Bibi Blocksberg - Das große Hexentreffen (Filmkritik)

  • Bibi Blocksberg - Das große Hexentreffen

    Ich war eher spontan im Kino und bin dort über „Bibi Blocksberg – Das große Hexentreffen“ gestolpert – ohne große Erwartungen, eher aus Neugier und mit einer guten Portion Skepsis. Umso überraschender war es, wie sehr mich dieser neue Bibi-Film dann tatsächlich abgeholt hatbeim Betreten des Kinos hatte ich dieses leise, fast vergessene Gefühl, das man heute nur noch selten hat: die Erwartung, dass ein Film mich nicht überfordern, nicht belehren, nicht ironisch auf Abstand halten will, sondern mich einfach mitnimmt. „Bibi Blocksberg – Das große Hexentreffen“ ist genau so ein Film. Einer, der von Anfang an signalisiert, dass er an ein gemeinsames kulturelles Gedächtnis anknüpft – an Hörspielkassetten, an Sonntagnachmittage, an diese spezielle Mischung aus Anarchie und Wärme, die Bibi Blocksberg immer ausgezeichnet hat.

    Was sofort auffällt: Der Film will ganz bewusst zurück zur klassischen Bibi. Neustadt steht wieder im Mittelpunkt, nicht als bloße Kulisse, sondern als vertrauter Ort. Bürgermeister, Karla Kolumna, das Blocksberg-Umfeld – all das fühlt sich nicht wie Fanservice an, sondern wie ein Fundament. Endlich kein Pferdehof als Zwangsbühne, keine Auslagerung der Figur in ein Spin-off-Gefühl, sondern eine klare Entscheidung: Das hier ist Bibis Welt, nicht eine Abzweigung davon. Allein diese Rückbesinnung sorgt dafür, dass man sich schnell zu Hause fühlt.

    Die Geschichte setzt mit einer angenehm großen Idee ein: dem internationalen Hexentreffen, das nur alle 13 ⅓ Jahre stattfindet. Ein Ritual, ein Ereignis, ein Ausnahmezustand. Dass dieses Treffen ausgerechnet in Neustadt und auf dem Blocksberg stattfindet, verleiht dem Ganzen automatisch Gewicht. Der Film nutzt dieses Setting klug, weil es Raum für Konflikte, für Machtfragen und für unterschiedliche Vorstellungen von Hexerei eröffnet. Bibi ist dabei nicht die auserwählte Retterin von Anfang an, sondern zunächst genau das, was sie immer war: neugierig, impulsiv, hilfsbereit – und manchmal schlicht zu schnell für ihr eigenes Urteilsvermögen.

    Gerade das gefällt mir an dieser Version von Bibi. NALA spielt sie nicht als strahlende Identifikationsfigur, sondern als echtes Mädchen in einem Übergangszustand. Jemand, der Verantwortung übernehmen will, aber noch nicht immer versteht, was Verantwortung wirklich bedeutet. Ihre Bibi nutzt Hexerei gern, um den Alltag abzukürzen, um Dinge zu vereinfachen – und stolpert genau dadurch in Schwierigkeiten. Das ist keine neue Idee, aber sie wird hier mit einer Ehrlichkeit erzählt, die man ihr abnimmt. Nichts wirkt geschniegelt, nichts künstlich auf „frech“ getunt.

    Auch das Zusammenspiel mit Schubia und Flauipaui funktioniert erstaunlich gut. Die drei wirken nicht wie ein funktionales Drehbuch-Trio, sondern wie Freundinnen mit kleinen Spannungen, mit Unsicherheiten, mit echter Solidarität. Der Film nimmt sich Zeit, dieses Miteinander zu zeigen, ohne es ständig erklären zu müssen. Man merkt: Hier geht es nicht um Einzelheldentum, sondern um Gemeinschaft – ein Motiv, das sich durch den gesamten Film zieht.

    Der eigentliche Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist jedoch Servera, gespielt von Heike Makatsch. Sie ist die Figur, die dem Film Tiefe gibt. Servera ist keine laute Bösewichtin, keine Karikatur, sondern eine überzeugte Vertreterin von Ordnung, Tradition und Disziplin. Ihr Graues Internat ist kein Ort des Schreckens im klassischen Sinn, sondern ein Ort der Kontrolle, der Anpassung, der vermeintlichen Sicherheit. Makatsch spielt diese Figur mit einer faszinierenden Mischung aus Freundlichkeit und Kälte. Ihr Lächeln ist nie ganz vertrauenswürdig, ihre Worte sind ruhig, aber eindeutig. Immer wenn sie im Bild ist, verschiebt sich die Tonlage des Films – er wird ernster, konzentrierter, spannender.

    Was mir besonders gefallen hat: Der Film macht aus diesem Konflikt keine platte Parabel, sondern lässt ihn organisch aus der Geschichte entstehen. Es geht um Macht über die nächste Generation, um die Frage, wer entscheidet, wie junge Hexen – und sinnbildlich junge Menschen – zu leben, zu denken, zu handeln haben. Offenheit, Vielfalt und Selbstbestimmung stehen hier alten Regeln, starren Ritualen und autoritärem Denken gegenüber. Das ist klar erkennbar, aber nie aufdringlich formuliert. Der Film vertraut darauf, dass sein Publikum – auch das junge – diese Gegensätze versteht.

    Dass „Das große Hexentreffen“ musikalische Elemente enthält, gehört zur modernen deutschen Familienfilm-DNA. Ja, es wird gesungen. Und nein, nicht jeder Song bleibt im Ohr. Aber die Musik wirkt hier weniger wie ein Fremdkörper als befürchtet. Die Lieder sind meist sinnvoll eingebettet, treiben das Tempo voran oder spiegeln innere Haltungen wider. Besonders die musikalischen Auftritte von Servera haben Gewicht, weil sie nicht nur unterhalten, sondern ihre Ideologie transportieren. Musical-Skeptiker werden trotzdem nicht restlos überzeugt sein – aber ich hatte nie das Gefühl, dass der Film sich in seinen Songs verliert.

    Visuell ist der Film ein klares Bekenntnis zum Wohlfühlkino. Neustadt erscheint wie eine idealisierte Modellstadt, der Blocksberg wie eine märchenhafte Mischung aus deutscher Folklore und internationalem Fantasy-Standard. Die Ausstattung ist detailreich, die Kostüme fantasievoll, die Farben bewusst kräftig. Nichts davon wirkt billig oder lieblos. Die Effekte sind solide und unaufdringlich – Magie darf hier glitzern, ohne zum Selbstzweck zu werden. Gerade für Kinder dürfte das ein Erlebnis sein, aber auch als Erwachsener fühlt man sich nicht überreizt.

    Natürlich ist der Film nicht frei von Schwächen. Die Dramaturgie folgt einem klaren, teilweise sehr vorhersehbaren Weg. Manche Nebenfiguren aus Neustadt wirken eher wie Pflichttermine als wie echte Bestandteile der Handlung. Und nicht jede Szene bekommt die Ruhe, die sie verdienen würde – manchmal wird Tempo mit Bedeutung verwechselt. Aber all diese Punkte wiegen weniger schwer, weil der Film in sich stimmig bleibt.

    Was am Ende überwiegt, ist dieses seltene Gefühl, dass ein deutscher Kinderfilm seine Figuren ernst nimmt. „Bibi Blocksberg – Das große Hexentreffen“ will niemanden belehren, niemanden bloßstellen, niemanden ironisch ausstellen. Er erzählt von Mut, Freundschaft und Selbstvertrauen, ohne kitschig zu werden, und von Widerstand gegen falsche Autorität, ohne platt zu moralisieren.

    Am Ende saß ich da und dachte: Genau so darf sich Bibi anfühlen. Nicht modernisiert um jeden Preis, nicht glattpoliert, sondern verwurzelt in dem, was sie immer war – und trotzdem offen genug, um auch heute noch etwas zu sagen zu haben.

    Kein großer Umsturz, kein perfekter Film. Aber ein ehrlicher, warmer und überraschend stimmiger Beitrag zu einer Figur, die mehr ist als Nostalgie. Und das ist vielleicht das schönste Kompliment, das man diesem Film machen kann.

    Edited once, last by DerPoldi (December 14, 2025 at 9:53 AM).

  • DerPoldi December 14, 2025 at 9:46 AM

    Changed the title of the thread from “Bibi Blocksberg und das große Hexentreffen (Filmkritik)” to “Bibi Blocksberg - Das große Hexentreffen (Filmkritik)”.
  • Flori1981

    Ich meine mich erinnern zu können, dass du den Film im Kino sehen wolltest – ist es inzwischen dazu gekommen?

    Leider nein, muss auf die DVD warten.

  • Am 17.April 2026 erscheint der Film auf DVD.

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    Natürlich schon länger vorbestellt. :)

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