Faith van Helsing - 72. Die Teufelstrommel
Ein unheimliches Trommeln liegt über der Stadt, dumpf und durch Mark und Bein gehend – ein Rhythmus, der nicht von dieser Welt zu stammen scheint. Kurz darauf ereignen sich unerklärliche Unfälle, gefolgt von Selbstmorden, deren Opfer wie ferngesteuert wirken. Nichts verbindet diese Menschen – außer der schrecklichen Melodie, die ihnen den Verstand vernebelt. Professor Callahan erkennt, dass hinter den Vorfällen uralte schamanische Magie steckt, und ruft Faith zu Hilfe. Mit einer neuen Waffe, die mehr Experiment ist als verlässliches Werkzeug, stellt sie sich dem übernatürlichen Trommelzauber. Doch die Gegner, auf die sie trifft, sind keine Illusionen – sie sind Untote, heraufbeschworen aus einer Zeit, die längst vergangen ist. Die Armee der Wiedergänger bewegt sich geisterhaft und brutal zugleich, unaufhaltsam, getrieben von einem Rhythmus, der aus einer dämonischen Dimension stammt. Und Faith steht zum ersten Mal seit langer Zeit ohne Delias Feenmagie da – ein Umstand, der ihre Angriffe schwächt und ihre Verletzlichkeit gnadenlos offenlegt. Während der Trommelrhythmus immer stärker wird und die Stadt in ein Netz aus Angst, Panik und wuchernder Magie treibt, muss Faith sich dem Ursprung dieses Klanges stellen – der Teufelstrommel selbst, einem Relikt der dunklen Schamanen, das nicht nur Tote erweckt, sondern lebenden Menschen die Seele rauben kann.
„Die Teufelstrommel“ ist eine Episode, die sofort eine bedrückende, finstere Stimmung aufbaut. Anstelle eines cleveren Rätsels oder urbaner Stadtmythen steht hier ein sehr körperlicher, archaischer Horror im Mittelpunkt – ein Klang, der wie ein Herzschlag wirkt und jeden Moment an die Nerven der Figuren schlägt. Die Thematik rund um schamanische Magie, alte Rituale und eine Trommel als Quelle des Bösen verleiht der Serie einen stärkeren spirituellen Einschlag, der sich wohltuend von urbanen oder vampirischen Motiven abhebt. Die Episode lebt von ihrem Druck: einem Gefühl des Unausweichlichen, der ständigen Bedrohung und einer Atmosphäre, die an alte Geisterlegenden erinnert, die am Rand des Feuers erzählt werden. Dass Faith ohne Delias Kräfte auskommen muss, fügt dem Ganzen eine zusätzliche Verletzlichkeit hinzu. Die Hauptfigur wirkt verletzbarer, getriebener, dadurch aber auch menschlicher. Gepaart mit der unheimlichen Stimmung der Untoten entsteht eine Episode, die nicht auf Effekthascherei, sondern auf pure, dichte Atmosphäre setzt.
Die Regie der Episode macht sich den Klang der Trommel auf meisterhafte Weise zunutze. Er ist ständig präsent, mal im Hintergrund wie ein fernes Echo, dann plötzlich nah, dröhnend, in den Köpfen der Figuren. Die Untoten selbst wirken weniger wie klassische Zombies, sondern wie eine Mischung aus Ritualwesen und gefangenen Seelen – ihre Bewegungen, Laute und das unnatürliche Timing sind hervorragend umgesetzt. Auch die Actionsequenzen sind druckvoll. Durch das Fehlen von Delias Magie ist Faith auf reine körperliche Kraft angewiesen, was in der akustischen Umsetzung deutlich spürbar wird: schwerere Atemzüge, kraftvolle Schläge, das metallische Surren ihrer neuen Waffe, die sich gelegentlich unkontrolliert anfühlt. Der dramaturgische Aufbau funktioniert gut: Der Horror steigert sich mit jeder Szene, die Trommel wird lauter, die Folgen drastischer, und am Ende entsteht ein Gefühl, als würde man in einen Strudel gezogen, der einen akustisch komplett umschließt. Die finale Konfrontation mit der Teufelstrommel gehört zu den intensivsten Momenten der späten Faith-Reihe.
Karen Schulz-Vobach erzählt gewohnt souverän, aber die Folge verlangt ihr subtilere, düstere Nuancen ab. Magdalena Höfner als Faith spielt die Rolle der erschöpften, zunehmend überforderten Kämpferin hervorragend. Ihre Stimme trägt Härte, Schmerz, aber auch unbeugsame Willenskraft. Anke Reitzenstein verleiht Delia – trotz reduzierter Präsenz – emotionale Tiefe, während Victoria Sturm als Alaine eine bemerkenswerte Mischung aus Entschlossenheit und innerer Bedrohung vermittelt. Tim Knauer als Nick und Peter Lontzek als Clarence ergänzen das Ensemble zuverlässig, während Peter Kirchberger als Mr. Xang erneut die düster-noble Ruhe seiner Figur ausspielt. Besonders auffällig sind die Sprecher der Untoten: ihre verzerrten Stimmen, mal brüllend, mal flüsternd, erzeugen eine unheimliche Dynamik, die unter die Haut geht.
Das Sounddesign dieser Episode ist herausragend. Die Trommel fungiert als akustisches Leitmotiv und ist so geschickt in den Mix eingebettet, dass sie nie nervt, sondern atmosphärisch immer weiter drängt. Die Mischung aus Naturgeräuschen, Ritualklängen, düsteren Bassläufen und verzerrten Stimmen ergibt ein dichtes Klangbild, das perfekt zum schamanischen Horrorthema passt. Besonders hervorzuheben ist, wie die Untoten präsentiert werden: knackende Knochen, schleifende Schritte, unnatürliche Bewegungen – all das erzeugt eine sehr plastische Vorstellung. Die Musik bleibt begleitend, verstärkt aber die Kulminationspunkte und sorgt dafür, dass jeder Plotmoment emotional getragen wird.
Das Cover von Nummer 72 gehört zu den eindrucksvollsten der Reihe. Der riesige, monströse Kopf einer Kreatur mit verrottetem Fleisch, daneben ein Hirschwesen mit glühenden Augen, dahinter das abgemagerte Gesicht eines alten Schamanen – all das wirkt wie eine Vision aus einem fiebrigen Albtraum. Faith, im Vordergrund, klein im Vergleich zur gewaltigen Bedrohung, wirkt wie eine Figur, die sich einer Legende entgegenstellt, die größer ist als sie selbst. Farben zwischen düsterem Braun, schmutzigem Grün und blutigem Rot erzeugen ein Cover, das sofort klar macht, wohin die Reise geht: in eine Welt der Geister, Rituale und uralten Flüche. Ein starkes, unheimliches Motiv, das den Ton der Episode perfekt trifft.
„Die Teufelstrommel“ ist eine atmosphärisch dichte, dunkel brodelnde Episode der Faith-Reihe, die mit schamanischem Horror und einer sehr körperlichen Bedrohung überzeugt. Der durchgehende Trommelrhythmus, die druckvollen Actionszenen und die glaubhafte Überforderung der Hauptfigur schaffen eine eindringliche Dynamik, die lange nachhallt. Eine der stärkeren Folgen der zweiten Serienhälfte – unheimlich, erdig, eindrucksvoll erzählt und hervorragend inszeniert.