. Es hängt vom Inhalt ab. Fesselt dieser dermaßen, dass ich komplett in einer anderen Welt bin, dann lässt es mich kalt. Ist jedoch der Inhalt nicht fesselnd, bin ich also mit meinen Gedanken im hier und jetzt, dann wird es mich furchtbar stören, denn gerade wenn der Inhalt nicht so fesselnd ist, dann können die Sprecher, die Dialoge, die Figuren das Ganze noch retten.

    Ob dies nun gratis oder teuer bezahlt ist, ist letztlich unerheblich. Aber klar, bei einer Ausgabe von relativ viel Geld würde es mich noch zusätzlich ärgern.

    Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

    Solange es Leute wie uns drei gibt und wir hier schreiben, bleibt es hoffentlich bestehen. Noch lange! #top#

  • Dein Beispiel finde ich nicht allzu dramatisch, prinzipiell sind mir bei einem Hörspiel aber eine ordentliche, korrekte Verwendung der Grammatik (natürlich mit Ausnahmen, ein betrunkener Obdachloser darf auch gerne authentisch klingen) sowie aufeinander abgestimmte Dialoge zwischen den Charakteren sehr wichtig.

    Diesen Mindestanspruch sollte meiner Meinung nach auch jeder Hörspielschaffende an sich selbst und seine Produktion haben.

  • So kleine sprachliche Ungereimtheiten finde ich jetzt nicht ganz so schlimm, so lange sie nicht jeden zweiten Satz betreffen.

    Im Alltag wird ja auch nicht immer so ganz korrekt gesprochen... da ist die Tür halt mal auf und mal offen.

    Was mich eher stört, ist, wenn das Gesprochene überhaupt nicht in die Zeit passt. Und so etwas kommt meiner Meinung nach gar nicht so selten vor.

    Wenn beispielweise in Europas »Die letzten Tage von Pompeji« die Sprache eine ganz andere ist als heute... so kann man natürlich nicht wissen, ob es so richtig ist, aber es ist immerhin wahrscheinlich oder möglich.

    Ganz sicher hingegen weiß man jedoch, dass in einem Wallace der 1920er Jahre Sachen wie »das geht ja gar nicht« oder dieses ewige »nicht wirklich« eher nicht zum Besten gegeben wurden.

  • Alltag wird ja auch nicht immer so ganz korrekt gesprochen... da ist die Tür halt mal auf und mal offen.

    Wobei es hier Martin ja um das „Aneinander vorbei reden“ geht. Das passiert im Alltag auf diese Art und Weise ja nie. Das passiert durch das x-en und wenn kein Regisseur dabei ist und der Einsprechende nicht weiß wie sein unsichtbarerer Dialogpartner den Satz davor betont hat.

    Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

    Solange es Leute wie uns drei gibt und wir hier schreiben, bleibt es hoffentlich bestehen. Noch lange! #top#

  • Wobei es hier Martin ja um das „Aneinander vorbei reden“ geht. Das passiert im Alltag auf diese Art und Weise ja nie. Das passiert durch das x-en und wenn kein Regisseur dabei ist und der Einsprechende nicht weiß wie sein unsichtbarerer Dialogpartner den Satz davor betont hat.

    Stimmt. Da passte mein Beitrag jetzt nicht so ganz hin...

    In dem Zusammenhang fällt mir noch folgendes ein:

    Ich habe mal irgendwo gelesen, dass Hans Paetsch und Hans Clarin sich im Studio praktisch nie begegnet sind...

    Und gerade die lustigen Eingangsdialoge zwischen den beiden klingen doch wirklich so, als hätten sich die beiden gegenüber gestanden und viel Spaß bei der Sache gehabt.

    Ich weiß ja nicht, ob es stimmt. Aber ich finde es erstaunlich, sollte es wirklich stimmen. Einfach genial.

  • simagatama Du meinst aber ein anderes „aneinander vorbei reden“ 😅

    chp73 Paetsch war ja der Erzähler. Er und Clarin hatten ja eine großartige Regisseurin 😊

    Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

    Solange es Leute wie uns drei gibt und wir hier schreiben, bleibt es hoffentlich bestehen. Noch lange! #top#

  • Erfreulich, dass offenbar alle so tolerant reagieren. Dennoch würde ich einmal die These in den Raum stellen, dass es Labels gibt, bei denen man so etwas eher akzeptiert als bei anderen.

    Was vermutlich einfach an der Sache selbst liegt.

    Wenn ein Label seit Jahren konstant hohe Qualität liefert und ein solcher „Patzer“ dort sonst nicht vorkommt, fällt er natürlich sofort auf. Bei anderen, bei denen das Produktionsniveau insgesamt nicht so hoch ist, wird so etwas hingegen eher nachgesehen.

  • Langfristig wird man sich aber von diesen Fließband- und Nichtsohohenqualitätslabels als Hörer verabschieden, weil ja meistens nicht nur die Dialoge sondern alles darunter leidet, angefangen von den Geschichten, die einfach nicht mehr fesseln, sondern eher 0815 langweilen.

    Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

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  • Als Autor versucht man schon im Vorfeld alles, um das zu vermeiden. Man gibt Aussprachehinweise für die Namen der Figuren mit ins Skript und unterstreicht Wörter in Sätzen, die besonders betont werden müssen, damit es nicht zu Missverständnissen kommt. Man dirigiert die Sprecher quasi durch das Manuskript und gibt natürlich auch Emotionshinweise mit. Den Rest müssen dann Regie und Sprecher wuppen.


    Eins und eins ist zwei - von London bis Shanghai!

  • Tolerant muss man ja letztendlich sein, sonst dürfte man keine einzige Serie von beispielsweise Maritim oder Hermann Media mehr hören. Aber mich reißt jeder noch so kleine Anschlussfehler immer ein Stück aus dem Hörspiel raus und ich seufze dann innerlich.

    Wobei es auch wirklich sehr stark labelabhängig ist. Es gibt ja viele meistens kleinere Labels, bei denen solche Fehler nie vorkommen, wie Titania, Contendo, Oliver Döring, Ohrenkneifer, Interplanar. Es liegt bestimmt auch am hohen Output der größeren Labels, dass für sorgfältige Regie einfach keine Zeit ist. Ein gewisses Verständnis kann ich dafür aufbringen, wenn das Pensum im Studio erfüllt werden muss.

  • Könnte man eigentlich sagen, dass gut produzierte Hörspiele zum Erhalt unserer Sprache beitragen?👍

    Wenn man einige junge Leute so reden hört, könnte man meinen, dass sie eher keine Hörspiele oder Hörbücher hören.

    Jede Generation hat wahrscheinlich ihre eigene Sprache, aber vieles klingt schon schräg, z.B. »das crazy«...😀

  • Ich kann den Gedanken durchaus nachvollziehen, dass gut produzierte Hörspiele etwas zur Pflege oder sogar zum Erhalt unserer Sprache beitragen. Schließlich arbeiten sie mit gesprochener Sprache, oft sehr bewusst gestaltet, klar artikuliert und dramaturgisch fein abgestimmt. In diesem Sinne zeigen sie natürlich, wie lebendig, nuanciert und klangvoll Sprache sein kann.

    Aber realistisch betrachtet wird ihr Einfluss auf die Sprachentwicklung oder den Spracherhalt in Deutschland wohl sehr gering bleiben. Wir sprechen von einem Land mit über 80 Millionen Menschen – und nur ein vergleichsweise kleiner Teil davon hört regelmäßig Hörspiele. Damit ein Medium tatsächlich spürbare Auswirkungen auf Sprachgebrauch oder Sprachbewusstsein hätte, müsste es eine viel breitere gesellschaftliche Reichweite haben.

    Hörspiele können also durchaus ein schönes Beispiel für gepflegte, ausdrucksstarke Sprache sein – aber ein maßgeblicher Faktor für den Erhalt der deutschen Sprache sind sie vermutlich nicht.

  • Wenn sie einen kleinen Beitrag hierzu leisten, würde mir das schon reichen...😀

    Aber Du hast Recht. Die Reichweite ist wohl nicht (mehr) so groß.

    Mein Sohn (23) beispielsweise mag auch Hörspiele. Aber diesen Stellenwert wie bei mir werden sie für ihn niemals haben. Er sagte gerade noch zu mir, dass von seinen Weggefährten so gut wie niemand Hörspiele oder Hörbücher konsumiert.

    Schade, aber so ist es halt...🤔

  • Ich vermute, die meisten Hörspielhörer sind 40+. Da erreicht man natürlich weniger die Jugend, die ja häufig auf Filmstreaming Dienste und Games konzentriert sind. Das gab es ja früher nicht in diesem Umfang. Ich habe viele Bücher gelesen und Hörspiele gehört, das Fernsehprogramm fing erst um 17 Uhr an zu meiner Zeit. Aber um 1982, als die ersten Computer aufkamen (VC20), war es auch um mich geschehen und es gab eine zeitlang nichts anderes mehr. Und heute kommt ja noch das Handy hinzu.

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