Auch hier, bevor ich beginne, eine kleine Vorbemerkung:
Natürlich weiß ich, dass es bisher keinerlei Justic Tales-Hörspielserie gibt – weder Folgen, noch Inhalte, noch Cover. Aber ich habe mir erlaubt, einmal auszuprobieren, wie so etwas aussehen könnte. Alles, was folgt, ist daher rein spielerisch gemeint. Jede mögliche Überschneidung mit nicht existierenden Projekten, unveröffentlichten Ideen oder zufälligen Ähnlichkeiten ist genau das: reiner Zufall.
Ein kleines Herzensprojekt, ein Gedankenspiel – nichts weiter. Und doch vielleicht ein Blick in eine Welt, die es so nie gegeben hat, aber wunderbar geben könnte.
Viele Hörspieler haben sich eine klassische Hörspielserie rund um Anwälte, Gerichtssäle und juristische Auseinandersetzungen vorstellen können – eine Serie, in der verhandelt, gestritten, plädiert und geurteilt wird. Justice Tales greift genau diese Vorstellung auf und nutzt sie als Ausgangspunkt.
Mich interessierte dabei jedoch weniger das reine juristische Kräftemessen als vielmehr das, was vor dem Urteil liegt – und das, was danach bleibt. Entscheidungen, die aus menschlichen Situationen heraus entstehen, werden hier im Nachhinein juristisch betrachtet, seziert und bewertet.
Die erste Folge von Justice Tales ist deshalb bewusst als direkte Fortsetzung der dritten Folge von Medical Tales angelegt (hier zu lesen) „Dosierung“. Der medizinische Ausnahmezustand der Nacht endet nicht mit dem Tod eines Patienten, sondern setzt sich im Gerichtssaal fort – dort, wo Akten sprechen, Verantwortung verteilt wird und Schuld eine andere Sprache bekommt.
Justice Tales beginnt nicht bei Paragraphen, sondern bei einem Fehler. Und bei der Frage, was Gerechtigkeit bedeutet, wenn kein Urteil den Ausgang rückgängig machen kann.
Justice Tales Folge 1 „Nach Aktenlage (Dosierung II)“
Der Gerichtssaal roch nach Holzpolitur und Papier. Aktenpapier vor allem. Dr. Weber bemerkte diesen Geruch erst, als sie später den Raum betrat. Er unterschied sich deutlich vom Geruch des Seniorenheims: kein Desinfektionsmittel, kein Kaffee, keine Müdigkeit. Hier roch alles nach Ordnung. Nach Abstand.
Zu Beginn war sie nicht da.
Vorne, am Tisch der Angeklagten, saß Sabine Lenz, die Pflegerin aus Zimmer 27. Das Haar streng zurückgebunden, die Hände gefaltet, als hielten sie etwas Unsichtbares fest. Seit jener Nacht hatte sie kaum geschlafen. Das sah man ihr an. Die Anklage sah es nicht.
Der Staatsanwalt sprach ruhig. Sachlich. Fast freundlich. Er sprach von einem „eindeutig dokumentierten Medikationsfehler“. Von klaren Abläufen. Von Verantwortung. Ein Mensch sei gestorben. Punkt.
Die Verteidigerin widersprach nicht grundsätzlich. Sie legte Akten vor. Dienstpläne. Schichtprotokolle. Doppelte Belegungen. Überstunden, die niemand gegengezeichnet hatte. Medikationspläne, die sich innerhalb weniger Wochen dreimal geändert hatten.
„Frau Lenz“, sagte der Richter schließlich, „war Ihnen bewusst, dass Sie eine falsche Dosierung verabreicht haben?“
Sabine Lenz hob den Blick. Zum ersten Mal an diesem Tag.
„Nein“, sagte sie leise. „Ich war sicher, es sei korrekt.“
„Aber Sie haben nicht kontrolliert.“
Ein Atemzug.
„Ich habe kontrolliert. So gut ich konnte.“
Der Richter nickte kaum merklich. Dann blickte er in die Akten.
„Wir hören nun die sachverständige Zeugin.“
Dr. Weber betrat den Saal ruhig. Ohne Eile. Ohne Pathos. Sie setzte sich in den Zeugenstand, legte die Hände auf die Brüstung und wartete.
Sie sprach über Abläufe. Über Pharmakologie. Über Wirkungsketten. Und schließlich über etwas, das nicht in Lehrbüchern stand.
„Morphin tötet nicht allein durch Überdosierung“, sagte sie. „Es tötet, wenn ein Körper keine Kraft mehr hat, Fehler auszugleichen.“
Der Richter fragte: „Hätte der Tod verhindert werden können?“
Weber schwieg einen Moment zu lange.
„Vielleicht“, sagte sie dann. „Wenn mehr Zeit gewesen wäre. Mehr Personal. Mehr Ruhe.“
Der Staatsanwalt notierte etwas. Die Worte klangen nach Entlastung. Aber sie waren es nicht.
Am Ende stand kein großes Urteil. Keine moralische Absolution. Sabine Lenz wurde verurteilt – zu einer Bewährungsstrafe. Fahrlässige Tötung. Nach Aktenlage korrekt. Nach menschlichem Maßstab grausam.
Als der Saal sich leerte, blieb Weber noch einen Moment stehen. Sie wusste, dass Gerechtigkeit hier etwas anderes bedeutete als draußen im Flur des Seniorenheims.
Dort war ein Fehler passiert.
Hier war er benannt worden.
Und irgendwo dazwischen lag die Wahrheit.