Time Travel Tales - Geschichten aus anderen Zeiten

  • Bevor ich beginne, eine kleine Vorbemerkung:

    Natürlich weiß ich, dass es bisher keinerlei Time Travel Tales-Hörspielserie gibt – weder Folgen, noch Inhalte, noch Cover. Aber ich habe mir erlaubt, einmal auszuprobieren, wie so etwas aussehen könnte. Alles, was folgt, ist daher rein spielerisch gemeint. Jede mögliche Überschneidung mit nicht existierenden Projekten, unveröffentlichten Ideen oder zufälligen Ähnlichkeiten ist genau das: reiner Zufall. Es gibt keine Verbindung zu einem Label oder anderen Hörspielserie. Alles ist rein Fiktiv.

    Ein kleines Herzensprojekt, ein Gedankenspiel – nichts weiter. Und doch vielleicht ein Blick in eine Welt, die es so nie gegeben hat, aber wunderbar geben könnte.

    Silvester wäre doch ein guter Startpunkt für die Time Travel Tales.

    Ich habe mir Time Travel Tales als eine ruhige, atmosphärische Zeitreise-Reihe gedacht, in der nicht die Technik zählt, sondern der Mensch und der Moment. Jede Folge erzählt einen kurzen Ausschnitt aus einer anderen Epoche – oft nur einen Abend – und lässt Geschichte über Stimmungen, Begegnungen und leise Entscheidungen spürbar werden. Am Ende steht keine große Erklärung, sondern ein Gefühl, das man mit zurücknimmt und das noch nachwirkt.

    Hier mal eine mögliche erste Folge.

    Time Travel Tales - Folge 1 Ein Abend im Paris der Belle Époque

    Der Moment der Ankunft ist leise. Kein Lichtblitz, kein Dröhnen, kein Zittern der Luft. Nur ein kaum wahrnehmbares Umschlagen der Welt – so, als hätte jemand eine Seite umgeblättert. Der Reisende steht plötzlich auf Kopfsteinpflaster, das noch die Wärme des Tages speichert. Über ihm flackern Gaslaternen auf, eine nach der anderen, und tauchen die Straße in ein sanftes, honigfarbenes Licht.

    Paris. Ein Abend zur Jahrhundertwende.

    Aus offenen Fenstern dringt Musik. Klavierläufe, ein Lachen, das zu laut ist, Stimmen, die sich überlagern. Der Geruch von Kaffee, Parfüm und kaltem Rauch liegt in der Luft. Pferdekutschen rollen vorbei, ihre Räder klappern über das Pflaster. Die Stadt wirkt lebendig, beinahe atemlos – als wüsste sie selbst, dass sie gerade ihren schönsten Moment erlebt.

    Der Reisende geht langsam, unauffällig, so wie man es gelernt hat. Beobachten, nicht auffallen. Er lässt sich treiben, folgt dem Strom der Menschen, die Richtung Montmartre ziehen. Männer mit Hüten, Frauen in Kleidern, deren Stoffe im Laternenlicht schimmern. Alles wirkt leicht. Mühelos. Und doch liegt etwas Unsagbares darunter – eine Ahnung, die niemand ausspricht.

    Vor einem kleinen Café bleibt er stehen. Drinnen sitzt sie. Am Rand des Raumes, halb im Schatten, ein Glas Absinth vor sich. Eine junge Frau, vielleicht Mitte zwanzig. Dunkles Haar, hochgesteckt, ein paar Strähnen haben sich gelöst. Ihr Kleid ist schlicht, fast unscheinbar, aber sie trägt es mit einer Selbstverständlichkeit, die verrät, dass sie auf Bühnen gestanden hat. Ihre Augen wandern über den Raum, bleiben an Gesichtern hängen, hören Gesprächen zu, ohne wirklich zuzuhören. Der Reisende setzt sich an den Nachbartisch.

    Sie bemerkt ihn erst, als er bestellt. Ein kurzer Blick, prüfend, dann ein höfliches Nicken. Fremde kommen und gehen in dieser Stadt, das ist nichts Besonderes. Und doch bleibt ihr Blick einen Moment länger an ihm hängen, als wäre da etwas, das sie nicht einordnen kann.

    „Sie sind nicht von hier“, sagt sie schließlich.

    Es ist keine Frage.

    „Nein“, antwortet er. „Aber ich wollte Paris sehen, wenn es abends leuchtet.“

    Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Müde, aber ehrlich.

    „Dann haben Sie den richtigen Zeitpunkt gewählt.“

    Sie kommen ins Gespräch. Unverfänglich zunächst. Über die Musik, über die Gäste, über den Regen, der heute ausgeblieben ist. Sie erzählt, dass sie Sängerin ist. Varieté, kleine Bühne, nichts Großes. Heute Abend ihr letzter Auftritt an diesem Ort. Morgen geht sie fort.

    „Wohin?“

    Sie zuckt mit den Schultern. „Vielleicht nach Marseille. Vielleicht auch nirgendwohin. Manchmal reicht es, nicht hier zu bleiben.“

    Der Reisende hört zu. Er weiß, was sie nicht sagt. Weiß, dass ihre Karriere nicht den Glanz haben wird, den sie sich erträumt. Weiß, dass ihr Name nie auf Plakaten stehen wird. Und er weiß auch, dass dieser Abend – dieser eine – zu den glücklichsten ihres Lebens gehören wird.

    Darf man so etwas wissen?

    Später sitzen sie draußen. Die Straße ist voller Menschen, die Nacht jung. Aus einem offenen Fenster erklingt Gesang, irgendwo lacht jemand schrill. Sie zündet sich eine Zigarette an, reicht ihm das Feuer.

    „Haben Sie Angst vor der Zukunft?“ fragt sie plötzlich.

    Er antwortet nicht sofort. Sie blickt nicht zu ihm, sondern in die Straße, als hätte sie die Frage mehr sich selbst gestellt.

    „Manchmal“, sagt er dann. „Aber manchmal ist es auch genug, einen Moment zu haben, der zählt.“

    Sie nickt langsam.

    „Dann hoffe ich, dieser Abend zählt für Sie.“

    Später steht sie auf. Es ist Zeit für ihren Auftritt. Sie geht ein paar Schritte, bleibt stehen, dreht sich noch einmal um.

    „Sie werden sich an Paris erinnern“, sagt sie. „So wie es heute war.“

    Er nickt.

    „Das verspreche ich.“

    Drinnen singt sie. Ihre Stimme ist klar, warm, voller Sehnsucht. Das Café wird still. Für ein paar Minuten hält die Zeit den Atem an. Der Reisende weiß, dass er diesen Klang nie vergessen wird.

    Als er wieder auf der Straße steht, ist sie fort. Der Abend geht weiter. Paris leuchtet. Der Übergang zurück ist ebenso leise wie die Ankunft.

    Wieder dieses Umblättern. Die Geräusche verstummen. Das Licht erlischt. Der Reisende ist allein – mit einer Erinnerung, die schwerer wiegt als jede Veränderung der Geschichte.

    Paris hat er verlassen. Aber ein Abend ist geblieben.

  • Weihnachten war lang, ich hatte viel Zeit daher hier gleich eine mögliche zweite Folge.

    Time Travel Tales - Folge 2 Das Schweigen von Roanoke

    Die Stille ist das Erste, was auffällt. Keine Stimmen. Kein Wind. Kein Knarren von Holz.

    Der Übergang geschieht wie immer lautlos, doch diesmal wirkt die Welt selbst, als halte sie den Atem an. Der Reisende steht auf feuchtem Boden, umgeben von einfachen Holzhäusern, deren Türen offenstehen. Ein schwacher Nebel liegt zwischen den Gebäuden, kriecht über den Boden, verschluckt Geräusche.

    Die Kolonie von Roanoke. Spätsommer. 1590.

    Er kennt diesen Ort. Jeder kennt ihn – zumindest dem Namen nach. Eine der großen offenen Wunden der Geschichte. Menschen, die verschwanden, ohne eine Spur zu hinterlassen. Nur ein Wort, in Holz geritzt.

    Der Reisende geht langsam durch das Dorf. Ein umgestürzter Stuhl. Ein zerbrochener Krug. Ein Kleidungsstück, achtlos über eine Bank geworfen. Alles wirkt, als seien die Bewohner hastig aufgebrochen – aber ohne Panik. Keine Spuren von Gewalt. Kein Kampf. Nur Abwesenheit. Und dann hört er Schritte.

    Leise, vorsichtig, kaum mehr als ein Rascheln im Gras. Ein Junge tritt aus dem Nebel. Vielleicht zwölf Jahre alt. Dünn, schmutzige Kleidung, dunkle Augen, die zu viel gesehen haben. Er hält Abstand, mustert den Fremden misstrauisch.

    „Ihr seid zu spät“, sagt er schließlich.

    Der Reisende antwortet ruhig. Er nennt keinen Namen, stellt keine Fragen, die zu groß wären. Der Junge heißt Thomas. Einer der Letzten. Einer, der geblieben ist – oder zurückgekehrt. Das bleibt unklar.

    Sie setzen sich auf die Stufen eines Hauses. Der Nebel lichtet sich ein wenig, gibt den Blick frei auf das verlassene Dorf. Thomas erzählt. In Bruchstücken. Von Hunger. Von Krankheit. Von Versprechen, die das Meer verschluckt hat. Von den Einheimischen, die zuerst halfen – und dann selbst kaum noch überlebten.

    „Wir hatten keine Wahl“, sagt er leise.

    „Bleiben hieß sterben.“

    Der Reisende weiß, was Thomas nicht ausspricht. Die Kolonisten haben sich verteilt. Sind gegangen. Haben sich angepasst, angeschlossen, verloren. Keine große Katastrophe. Kein Massaker. Nur eine langsame Auflösung.

    „Warum habt ihr nichts hinterlassen?“ fragt er schließlich.

    Thomas sieht ihn an. Lange.

    „Manchmal“, sagt der Junge, „will man nicht gefunden werden.“

    Sie gehen gemeinsam zu einem Pfosten am Rand der Siedlung. Dort ist das Wort eingeritzt. CROATOAN. Die Buchstaben sind tief, sorgfältig. Kein Hilferuf. Keine Hast.

    „Es war kein Zeichen der Angst“, erklärt Thomas. „Es war eine Entscheidung.“

    Der Reisende spürt das Gewicht dieser Worte. Die Geschichte liebt Dramen. Klare Antworten. Aber hier gibt es nur Grautöne. Menschen, die verschwinden, nicht weil sie ausgelöscht werden, sondern weil sie aufhören, das zu sein, was man von ihnen erwartet.

    Der Nebel wird dichter. Thomas tritt einen Schritt zurück.

    „Ihr werdet erzählen, dass wir verschwunden sind“, sagt er.

    „Aber wir haben nur aufgehört, da zu sein.“

    Der Übergang kommt ohne Vorwarnung. Ein Atemzug – und der Reisende steht wieder allein. Das Dorf ist leer. Kein Junge. Keine Schritte. Nur das Wort im Holz, das nun schwerer wirkt als zuvor.

    Zurück bleibt keine Lösung. Kein Rätsel, das sich schließen lässt. Nur das Schweigen von Roanoke.nUnd die Erkenntnis, dass manche Geheimnisse nicht darauf warten, gelöst zu werden – sondern darauf, respektiert zu werden.

  • Wie wäre es denn mit einem Besuch in London zur Krönung von Elizabeth II.?

    Time Travel Tales - Folge 3 Der Tag der Krönung

    Der Regen ist das Erste, was er hört. Ein gleichmäßiges, geduldiges Trommeln auf Asphalt, gemischt mit Stimmen, die sich nicht vertreiben lassen. Der Übergang endet, und der Reisende steht am Rand einer Londoner Straße. Fahnen flattern im Wind, rot, weiß und blau, durchnässt und schwer. Menschen drängen sich unter Regenschirmen, auf Kisten, auf Fensterbänken. Niemand geht. Niemand denkt daran, sich zurückzuziehen.

    London - 2. Juni 1953 - Der Tag der Krönung von Elisabeth II.

    Die Stadt wirkt angespannt und gelöst zugleich. Wie jemand, der lange gewartet hat und nun nicht weiß, ob er jubeln oder schweigen soll. Der Reisende geht langsam, lässt sich treiben. Er sieht Gesichter, die vom Krieg gezeichnet sind, von Entbehrung, von Jahren, in denen Hoffnung ein vorsichtiges Wort war. Und nun stehen sie hier. Im Regen. Und bleiben.

    In einer schmalen Seitenstraße entdeckt er ein kleines Café. Beschlagene Fenster, warmes Licht. Drinnen sitzen nur wenige Menschen. Eine ältere Frau schenkt Tee aus, die Hände ruhig, fast feierlich. Am Fenster steht ein Junge, vielleicht zehn Jahre alt, die Nase dicht an der Scheibe.

    „Sie kommt heute“, sagt er, ohne sich umzudrehen.

    Es klingt nicht wie eine Feststellung. Eher wie ein Versprechen.

    Der Reisende setzt sich an einen Tisch. Der Junge heißt Arthur. Sein Vater ist im Krieg geblieben. Seine Mutter arbeitet im Krankenhaus, heute Doppelschicht. Arthur durfte frei nehmen, „für die Geschichte“, hat man gesagt.

    „Wird heute alles anders?“ fragt der Junge plötzlich.

    Der Reisende sieht ihn an. Er kennt diese Frage. Sie taucht an vielen Orten auf, zu vielen Zeiten.

    „Nicht alles“, antwortet er. „Aber manches.“

    Arthur nickt, als sei das genug. Draußen brandet Jubel auf, irgendwo in der Ferne. Glocken setzen ein, erst zögerlich, dann entschlossen. Die Übertragung läuft im Radio hinter dem Tresen, die Stimme des Sprechers ehrfürchtig, beinahe andächtig.

    Arthur hört zu, mit einer Ernsthaftigkeit, die Erwachsene oft verlieren.

    „Sie ist jung“, sagt er. „Fast wie meine Mutter.“

    Der Reisende weiß, was Arthur nicht wissen kann. Er weiß um die langen Jahre, die vor ihr liegen. Um Pflichten, die schwerer werden. Um ein Leben, das nie wieder ganz privat sein wird.

    „Denkst du, sie hat Angst?“ fragt Arthur leise.

    Der Reisende antwortet nicht sofort.

    „Ich denke“, sagt er dann, „sie weiß, dass heute etwas beginnt, das größer ist als sie selbst.“

    Arthur lächelt. Nicht breit. Aber ehrlich.

    Als die Zeremonie endet, leert sich das Café langsam. Der Regen hat nachgelassen. Die Stadt wirkt verändert – nicht euphorisch, aber aufgerichtet. Arthur zieht seine Jacke an.

    „Ich werde mich erinnern“, sagt er.

    „An heute.“

    Der Reisende nickt.

    Er weiß, dass Arthur diesen Tag sein Leben lang mit sich tragen wird. Nicht als politisches Ereignis, sondern als Gefühl. Als Moment, in dem die Zukunft greifbar schien.

    Der Übergang kommt sanft. Zurück bleibt London im Regen. Fahnen. Glocken. Ein Junge am Fenster. Und ein Tag, der nicht alles verändert hat – aber genug, um Hoffnung wieder auszusprechen. Still. Unaufdringlich. Und für viele: unvergesslich.

  • Ich würde definitiv die Serie kaufen, da mich Zeitreisen immer interessieren. Vielleicht auch mal in eine mögliche Zukunft Reinschauen.

    Das freut mich sehr, dass dich die Geschichten thematisch ansprechen – gerade Zeitreisen haben ja dieses wunderbare Potenzial, Neugier, Staunen und auch Nachdenklichkeit zu verbinden.

    Ich arbeite tatsächlich gerade an zwei Geschichten, die einen Blick in eine mögliche Zukunft werfen. Ganz ehrlich: Das ist gar nicht so einfach. Der Grat ist schmal, weil solche Szenarien sehr schnell ins rein Fantastische oder Beliebige abdriften können. Mir ist wichtig, dass es trotz aller Visionen geerdet bleibt, glaubwürdig wirkt und etwas über uns als Menschen erzählt – nicht nur über Technik oder Effekte.

    Mal sehen, wohin die Reise geht. Aber genau diese Herausforderung macht den Reiz für mich aus.

  • In „Jenseits des Horizonts“ geht es um den Augenblick, in dem eine neue Welt entdeckt wird – und zugleich unwiederbringlich ihre Unschuld verliert. Die Folge zeigt den Moment der Hoffnung und des Staunens, wissend, dass er der Beginn von Eroberung, Leid und Veränderung ist. Ein stiller Blick auf einen historischen Wendepunkt, an dem Zukunft und Tragik gleichzeitig ihren Anfang nehmen.

    Time Travel Tales - Folge 4 Jenseits des Horizonts

    Das Meer ist das Erste, was er hört. Ein tiefes, unaufhörliches Atmen, das gegen die hölzernen Planken schlägt, als wolle es die Schiffe prüfen, sie messen, sie vielleicht auch zurückweisen. Der Übergang vollzieht sich wie immer lautlos, doch diesmal scheint selbst die Zeit zu schwanken, als müsse sie sich erst sammeln, um ihn in diesen Moment zu entlassen. Der Reisende steht an Deck der Santa María. Der Wind ist kühl, salzig, und trägt den Geruch von Teer, nassem Tauwerk, Schweiß und einer Müdigkeit, die sich über Wochen in jede Faser der Männer gefressen hat.

    1492. Der Atlantik. Die Grenze zwischen dem Bekannten und dem Unvorstellbaren.

    Die See liegt ruhig, fast trügerisch ruhig. Ein endloser Spiegel, in dem sich der Himmel spiegelt, als gäbe es keine Richtung mehr, kein Oben und kein Unten, nur dieses ewige Dazwischen. Die Mannschaft bewegt sich gedämpft, ihre Stimmen sind leise, als fürchteten sie, das Meer selbst zu wecken. Hoffnung und Verzweiflung liegen so dicht beieinander, dass man sie kaum auseinanderhalten kann.

    Ein junger Matrose lehnt an der Reling. Sein Name ist Diego. Er hat dunkle Augen, in denen sich die Unruhe der vergangenen Wochen gesammelt hat. Er ist fortgegangen, weil man ihm von Gold erzählt hat, von Ruhm, von einer neuen Welt. Doch nun, nach so vielen Tagen ohne Land, ist aus der Verheißung eine Frage geworden, die niemand mehr laut auszusprechen wagt.

    „Man sagt, hinter dem Horizont beginne das Nichts“, murmelt er, mehr zu sich selbst als zum Fremden neben ihm. Der Reisende bleibt still. Er weiß, was hinter diesem Horizont liegt. Er weiß aber auch, dass das Wissen um das Kommende schwerer wiegt als jede Angst vor dem Unbekannten.

    Weiter vorne am Bug steht Kolumbus. Kein Gemäldeheld, kein überhöhter Entdecker, sondern ein Mann, der sich an eine Idee klammert, weil sie das Einzige ist, was ihn noch trägt. Seine Hände umschließen die Reling, als könne er das Schiff allein durch Willenskraft vorwärtsziehen. In seinem Blick liegt Entschlossenheit – und etwas, das wie Trotz aussieht. Der Trotz eines Menschen, der nicht umkehren kann, ohne alles zu verlieren.

    In der Nacht flackern die Laternen. Die Männer liegen auf Deck, eingehüllt in Decken, lauschen dem Knarren des Holzes und dem leisen Rauschen der Wellen. Einige beten. Andere starren in den Himmel, auf der Suche nach einem Zeichen. Der Reisende hört ihre Gedanken beinahe, so dicht liegen sie in der Luft: die Angst vor dem Scheitern, vor der Meuterei, vor dem Vergessenwerden.

    Kurz vor dem Morgengrauen geschieht es. Ein Ruf, erst unsicher, dann durchdringend.

    „Tierra! Land!“

    Die Worte pflanzen sich fort wie ein Funke. Männer springen auf, stolpern, drängen zur Reling. Tränen mischen sich mit Lachen. Der Horizont, der so lange nur eine Linie war, gewinnt plötzlich Tiefe. Dunkles Grün zeichnet sich ab, Formen, die nicht aus Wasser bestehen. Küste. Bäume. Ein Versprechen, das greifbar wird.

    Kolumbus sinkt auf die Knie. Er spricht Worte des Dankes, hebt die Hände gen Himmel. Die Männer fallen ein, manche aus Überzeugung, manche aus reiner Erleichterung. Diego steht reglos, als könne er nicht fassen, dass der Albtraum der Leere endet.

    „Wir haben es gefunden“, flüstert er. „Eine neue Welt.“

    Der Reisende sieht die Freude, die Ehrfurcht, das Staunen. Und er sieht zugleich das, was in diesem Moment noch unsichtbar ist: die Ketten, die folgen werden, die Gewalt, die Gier, die Zerstörung von Kulturen, deren Namen diese Männer noch nicht einmal kennen.

    Als sie an Land gehen, ist die Luft schwer und warm, erfüllt von fremden Geräuschen. Vögel mit Farben, die in Europa niemand gesehen hat. Das Rascheln von Blättern, das Summen von Insekten. Die Erde unter den Füßen fühlt sich anders an, als trüge sie ein eigenes Gedächtnis.

    Zwischen den Bäumen erscheinen Gestalten. Die Einheimischen. Vorsichtig, beobachtend, neugierig. Zwei Welten stehen einander gegenüber, in einem Augenblick, der noch unschuldig wirkt, noch offen. Niemand ahnt, dass dieser erste Blick der Anfang eines langen, schmerzhaften Kapitels ist.

    Diego tritt näher an den Reisenden. „Glaubst du, wir werden berühmt sein?“ fragt er leise. Der Reisende zögert. „Man wird sich an diesen Tag erinnern“, sagt er schließlich. „Aber Erinnerung ist nicht immer Ruhm.“ Diego versteht es nicht. Er lächelt. Für ihn ist dieser Augenblick ein Wunder, eine Erlösung. Ein Beweis, dass sich das Wagnis gelohnt hat. Der Reisende hingegen spürt das Gewicht der Geschichte, das sich hier zum ersten Mal auf den Boden senkt. Ein einzelner Schritt an Land, der die Welt verändern wird – nicht nur für die, die kommen, sondern vor allem für die, die bereits hier sind.

    Der Übergang beginnt, während die ersten Zeichen der Begegnung ausgetauscht werden, Gesten, vorsichtige Bewegungen, neugierige Blicke. Ein Moment reiner Möglichkeit, in dem noch alles hätte anders verlaufen können. Dann ist er fort.

    Zurück bleiben der Strand, das Meer, der offene Himmel. Und ein Augenblick, in dem die Menschheit ihren Horizont erweiterte – und zugleich eine Kette von Ereignissen in Gang setzte, die unermessliches Leid und unumkehrbare Veränderung bringen würden.

    Ein Schritt über den Rand der bekannten Welt. Ein Schritt, der Geschichte schrieb.

  • Du hast viele gute Ideen, aber wieso setzt du dich nicht einfach hin und schreibst mal ein Skript und bietest das an? So verlaufen diese Ideen ja im Nichts und verwirren eher den Gelegenheitsleser.

    Tolkien

    Zum einen würde sich für mich die Frage stellen, ob die Geschichten tatsächlich gut genug sind. Und zum anderen glaube ich – ganz gleich, welches Konzept –, dass es am Ende niemand wirklich haben möchte.

  • Tolkien

    Zum einen würde sich für mich die Frage stellen, ob die Geschichten tatsächlich gut genug sind. Und zum anderen glaube ich – ganz gleich, welches Konzept –, dass es am Ende niemand wirklich haben möchte.

    Also ich würde so ein Skript mal einreichen. Sind doch gute Ideen. Und mehr als eine Absage kann man ja nicht kriegen.

    Du hast doch viel Zeit und Arbeit darein gesteckt...👍

  • Also ich habe mich geärgert, daß ich damals so lange gezögert habe, bis ich mich getraut habe. So erschien mein erstes kommerzielles Hörspiel erst, als ich 50 geworden bin.

    Interessant!👍

    Wie lange hast Du denn gezögert?

    Wie lange hat es denn gedauert, bis Du Antwort erhalten hast?

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  • Ich habe ja 2009 angefangen, für die Freie Szene (Hörspielprojekt, Mindcrusher, Soundtales Productions etc) Hörspiele zu schreiben und hatte mächtig Spaß daran. Erst 2018 habe ich den Schritt gewagt, es auch mal bei den kommerziellen Labels zu versuchen. Contendo hat als erstes zugeschlagen, so daß ich auf weit mehr als hundert Skripte für das Label zurückblicken kann, dazu kamen dann noch viele für die Romantruhe, Carsten Hermann, Dreamland, Holysoft und Saphir.


    Aber wir sollten Poldis Thread nicht kapern. Alles weitere dazu hier: Frank Hammerschmidt

  • Ich habe ja 2009 angefangen, für die Freie Szene (Hörspielprojekt, Mindcrusher, Soundtales Productions etc) Hörspiele zu schreiben und hatte mächtig Spaß daran. Erst 2018 habe ich den Schritt gewagt, es auch mal bei den kommerziellen Labels zu versuchen. Contendo hat als erstes zugeschlagen, so daß ich auf weit mehr als hundert Skripte für das Label zurückblicken kann, dazu kamen dann noch viele für die Romantruhe, Carsten Hermann, Dreamland, Holysoft und Saphir.

    Dann kannst Du doch bestimmt recht gut beurteilen, ob ein Skript Chancen hat oder nicht?

    Ist es bei Dir schon vorgekommen, dass Du von einer Sache total begeistert warst und das Label sah es anders? Bzw. hast Du schon mal was weggeschickt, wo Du gesagt hast, ist jetzt nicht der Knaller... und beim Label hat's total eingeschlagen?

    Kommt sowas vor?

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