Abgefahren. Vom Mut, aufzubrechen und anzufangen (Michel Malcin)

  • Abgefahren. Vom Mut, aufzubrechen und anzufangen (Michel Malcin)

    Abgefahren. Vom Mut, aufzubrechen und anzufangen ist eines dieser seltenen Bücher, bei denen man schon nach den ersten Seiten spürt, dass hier keine klassische Reiseliteratur wartet, sondern ein sehr persönlicher, warmherziger und berührender Blick auf das Unterwegssein – und auf das Leben selbst. Ich habe mich von der ersten Seite an abgeholt gefühlt, fast so, als würde ich selbst die Stufen dieses alten Berliner Doppeldeckers hinaufsteigen, während unten der Espresso zischt und irgendwo im Hintergrund ein Lied läuft, das genau die richtige Mischung aus Melancholie und Aufbruchsstimmung hat.

    Was Michel Malcin und Helene Volkensfeld hier erzählen, ist weit mehr als eine chronologische Reisebeschreibung. Es ist eine Innenreise, eine Neuorientierung nach Krisen, eine langsame Rückeroberung von Vertrauen, Leichtigkeit und Selbstwirksamkeit. Dass die Geschichte aus zwei Perspektiven erzählt ist – Malcin, der ehemalige Pastor, der im Burn-out sein altes Leben verliert, und Volkensfeld, die Grundschullehrerin, die den Café-Bus erst zufällig betritt und dann nie wieder wirklich loslassen kann – macht das Ganze noch intensiver. Diese zwei Stimmen verweben sich zu einem Mosaik, das erstaunlich ehrlich von Überforderung, Erschöpfung, Sehnsucht, aber auch von Mut spricht. Und von der Schönheit der Begegnung.

    Besonders gefallen hat mir, wie beiläufig und gleichzeitig eindringlich das Buch zeigt, dass ein Neuanfang nicht in großen Gesten steckt, sondern in kleinen Momenten: in einem Gespräch mit einem Fremden, in einer Panne irgendwo in den französischen Bergen, in einer Tasse Kaffee, die man einem Menschen reicht, ohne zu wissen, was dieser Mensch gerade trägt. Dass der Café-Bus „Doppellecker“ heißt und auf seinen Wänden „Love. Peace. Coffee.“ trägt, klingt im ersten Moment charmant – aber je weiter man liest, desto mehr merkt man, dass genau das die Essenz dieser Reise ist: eine Einladung, sich selbst nicht zu verlieren.

    Der Jakobsweg ist in diesem Buch kein touristisches Ziel und keine spirituelle Plattitüde. Er ist Kulisse, Resonanzraum, manchmal Herausforderung, manchmal Trost. Malcin und Volkensfeld laufen ihn nicht, sie begleiten ihn. Und der Bus, dieser herrlich klapprige, fast schon eigensinnige Doppeldecker von 1959, wird zum dritten Erzähler – zum Ort, in dem Geschichten gesammelt, Tränen getrocknet, Menschen aufgenommen und Gedanken sortiert werden.

    Die vierfarbige Ausstattung, die vielen Fotos, die QR-Codes zu Videos, Musik und Tonaufnahmen machen das Buch fast zu einem eigenen kleinen Universum. Ich liebe solche multimedialen Konzepte, wenn sie nicht gespielt wirken, sondern organisch zum Inhalt passen – und hier tun sie das absolut. Man taucht tiefer ein, sieht Orte, hört Stimmen, spürt Stimmungen. Es ist, als würde man in diesen Bus hineinschlüpfen dürfen.

    Was mich persönlich besonders berührt hat, ist der gesellschaftliche Unterton, der nie laut, aber immer spürbar ist: Burn-out, Leistungsdruck, der Wunsch auszusteigen, die Frage nach Sinn – all das schwingt mit, ohne dass das Buch je schwer wird. Es bleibt warm, offen, menschlich. Vielleicht liegt darin seine größte Stärke: Es nimmt sich selbst nicht als Heldengeschichte ernst, sondern als ehrliches Protokoll zweier Menschen, die unterwegs wieder lernen, was ihnen wichtig ist.

    Am Ende hat man das Gefühl, dass das Buch eigentlich gar nicht abgeschlossen ist. Und das soll es auch nicht. Die Geschichte geht weiter – im Zusatzmaterial, in den Dokumentationen, auf den Social-Media-Seiten der beiden, aber vor allem in einem selbst. Ich konnte mich nicht davon lösen, weil dieses Gefühl von Aufbruch, von Möglichkeit, von „Vielleicht kann ich das auch“ so leise und gleichzeitig so stark ist.

    Ich verstehe vollkommen, warum Leserinnen und Leser dieses Buch verschenken, weiterreichen, erneut kaufen. Es ist eines dieser Werke, die man nicht nur liest, sondern mitnimmt – und die einen auch nach der letzten Seite begleiten.

    Für mich ein ganz besonderes, warmherziges, inspirierendes Buch über Mut, Begegnung und die Kraft des Neubeginns. Ein echtes Lieblingsbuch.

  • DerPoldi November 29, 2025 at 9:06 PM

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  • Vielleicht hat der eine oder andere hier schon vom „Doppellecker“-Cafébuss gehört oder sogar die Dokus im WDR gesehen.

    Ich hatte die Doku schon vor dem Buch gesehen und war sofort begeistert.

    Und nachdem ich das Buch nun gelesen habe, gab es heute in Ibbenbüren den Latte Macchiato direkt im Doppellecker-Bus – ein kleines Highlight, das genauso charmant war, wie man es sich vorstellt.

  • Hier die Links zu den Dokus:

    Menschen hautnah: Love, Peace & Coffee: Michèls Café-Bus auf dem Jakobsweg - hier anschauen
    Michèl Malcin, einst evangelischer Pastor, tauscht Predigten gegen Abenteuer. Mit einem umgebauten Doppeldecker-Bus rollt er den Jakobsweg entlang, auf der…
    www.ardmediathek.de
    Echtes Leben: Weite Welt ade: Michèl, der Cafébus und die Rückkehr nach Hause - hier anschauen
    Monatelang ist Michèl Malcin mit seinem Café-Doppeldecker-Bus den Jakobsweg entlanggefahren. Nach knapp zwei Jahren Abenteuer bricht er seine Reise ab – um…
    www.ardmediathek.de

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