Ich habe mir als blogger und Amateur-Kreativen (quasi das Gegenstück zu Van Dusens Amateur-Kriminologen harhar) schon manchmal die Frage gestellt, ob das nicht alles brotlose Kunst ist und andere (die Leser) deutlich mehr aus meinen Worten for free ziehen können, als ich davon erhalte. Andererseits sind Gedanken, Texte und Ideen wie auch hier von Poldi zu lesen wie eine Art Tagebuch der Gedankenfragmente, die sich immer wieder auf kreativste Art in ihren individuellen Nischen wohlig zusammenfinden. Solange die Grundstruktur darin innewohnt, dass es einen persönlich a priori interessiert (nicht die anderen), man Spaß und Freude am Experimentieren und dem Spielen mit den Wörtern und Satzebenen empfindet, ist kein Moment des Prozesses umsonst. Das kreative Element muss schlicht aus einem heraus auf eine imaginäre Leinwand und/oder Bühne in jedweder Form, als eine fließende Spiegelfläche. Die Fähigkeit des spielerischen Schreibens, die bereits Ideenfunken sprachlich möglich machen kann, bevor sie überhaupt passieren, um sie dann in der Realität als textliche Zustände und Formationen erscheinen zu lassen.
Time Travel Tales - Geschichten aus anderen Zeiten
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Aber wenn ich es doch schon veröffentliche, warum dann nicht weiter machen? Wenn es doch offensichtlich angenommen wird?
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Kommen wir also, thematisch zu diesem Thred paasend, zur nächsten Folge.
Bei dieser Folge ging es mir um den Moment zwischen Warten und Aufbruch – um die gespannte Nacht vor dem größten Schritt der Menschheit und den Übergang in den Augenblick, in dem er wirklich geschieht. Ich wollte zeigen, wie aus stiller Hoffnung und Angst ein historischer Augenblick wird, in dem ein einzelner Schritt die Grenzen der Welt verschiebt.
Time Travel Tales - Folge 6 Die Nacht vor dem Sprung
Die Stille ist anders hier. Sie ist kein Schweigen, sondern ein gespanntes Warten. Der Übergang endet, und der Reisende steht auf einer Plattform, hoch über der flachen Landschaft Floridas. Vor ihm ragt die Saturn-V in den Himmel, weiß, gewaltig, fast unwirklich. Ein Bauwerk, das mehr nach Zukunft aussieht als nach Gegenwart.
Cape Kennedy. 16. Juli 1969. Der Vorabend der ersten Mondlandung.
Die Luft ist warm, schwer von Feuchtigkeit und Elektrizität. Scheinwerfer tauchen die Rakete in ein gleißendes Licht, als wolle man sie der Dunkelheit entreißen. Techniker bewegen sich leise, konzentriert, fast ehrfürchtig. Jeder Handgriff sitzt. Jeder weiß: Morgen wird die Welt anders sein – oder alles kann enden.
Der Reisende geht langsam, hört Gesprächsfetzen. Zahlen, Checklisten, letzte Berechnungen. Aber unter all dem liegt etwas anderes: Angst. Hoffnung. Staunen. Niemand spricht es aus, doch jeder fühlt es.
In einem der Gebäude sitzt ein junger Ingenieur auf einer Stufe, den Helm neben sich. Er heißt Michael. Seit drei Tagen hat er kaum geschlafen. Seine Hände zittern leicht, nicht vor Erschöpfung, sondern vor der Erkenntnis, dass das, was sie hier gebaut haben, Menschen weiter tragen wird, als je zuvor jemand gegangen ist.
„Denkst du, sie kommen zurück?“ fragt er in die Nacht hinein, ohne zu wissen, zu wem. Der Reisende setzt sich neben ihn. „Ja“, sagt er. Und fügt nach einer Pause hinzu: „Aber der Weg dorthin wird sich für immer einprägen.“
Michael nickt. „Mein Vater hat noch im Krieg gekämpft. Er sagt, früher habe man Himmel nur mit Bomben erreicht. Morgen…“ Er bricht ab und lächelt schief. „Morgen schicken wir Menschen hinauf, um Staub zu berühren.“
Später liegt der Reisende auf einer niedrigen Mauer und blickt in den Himmel. Der Mond steht hell und ruhig über ihnen, so selbstverständlich, als gehöre er schon immer in menschliche Reichweite. Ein ferner Körper, der nichts von den Hoffnungen weiß, die man in ihn projiziert.
Dann kommt der Übergang. Nicht als Bruch, sondern wie ein langsames Anziehen, als würde die Zeit selbst den Atem anhalten. Ein Zittern. Ein tiefes Grollen. Licht, das die Nacht zerreißt.
Der Reisende steht nun in der Menge. Es ist Morgen. Menschen blicken nach oben, manche mit Ferngläsern, manche mit bloßen Augen. Die Erde bebt, als die Saturn-V sich erhebt. Feuer. Rauch. Ein Donnern, das durch den Körper geht..Und dann – Aufstieg.
Die Rakete löst sich vom Boden, langsam erst, dann entschlossener. Ein weißer Pfeil, der sich aus der Schwerkraft schält. Jubel brandet auf, Tränen, Umarmungen, ungläubiges Lachen.
Der Reisende spürt, wie die Szene kippt. Der Lärm verblasst. Das Licht wird kälter. Er ist nicht mehr auf der Erde. Er schwebt. Vor ihm eine Scheibe, die den Blick auf eine graue, zerklüftete Landschaft freigibt. Kein Blau. Kein Grün. Nur Staub, Schatten, Stille. Ein Funkspruch knistert. Gedämpft. Historisch. Unfassbar nah.
Ein Mensch steigt eine Leiter hinab. Langsam, vorsichtig, als trüge er nicht nur sein eigenes Gewicht, sondern das der gesamten Menschheit. Der Fuß berührt den Boden.
Der Reisende hört die Worte, die Geschichte geworden sind. Doch wichtiger als der Satz ist das Gefühl: Ein Augenblick, in dem die Welt für einen Moment stillsteht und begreift, dass ihre Grenzen verschoben wurden.
Nicht durch Eroberung. Nicht durch Gewalt..Sondern durch einen Schritt ins Unbekannte. Der Mond schweigt..Die Erde lauscht. Und der Reisende weiß: Dies ist einer jener Momente, in denen sich die Zeit selbst verneigt.
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Na dann. Schade drum

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Bei „Im Reich des Al Capone“ ging es mir darum, keinen Gangster-Mythos zu verherrlichen, sondern einen stillen Moment in einer Stadt zu zeigen, die von Angst und Faszination zugleich beherrscht wird. Ich wollte einen einzigen Abend einfangen, an dem Macht unsichtbar, aber allgegenwärtig ist – spürbar in Blicken, Pausen und dem Schweigen der Menschen, die wissen, dass ihr Leben von den Entscheidungen eines Mannes abhängt.
Time Travel Tales - Folge 7 Im Reich des Al Capone
Der Geruch von Rauch und Alkohol liegt schwer in der Luft.
Der Übergang ist kaum spürbar, doch sofort verändert sich die Welt. Musik dringt an sein Ohr, ein langsamer Jazz, getragen von einem Kontrabass, dessen Töne wie Schritte durch die Nacht schleichen. Stimmen, Lachen, das Klirren von Gläsern. Der Reisende steht in einem Club in Chicago, irgendwo im Jahr 1928. Die Prohibition ist Gesetz, doch sie wird hier nur belächelt.
Der Raum ist in Dunst gehüllt. An kleinen Tischen sitzen Männer in Anzügen, Frauen mit Federn im Haar, Zigaretten zwischen den Fingern. Alles wirkt elegant, fast sorglos. Und doch liegt unter der Oberfläche eine Spannung, die man nicht sieht, sondern fühlt. Wie ein unsichtbares Netz, das jeden hält.
Ein Kellner stellt ihm ein Glas auf den Tisch. „Auf Rechnung des Hauses“, sagt er leise. Seine Augen wandern kurz zur Treppe, die in den oberen Stock führt. Niemand sagt den Namen laut, aber jeder weiß, wem dieser Ort gehört. Al Capone. Er ist heute Abend im Haus.
Der Reisende beobachtet die Menschen. Ein Pianist spielt, als hinge sein Leben an jeder Note. Ein Barkeeper wischt immer wieder dieselbe Stelle auf der Theke, als könne er so die Gedanken vertreiben, die ihm durch den Kopf gehen. Ein junger Mann an der Tür kontrolliert, wer kommt und geht, mit der Aufmerksamkeit eines Wachhundes.
Neben dem Reisenden sitzt ein Mann mittleren Alters, ein Buchhalter, wie sich später herausstellt. Er trinkt langsam, zu langsam für jemanden, der eigentlich feiern will. Seine Hände zittern leicht.
„Man sagt, wenn er heute lächelt, lebt morgen jeder weiter“, murmelt er, ohne den Blick von seinem Glas zu heben. „Und wenn nicht…“ Er beendet den Satz nicht.
Der Reisende fragt nicht nach. Er weiß, dass Macht hier nicht laut ist. Sie zeigt sich nicht in Reden oder Gesten. Sie ist einfach da. In jedem Blick, in jeder Pause zwischen zwei Takten Musik.
Oben, hinter verschlossenen Türen, wird entschieden. Über Geschäfte, über Verrat, über Leben und Tod. Unten spielt man weiter, trinkt weiter, lacht weiter. Als wäre dieser Abend wie jeder andere. Als wäre er nicht Teil eines Systems, das ganze Stadtviertel in Atem hält.
Plötzlich wird es stiller im Raum. Nicht abrupt, sondern wie ein langsames Zurückziehen der Stimmen. Schritte sind auf der Treppe zu hören. Schwer, selbstsicher. Ein Mann erscheint, breit, elegant gekleidet, das Gesicht ruhig, fast freundlich. Al Capone selbst.
Er bleibt einen Moment stehen, lässt den Blick über den Raum gleiten. Ein Lächeln, kurz, kontrolliert. Einige erwidern es. Andere senken den Blick. Niemand weiß, was dieses Lächeln bedeutet.
Der Reisende spürt das Gewicht dieses Augenblicks. Dieser Mann wird zur Legende werden, zum Mythos, zum Stoff für Filme und Geschichten. Doch hier, in diesem Moment, ist er vor allem eines: ein Zentrum von Angst und Faszination, von Macht und Abhängigkeit.
Capone verschwindet wieder, so schnell, wie er gekommen ist. Die Musik setzt erneut ein. Gespräche flammen auf. Der Abend geht weiter. Der Buchhalter neben dem Reisenden atmet hörbar aus. „Heute hat er gelächelt“, sagt er. „Vielleicht reicht das.“
Der Reisende weiß, dass diese Welt nicht von Dauer sein wird. Dass Gefängnis, Krankheit und Fall folgen werden. Dass der Mythos größer sein wird als der Mensch. Doch für diesen einen Abend ist Capones Reich unangefochten. Eine Stadt im Griff eines einzigen Namens.
Der Übergang beginnt leise.
Zurück bleibt der Klang des Jazz, der Rauch, das flackernde Licht. Und das Gefühl, Zeuge eines Moments gewesen zu sein, in dem Macht nicht laut, sondern allgegenwärtig war – wie ein Schatten, der über allem lag.
Ein Reich, gebaut auf Angst. Und ein Mann, der es beherrschte, solange die Nacht dauerte.
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Ich denke, wir kommen dann einfach wieder zu dem zurück, worum es hier eigentlich geht.
DAS habe ich wohl nicht verstanden. Worum geht es dir denn?
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Also, ich würde meine Dienste, egal in welcher Hinsicht auch immer, sofort für dieses Projekt zur Verfügung stellen. Ich finde die Idee Hammer. Besonder Folge 2 Das Schweigen von Roanoke hat mich sofort abgeholt, da ich die Geschichte und die Spekulationen um diese Siedlung kenne und es sicherlich spannend wäre da als Zeitreisender beobachten zu können, was dort passiert ist.
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Das ist wirklich unglaublich lieb von dir, danke dir von Herzen! 😊
Es freut und berührt mich sehr, dass dich die Idee und gerade „Das Schweigen von Roanoke“ so abgeholt hat. Genau diese Mischung aus Geschichte, Spekulation und Zeitreise fasziniert mich selbst ungemein, und umso schöner ist es, wenn das auch bei anderen diese Neugier und Begeisterung auslöst.
Ganz ehrlich: Dass meine kleinen Geschichten überhaupt Menschen erreichen und ansprechen, ist für mich schon ein großes Geschenk. In den letzten Tagen haben mich auch ein paar sehr persönliche, wertschätzende Nachrichten auf privatem Weg erreicht – und das geht einem dann doch näher, als man erwartet. Da merkt man erst, dass das, was man schreibt und sich ausdenkt, tatsächlich etwas auslöst.
Deine Offenheit und Unterstützung bedeuten mir wirklich viel. Danke dafür! 💙
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Das is halt genau meine Welt, Speculative Fiction, Alternative Zeitstränge, Parallele Universen, Zeitreisen. Darin kann ich mich verlieren.
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FlexMorkis Vielleicht gefällt dir Folge 8 auch ein wenig.
Bei der Salem-Folge ging es mir darum zu zeigen, wie Angst und Aberglaube stärker sein können als Wahrheit. Ich wollte einen stillen Moment einfangen, in dem ein Mensch zum Sündenbock wird, nicht weil er schuldig ist, sondern weil eine Gemeinschaft jemanden braucht, auf den sie ihre Furcht projizieren kann. Es ist der Blick auf eine Nacht, in der nicht Hexerei, sondern menschliche Angst richtet.
Time Travel Tales - Folge 8 Die Nacht von Salem
Der Geruch ist das Erste, was er wahrnimmt. Kalter Rauch, feuchte Wolle, ungewaschene Körper und etwas Bitteres, das in der Luft hängt, als hätte sich Angst selbst in den Balken des Hauses festgesetzt. Der Übergang endet lautlos, doch sofort drückt die Enge des Ortes auf die Brust. Es ist, als würde nicht nur der Raum, sondern auch die Zeit enger werden. Der Reisende steht in einem hölzernen Gebäude, schlecht beheizt, schlecht beleuchtet. Kerzen flackern, und ihr Licht reicht kaum aus, um die Gesichter wirklich zu zeigen. Es gibt keine Ecken ohne Schatten.
Salem. 1692.
Ein Abend, an dem Worte töten können. Draußen ist es kalt. Der Wind fährt über nackte Äste, lässt sie gegen Fenster schlagen, als wolle er hinein. Drinnen sitzen Menschen dicht beieinander. Männer in dunklen Mänteln, Frauen mit eng gebundenen Hauben, Kinder, die zu still sind für ihr Alter. Jeder Blick ist wachsam. Jeder Atemzug klingt zu laut. Der Reisende bleibt am Rand, wo er sein muss, um nicht aufzufallen. Beobachten. Hören. Spüren.
Vorn im Raum steht ein Tisch. Dahinter Männer, die das Recht in den Händen halten. Ihre Gesichter sind streng, aber nicht alle wirken überzeugt. Einige wirken müde, als hätten sie längst verstanden, dass sie eine Lawine nicht mehr aufhalten können. Einer hält eine Bibel, als sei sie Schild und Waffe zugleich.
Im Zentrum des Raumes steht eine Frau. Sie ist nicht jung, nicht alt. Ihr Haar ist verborgen, ihre Hände sind gebunden. Ihr Blick geht nicht umher, als suche er Auswege. Er ruht geradeaus, auf einer Wand, auf einem Punkt, der ihr gehört. Ein kleiner Rest innerer Freiheit. Ihr Name ist Abigail. Niemand wird sich später an diesen Namen erinnern. Vielleicht steht er irgendwo in einer Liste, vielleicht auch nicht. Aber heute Abend ist er alles, was sie noch besitzt.
Ein Mädchen tritt vor. Zitternd, doch in ihren Augen glimmt etwas, das der Reisende sofort erkennt: Aufmerksamkeit. Macht. Eine Macht, die sie sonst nie hätte. Sie beginnt zu sprechen, erst stockend, dann flüssiger. Sie beschreibt Krämpfe, Albträume, unsichtbare Hände. Sie sagt, Abigail sei nachts gekommen, habe sie gedrückt, ihr die Luft genommen. Sie sagt, sie habe den Blick einer Hexe gesehen.
Im Raum geht ein Raunen. Kein Zweifel, eher Bestätigung. Als hätten alle nur auf die richtige Formulierung gewartet, um das Unbehagen endlich in Gewissheit zu verwandeln.
Abigail hebt langsam den Kopf. „Ich habe niemandem etwas getan“, sagt sie. Ihre Stimme ist ruhig. Zu ruhig vielleicht, denn Ruhe wirkt hier verdächtig. „Ich habe gebetet. Ich habe gearbeitet. Ich habe meinen Winter überlebt, wie wir ihn alle überleben.“
Der Richter beugt sich vor, als wolle er sie besser verstehen, oder besser hören, ob sie stolpert. „Warum nennt man Euch dann?“ Abigail lächelt nicht. Sie wirkt nicht bitter. Nur erschöpft. „Weil jemand einen Namen braucht“, sagt sie leise. „Und ich war nah genug.“
Diese Worte treffen den Reisenden härter als erwartet. Weil sie wahr sind. Weil sie die ganze Mechanik dieses Abends in einem Satz offenlegen. In Salem geht es nicht um Hexerei. Es geht um Angst, die nach einem Gesicht sucht. Um Nachbarn, die ihre eigenen Gedanken nicht ertragen und sie lieber in einen anderen Körper legen. Um ein System, das so lange nach dem Teufel ruft, bis er endlich in einer Gestalt erscheint, die man verhaften kann.
In der Ecke sitzt ein Mann, die Hände ineinander verschränkt. Sein Blick ist auf Abigail gerichtet, doch nicht voller Hass. Eher voller Verzweiflung. Vielleicht war sie früher einmal seine Nachbarin. Vielleicht hat sie ihm Brot gegeben. Vielleicht hat er heute geschwiegen, als man sie holte. Der Reisende spürt, dass Schuld hier nicht immer laut ist. Oft ist sie still. Oft sitzt sie in Ecken und wartet, dass der Abend vorübergeht.
Die Befragung geht weiter. Die Worte werden schärfer. Die Fragen sind keine Fragen, sondern Fallen. Abigail beantwortet sie, so gut sie kann, doch jede Antwort kann gegen sie verwendet werden. Wenn sie schweigt, ist es Geständnis. Wenn sie spricht, ist es List. Wenn sie weint, ist es Schuld. Wenn sie ruhig bleibt, ist es Kälte. Es gibt keine richtige Reaktion. Der Ausgang ist längst geschrieben, nur noch nicht laut verlesen.
Der Reisende wendet den Blick kurz ab, und in diesem Moment spürt er eine Bewegung neben sich. Jemand steht so nah, dass er den Atem hört. Ein Junge, vielleicht zwölf. Sein Gesicht ist schmal, seine Augen groß. Er wirkt nicht wie jemand, der den Hass hier in sich trägt. Eher wie jemand, der sich fragt, wann die Erwachsenen wieder normal werden.
„Ist sie wirklich…?“ flüstert er und beendet den Satz nicht. Er traut sich nicht. Der Reisende sieht ihn an. In solchen Momenten ist jede Antwort gefährlich. Jede Wahrheit eine Belastung. Und doch ist der Junge hier, ein kleiner Mensch in einer großen Unwahrheit, und sucht nach etwas, das trägt. „Nein“, sagt der Reisende schließlich, leise genug, dass es im Raunen untergeht. „Sie ist nur ein Mensch.“
Der Junge schluckt. Sein Blick geht zurück zu Abigail, als wolle er sich dieses Wissen einprägen. Vielleicht wird er später darüber sprechen. Vielleicht auch nie. Vielleicht wird er irgendwann selbst Teil dieses Systems sein, weil es einfacher ist, mitzuschwimmen. Der Reisende weiß es nicht. Aber er sieht, dass etwas in dem Jungen arbeitet. Ein kleiner Riss im Beton der Gewissheit.
Vorn schreit das Mädchen plötzlich auf. Sie krümmt sich, behauptet, Abigail habe sie gerade gestochen. Der Raum kippt. Stimmen werden lauter. Hände greifen nach Bibeln, als könnten sie damit Unsichtbares schlagen. Menschen stehen auf. Einer ruft „Teufel!“. Ein anderer ruft „Beweis!“, doch es gibt keinen. Nur Körper, die reagieren, weil alle anderen reagieren.
Abigail sagt nichts mehr. Sie steht da, die Hände gebunden, und ihr Schweigen wirkt wie ein letztes Stück Würde. Der Reisende schaut ihr ins Gesicht und erkennt etwas, das ihm lange im Gedächtnis bleiben wird: Nicht Angst. Nicht Panik. Sondern eine Art stilles Begreifen. Als hätte sie verstanden, dass sie in dieser Geschichte nur eine Rolle ist. Und dass sie sie nicht mehr ablegen kann.
Der Richter schlägt mit der Hand auf den Tisch. Ordnung. Worte. Ein Beschluss, der wie ein Urteil klingt, auch wenn es formal noch nicht ausgesprochen wird. Man wird sie zurück in die Zelle bringen. Man wird weitermachen. Man wird weitere Namen finden. Denn Salem ist ein Räderwerk. Und wenn es einmal läuft, braucht es Futter.
Der Übergang kommt nicht abrupt. Er kommt wie ein Rückzug. Als würde die Zeit sich schämen, ihn länger hier zu lassen. Die Stimmen werden dumpf. Die Kerzen flackern weiter, doch ihr Licht verliert an Schärfe. Der Reisende spürt den kalten Wind noch einmal, hört das Klopfen der Äste am Fenster, dann ist alles weg. Er steht wieder allein.
Zurück bleibt Salem, 1692, in einem Raum voller Kerzen und voller Gewissheit, die keine ist. Zurück bleibt eine Frau namens Abigail, die nie eine Hexe war, aber in den Augen anderer dazu gemacht wurde. Und zurück bleibt das Gefühl, dass die gefährlichste Magie nicht in Zaubern liegt, sondern in der Fähigkeit einer Gemeinschaft, sich selbst zu überzeugen.
Nicht, weil es wahr ist. Sondern weil es einfacher ist, als Angst auszuhalten.
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Mir gefallen diese pittoresken Zeitkapseln in ihrer intimen Sphärenstruktur. Ab und an juckt es mich, angespornt durch die kreativsten Ansammlungen..in diese bestimmt viel Herzblut floß..auch mal so eine kleine Story zu entwerfen. Hab ich nie..kaltes Wasser und so..doch meine Zeit ist begrenzter denn je
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Mit der Pyramiden-Folge wollte ich zeigen, dass hinter den größten Wundern der Menschheitsgeschichte unzählige namenlose Menschen stehen. Mir ging es um den Gedanken, dass Ewigkeit aus Vergänglichkeit entsteht – aus Schweiß, Mühe und stiller Hingabe. Ich wollte einen Moment festhalten, in dem jemand begreift, dass sein eigenes Leben klein ist, aber Teil von etwas, das die Zeit überdauern wird.
Time Travel Tales - Folge 9 Unter dem Schatten der Pyramiden
Die Sonne steht tief, aber ihre Hitze liegt noch immer wie ein Gewicht auf der Welt.
Der Übergang geschieht lautlos, doch der Reisende spürt ihn im Körper, als würde die Luft plötzlich dichter, trockener, voller Staub. Vor ihm breitet sich eine Landschaft aus, die zugleich karg und überwältigend ist. Sand, soweit das Auge reicht, und darüber ein Himmel von unerbittlichem Blau. In der Ferne erhebt sich ein Bauwerk, dessen Größe selbst aus der Entfernung den Atem nimmt: eine Pyramide, noch unvollendet, aber schon jetzt gewaltig.
Gizeh. Das Alte Reich. Der Bau eines Grabmals für die Ewigkeit.
Steinblöcke liegen in Reihen, so groß wie Häuser, grob behauen, von Seilen umspannt. Männer bewegen sich in langsamen, schweren Abläufen, ziehen, schieben, stemmen. Ihre Körper sind vom Staub bedeckt, ihre Haut von der Sonne gegerbt. Schweiß zeichnet helle Spuren auf dunklen Rücken. Jeder Schritt ist Teil eines Rhythmus, der seit Stunden, seit Tagen, seit Jahren derselbe ist.
Der Reisende geht zwischen ihnen hindurch, unauffällig, wie ein Schatten unter vielen. Er hört das Knarren der Schlitten, das Rufen der Aufseher, das dumpfe Aufschlagen von Holz auf Stein. Und darunter ein leises Murmeln, Gebete vielleicht, oder nur Worte, die Kraft geben sollen, um den nächsten Block noch ein Stück weiter zu bewegen.
Am Rand der Baustelle sitzt ein Mann im Schatten eines groben Segeltuchs. Er ist nicht jung, nicht alt, irgendwo dazwischen. Seine Hände sind rau, voller Risse, die von Jahren harter Arbeit erzählen. Er trinkt aus einem Tonkrug, langsam, bedacht, als müsse er jeden Schluck zählen. Sein Name ist Menka. Er ist ein einfacher Arbeiter, einer von Tausenden, die an diesem Monument bauen.
Der Reisende setzt sich neben ihn. Eine Weile sagen sie nichts. Sie hören den Wind, der Sand über Stein streicht, hören das ferne Rufen, das rhythmische Ziehen der Männer. Dann blickt Menka zur Pyramide hinauf. „Man sagt, sie wird den König unsterblich machen“, sagt er leise. „Dass seine Seele über diese Stufen in den Himmel steigt.“
Der Reisende folgt seinem Blick. Die Pyramide wirkt wie eine Treppe aus Stein, die in die Zeit selbst führt. „Glaubst du das?“ fragt er. Menka zuckt mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass sie bleiben wird, wenn wir alle längst Staub sind.“ Er lächelt dabei nicht bitter, sondern ruhig. Als habe er sich mit diesem Gedanken versöhnt.
„Meine Kinder werden sie sehen“, fährt er fort. „Und die Kinder meiner Kinder. Vielleicht werden sie fragen, wer diese Steine getragen hat. Und niemand wird meinen Namen nennen.“
Der Reisende weiß, dass er recht hat. Dass die Geschichte die Namen der Pharaonen bewahren wird, die der Baumeister vielleicht, aber nicht die der Männer, die jeden Block bewegt haben.
„Aber sie werden sehen, dass Menschen hier waren“, sagt er. „Dass Hände sie aufeinandergeschichtet haben.“ Menka nickt langsam. „Vielleicht ist das genug.“
Ein Ruf ertönt. Es ist Zeit, weiterzuarbeiten. Menka erhebt sich, wischt sich den Sand von den Händen, greift nach einem Seil. Bevor er geht, sieht er den Reisenden noch einmal an.
„Für wen baut ihr?“ fragt er, ohne zu wissen, wie nah diese Frage an der Wahrheit liegt. Der Reisende antwortet nicht direkt. „Für die Zeit“, sagt er schließlich. „Damit sie etwas hat, woran sie sich erinnern kann.“
Menka lächelt kurz, dann reiht er sich wieder ein. Die Männer ziehen gemeinsam an den Seilen. Ein Block bewegt sich, langsam, zentimeterweise, begleitet von Rufen, die den Takt halten. Der Staub steigt auf, golden im Licht der Sonne.
Der Reisende tritt einen Schritt zurück und sieht das Ganze: die gewaltige Form, die aus unzähligen kleinen Anstrengungen wächst. Er weiß, dass diese Pyramiden Jahrtausende überdauern werden. Dass sie Kriege, Stürme, Reiche und Religionen überstehen. Und dass von all den Menschen, die hier schuften, kaum einer in den Annalen der Geschichte auftauchen wird.
Der Übergang kündigt sich leise an.
Das Rufen der Arbeiter wird dumpfer, der Wind verliert seine Schärfe, die Hitze weicht einer anderen Luft. Doch das Bild bleibt: Männer, die Steine bewegen, um etwas zu schaffen, das größer ist als ihr eigenes Leben.
Zurück bleibt Gizeh im Licht der Sonne. Eine Pyramide, die wächst. Und die Erkenntnis, dass Ewigkeit aus unzähligen vergänglichen Augenblicken besteht.
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Großartig, vielen Dank fürs Kreieren
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Sehr gerne.
Es freut mich wenn es Dir gefallen hat.
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Ja, ich konnte die staubdurchtränkte Luft, das diffuse Hitzeflimmern und das leise Echo der kühlen, uneben Böden spüren
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In „Jenseits der Kompasse“ wollte ich einen Ort zeigen, an dem unsere gewohnten Sicherheiten versagen. Es geht mir nicht um ein spektakuläres Rätsel, sondern um das leise Unbehagen, wenn selbst Zeit und Richtung ihre Verlässlichkeit verlieren. Die Folge soll dieses Gefühl vermitteln, dass es Zonen gibt, in denen die Welt für einen Moment aus dem Takt gerät – und man nur noch spürt, wie klein und orientierungslos der Mensch gegenüber dem Unbekannten ist.
Time Travel Tales - Folge 10 Jenseits der Kompasse
Das Brummen der Motoren ist das Erste, was er hört. Ein gleichmäßiger, beruhigender Klang, der Sicherheit verspricht. Der Übergang vollzieht sich lautlos, doch als der Reisende die Augen öffnet, steht er in einem Cockpit, erfüllt vom bläulichen Licht der Instrumente. Vor ihm breitet sich der Atlantik aus, dunkel, endlos, ruhig wie eine polierte Fläche. Der Himmel ist klar, die Sterne stehen hell, und doch liegt in dieser Weite etwas, das sich nicht benennen lässt.
Über dem westlichen Ozean. Zwischen Florida und den Bahamas. Im Gebiet, das man später das Bermuda-Dreieck nennen wird.
Die Anzeigen leuchten. Höhe, Geschwindigkeit, Kurs – alles scheint in Ordnung. Die Piloten sprechen leise, routiniert, fast gelangweilt. Ein Nachtflug wie viele andere. Und doch spürt der Reisende eine feine Verschiebung, als hätte jemand den Takt der Welt minimal verändert.
Ein kurzer Blick auf den Kompass. Die Nadel zittert. „Haben Sie das gesehen?“ fragt der Copilot. Der Kapitän runzelt die Stirn. „Wahrscheinlich nur eine Störung.“
Doch die Nadel beruhigt sich nicht. Sie schwankt, als suche sie etwas, das sie nicht mehr findet. Auch andere Instrumente beginnen zu flackern, kaum merklich, als würden sie sich erst sammeln müssen, um zu versagen.
Draußen verändert sich der Himmel. Die Sterne wirken näher, schärfer, als lägen sie nicht mehr in unendlicher Ferne, sondern nur noch wenige Schritte entfernt. Der Horizont löst sich auf. Meer und Luft scheinen ineinander zu fließen.
Der Reisende tritt an ein Seitenfenster. Unter ihnen ist nichts als Dunkelheit. Kein Schimmer von Küsten, kein Licht eines Schiffes. Nur dieses tiefe, stille Schwarz, das nicht leer wirkt, sondern voll – als trüge es etwas in sich, das sich dem Blick entzieht.
Im Passagierraum sitzen Menschen, die nichts von der Veränderung ahnen. Eine Frau liest, ein Mann schläft, ein Kind hält ein Stofftier im Arm. Gewöhnliche Augenblicke in einer Welt, die gerade beginnt, ihre Regeln zu verlieren.
Plötzlich wird es still. Nicht schlagartig, sondern wie ein langsames Erlöschen. Die Motoren verstummen, ohne zu ruckeln, ohne zu explodieren. Einfach so, als hätte jemand den Ton der Wirklichkeit heruntergedreht. Die Anzeigen gehen aus. Das Cockpit liegt im Halbdunkel. „Kein Strom“, flüstert der Copilot. „Das kann nicht sein“, antwortet der Kapitän, doch seine Stimme trägt keinen Zorn, nur Verwunderung.
Der Reisende spürt, wie sich der Raum dehnt. Sekunden fühlen sich an wie Minuten, Minuten wie etwas, das außerhalb der Zeit liegt. Das Flugzeug fällt nicht. Es schwebt. Als halte es jemand fest, der kein Gewicht kennt.
Draußen beginnt das Meer zu leuchten. Kein starkes Licht, eher ein sanfter, kalter Schimmer, der aus der Tiefe aufsteigt. Linien, Kreise, Bewegungen, die keiner Strömung folgen. Es ist, als würde sich unter der Oberfläche eine andere Ordnung zeigen.
Im Cockpit greift der Kapitän erneut zum Kompass. Die Nadel dreht sich nun im Kreis. Nicht hektisch, sondern gleichmäßig, als habe sie jede Richtung verloren – oder alle zugleich gefunden. „Wir sind… nirgendwo“, sagt er leise.
Der Reisende weiß, dass er sich an einem Ort befindet, der kein Ort ist. An einer Schwelle. Zwischen Hier und Dort, Jetzt und Vielleicht. Ein Raum, in dem Zeit nicht vorwärtsläuft, sondern innehält, als lausche sie auf etwas, das nur sie hören kann.
Für einen Moment sieht er Dinge, die nicht greifbar sind: Schatten von Schiffen, die über ein Meer gleiten, das nicht das ihre ist. Umrisse von Flugzeugen, die in einem Licht schweben, das nicht von dieser Welt stammt. Keine Trümmer, kein Untergang. Nur ein stilles Dasein, als hätte man sie aus der Bewegung genommen und in eine Zwischenzeile der Wirklichkeit geschrieben.
Dann ein Ruck. Ein leises Summen kehrt zurück. Erst eines, dann viele. Die Instrumente erwachen. Der Kompass findet seine Ruhe. Die Sterne rücken wieder in die Ferne. Das Meer wird wieder dunkel, gewöhnlich, berechenbar.
„Wir sind wieder da“, sagt der Copilot, als hätte er kurz den Raum verlassen und nun zurückgefunden. Die Motoren laufen. Der Kurs stimmt. Die Nacht ist wieder eine Nacht. Keiner spricht über das, was war. Vielleicht fehlt den Worten der Halt. Vielleicht spürt jeder, dass man manche Dinge nicht festhalten kann, ohne sie zu verlieren.
Der Übergang kommt sanft.
Der Reisende blickt ein letztes Mal auf den Kompass, bevor er verschwindet. Die Nadel zeigt nach Norden. Verlässlich. So, als sei nie etwas geschehen. Doch er weiß es besser.
Es gibt Orte, an denen Orientierung nur ein Versprechen ist. Und Momente, in denen man begreift, dass Zeit und Raum keine festen Linien sind, sondern Strömungen.
Und irgendwo, jenseits aller Karten, jenseits aller Kompasse, wartet eine Stille, in der die Welt kurz innehält – und niemand sagen kann, wohin sie in diesem Augenblick gehört.
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Mit „Im Staub von Olympia“ wollte ich zeigen, wie groß ein Moment sein kann, obwohl er kaum Spuren hinterlässt. Mir ging es um den Ursprung einer Idee – um den Augenblick, in dem Menschen sich messen, ohne zu kämpfen, und Leistung wichtiger ist als Macht oder Besitz. Es ist ein Blick auf einen einzigen Lauf, der schnell vergeht, aber etwas begründet, das die Zeit überdauert.
Time Travel Tales - 11. Im Staub von Olympia
Das Staubige ist das Erste, was er spürt. Nicht unangenehm, eher allgegenwärtig. Feiner Sand liegt in der Luft, setzt sich auf Haut und Kleidung, trägt den Geruch von Sonne, Schweiß und Olivenöl. Der Übergang endet lautlos, doch die Welt um ihn herum wirkt sofort älter, langsamer, schwerer von Bedeutung. Der Reisende steht auf einer weiten Ebene, umgeben von Hügeln, die in der Hitze flimmern.
Olympia. 8. Jahrhundert vor Christus. Die ersten Olympischen Spiele der Antike.
Es gibt keine Tribünen, keine Fahnenmeere, keine lauten Ankündigungen. Menschen sitzen auf Hängen, stehen im Schatten von Bäumen, lehnen an Steinen. Männer aus verschiedenen Stadtstaaten, ihre Dialekte unterschiedlich, ihre Blicke wachsam. Für ein paar Tage ruht der Krieg. Waffen bleiben zurück, Streit schweigt. Nicht aus Freundschaft, sondern aus Respekt vor etwas Größerem. Dem Wettkampf. Und den Göttern.
In der Mitte der Ebene bereiten sich die Athleten vor. Ihre Körper sind eingeölt, ihre Muskeln gespannt. Sie tragen keine Rüstungen, keine Zeichen von Rang oder Herkunft. Hier zählt nur der Körper, nur die Leistung. Der Reisende sieht Narben, alte Verletzungen, angespannte Kiefer. Niemand lächelt. Das hier ist kein Spiel. Es ist Prüfung.
Ein junger Mann sitzt etwas abseits, kniet im Staub. Er reibt sich die Hände, als könne er die Nervosität abschütteln. Sein Name ist Kleon. Er kommt aus einer kleinen Polis, deren Namen später niemand mehr nennen wird. Heute ist er hier, weil er schneller läuft als andere. Nicht unbesiegbar, nicht überragend – nur schnell genug, um eingeladen zu werden.
Der Reisende tritt neben ihn. „Du bist ruhig“, sagt er..Kleon schnaubt leise. „Nein. Ich habe nur gelernt, die Unruhe nach innen zu legen. Die Götter hören ohnehin alles.“ Er blickt zum Altar, wo Rauch aufsteigt. Ein Opfer wurde dargebracht. Nicht um zu gewinnen, sondern um würdig zu sein.
„Was erhoffst du dir?“ fragt der Reisende. Kleon denkt nach. Lange. „Keinen Reichtum“, sagt er schließlich. „Kein Gold. Nur, dass man sich an diesen Lauf erinnert. Dass mein Körper einmal etwas Vollkommenes tut.“
Der Reisende weiß, wie kurz dieser Augenblick sein wird. Wie wenige Namen aus diesen Tagen überliefert bleiben. Wie viel vergessen wird. Und doch spürt er, dass Kleons Wunsch nicht kleiner wird, nur weil er nicht dauerhaft ist.
Ein Ruf geht durch die Menge. Die Läufer stellen sich auf. Keine Startpistole, kein Signalgerät. Nur ein Arm, der sich hebt. Ein Moment vollkommener Stille, als halte selbst der Wind inne. Dann Bewegung.
Körper schnellen vor, Füße schlagen auf den Boden, Staub wirbelt auf. Der Reisende sieht Anstrengung, Schmerz, Konzentration. Keine Zuschauer jubeln laut. Man schaut. Man misst. Man erkennt.
Kleon läuft. Alles, was er ist, liegt in diesem Lauf. Nicht Vergangenheit, nicht Zukunft – nur Jetzt. Für ein paar Herzschläge ist er nichts weiter als Geschwindigkeit, Atem, Wille.
Der Sieger wird nicht mit Applaus empfangen, sondern mit einem Nicken. Mit Anerkennung. Ein Kranz aus Olivenzweigen wird ihm gereicht. Kein Lächeln, kein Triumphgeschrei. Nur ein stilles Wissen: Für diesen Moment war er der Beste.
Kleon bleibt stehen, atmet schwer. Er sieht den Reisenden noch einmal an.
„Es ist vorbei“, sagt er..Nicht traurig. Nur feststellend. „Aber es war da“, antwortet der Reisende. Später sitzen sie im Schatten. Der Staub legt sich. Gespräche werden leiser. Schon morgen wird man abreisen, zurück in Städte, zurück in Konflikte. Doch für diesen einen Tag hat etwas gegolten, das größer war als Herkunft und Besitz.
Der Übergang kündigt sich sanft an.
Der Reisende blickt noch einmal über die Ebene. Keine Monumente, keine Inschriften. Und doch weiß er: Hier wurde etwas begründet, das Jahrtausende überdauern wird. Nicht wegen der Sieger, sondern wegen der Idee, dass der Mensch sich messen kann, ohne zu töten. Dass Körper, Disziplin und Respekt eine eigene Form von Ewigkeit besitzen.
Zurück bleibt Olympia im Staub der Hitze. Ein Lauf, der verklungen ist. Und der Gedanke, dass Größe manchmal nur einen Atemzug lang existiert – aber trotzdem Geschichte schreibt.
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