Kindheitsbonus - Gibt es den wirklich?

  • Ganz klar, also bei mir schon. Und bei mir ist der auch maximal hoch. Gäbe es eine Skale von 1 bis 10 (und die 10 wäre das Maximum), so wäre es bei mir mindestens eine 9.

    Ein Beispiel:

    Ich war gute 10 Jahre alt, als ich das Hörspiel »Dracula, König der Vampire (1981)« rauf- und runtergehört habe. Ich kenne es nahezu auswendig und finde es immer noch grandios.

    Allerdings... kannte ich das im Jahre 1970 produzierte Hörspiel »Dracula - Jagd der Vampire« damals noch nicht.

    Für viele ist dies die beste Umsetzung des bekannten Stoffes um den berühmten Blutsauger.

    Nur habe ich dieses erst gute 30 Jahre nach dem »König der Vampire« zum ersten Mal gehört. Und ich muss leider sagen, dass es kaum Eindruck auf mich gemacht hat. Im Gegensatz zu meinem Favoriten fand ich es fade, eher langweilig, blutarm.

    Hätte ich es in den 1980ern schon gekannt, wäre mein Urteil mit Sicherheit anders ausgefallen.

    Wie ist das mit Euch? Zählt da auch die Kindheit dermaßen mit rein? Oder seid Ihr da völlig unvoreingenommen und / oder bewertet sogar kritischer? Gibt es Hörspiele, die Euch damals gefallen haben... und die Euch heute gar nicht mehr zusagen... oder umgekehrt?

    Habt ihr Beispiele? Wo würdet ihr auf der Kindheitsbonus-Slala landen? Vielleicht sogar bei 10?

    Das würde mich interessieren!

    LG Christoph

  • Bei mir spielt der Kindheitsbonus eine enorme Rolle – tatsächlich so stark, dass ich oft selbst darüber staunen muss, wie sehr alte Hörspielprägungen noch immer nachhallen. Wenn es eine Skala von 1 bis 10 gäbe, würde ich mich ganz ohne Zögern ziemlich weit oben einordnen. Wahrscheinlich sogar bei einer glatten 10 – denn bestimmte Hörspiele sind für mich weniger akustische Produktionen als vielmehr Erinnerungsräume, zu denen ich immer wieder zurückkehre.

    Ich merke das besonders dann, wenn ich etwas aus der gleichen Ära neu entdecke, das mir eigentlich „objektiv“ gefallen müsste, es aber einfach nicht dieselbe Resonanz in mir auslöst. Das hat nichts mit Qualität zu tun, sondern mit dem Zeitpunkt, an dem man einer Geschichte zum ersten Mal begegnet ist. Was man als Kind inhaliert hat, gehört irgendwann zu einem selbst – zu einem Lebensgefühl, zu einer Zeit, die man nicht mehr zurückholen kann, aber in Hörspielen wiederfindet.

    Ein persönliches Beispiel: Mein erstes Hörspiel überhaupt war Benjamin Blümchen als Bäcker. Das habe ich damals so oft gehört, dass die Kassette irgendwann mehr Bandsalat hatte als Ton. Und wenn ich diese Folge heute höre, dann ist das weniger Nostalgie im klassischen Sinn – es ist ein unmittelbares Gefühl von Zuhause, Sicherheit, Wärme. Das kann kein neues Hörspiel leisten, egal wie gut es ist.

    Und es gibt tatsächlich Hörspiele, die ich so oft gehört habe, dass ich sie bis heute komplett mitsprechen kann – jede Betonung, jede Pause, jede noch so kleine Nebenbemerkung. Das läuft bei mir wie ein automatischer Ablauf im Kopf, als wäre das Hörspiel ein Teil meines Gedächtnisses geworden. Das ist für mich vielleicht der stärkste Beweis dafür, wie tief diese Kindheitsprägungen sitzen.

    Genau dieses Prinzip spüre ich auch bei anderen Serien. Wenn ich heute Hörspiele höre, die ich damals verpasst habe, dann schaffen sie es selten, dieselbe Bindung aufzubauen. Selbst dann, wenn sie objektiv hochwertiger sind oder inhaltlich tiefer gehen. Es fehlt dieser magische Erstkontakt, der nur in der Kindheit so funktioniert.

    Umgekehrt gibt es aber auch Hörspiele, die ich früher mochte und die ich heute nicht mehr wahrnehmen kann, ohne zumindest kurz zusammenzuzucken. Manche Kinderhörspiele wirken beim Wiederhören plötzlich überdreht oder dramaturgisch holprig. Aber selbst dann schwingt ein Teil von „damals“ mit – man verzeiht solche Dinge eher, weil das Gefühl stärker ist als die Kritik.

    Kurz gesagt: Ich bewerte neue Hörspiele durchaus kritisch, aber sobald Kindheit im Spiel ist, entscheidet nicht mein Kopf, sondern mein Herz. Und das erinnert sich an Töne, Stimmen, Atmosphären – viel länger und viel treuer, als man glaubt.

  • Ich merke das besonders dann, wenn ich etwas aus der gleichen Ära neu entdecke, das mir eigentlich „objektiv“ gefallen müsste, es aber einfach nicht dieselbe Resonanz in mir auslöst.

    Sehr gut ausgedrückt. Das kann ich genau so unterschreiben.💪

    Das geht mir sogar bei ???-Hörspielen so, die ich erst ein paar Jahre später gehört habe. Zum Beispiel beim »grünen Geist«.

    Ich glaube, man kann sagen, es ist besser als der »unheimliche Drache«. Dennoch ist dieser fester in mir verankert...👍

  • Natürlich gibt es den Nostalgiebonus und der muß noch nicht mal bis in die Kindheit zurückreichen. Manchmal hängen zudem auch noch zusätzlich Erinnerungen dran, die so ein Hörspiel persönlich nochmals in den eigenen Ohren nach oben pushen.

    Vielleicht gibt es ja doch Hörer, die diesen Bonus ausblenden (können)... und dann auf einmal sagen:

    »Frankensteins Sohn« - Wat ein Scheiß...

    Was die Situation mit dem „Ausblenden“ anlangt, so ist dies sicher abhängig, ob ein Hörspiel schlechter altert. Es gibt durchaus schon auch Hörspiele, die später nicht mehr von dem Kindheitsbonus profitieren können, weil sie schlechter gealtert sind, also mittlerweile komplett durchs Zeitraster fallen. Da müssen dann schon wirklich ganz stark positive Erinnerungen mit dran hängen, um dies wieder ausgleichen zu können. „Frankensteins Sohn“ ist in meinem Kopf aber gut gealtert und hat einen SEHR hohen Nostalgiebonus. :)

  • „Frankensteins Sohn“ ist in meinem Kopf aber gut gealtert und hat einen SEHR hohen Nostalgiebonus. :)

    Das geht mir genau so. Ich liebe dieses Hörspiel... und war bei der CD-Neuauflage entsetzt, als diese vertraute, alte Startmelodie nicht erschien...

    Beispielsweise bei den »Drei ??? und das Gespensterschloss« ist mein Eindruck etwas schwächer geworden...

    Denn die Story ist ja auch wirklich abstrus. Gut, es gibt ein Schloss, es ist spannend und unheimlich, aber der Rest.

    Dennoch ist es für viele der Favorit.

    Würde sich beispielweise Stephen Terrill einen »Fürsprecher«, wie Jonathan Rex aussuchen, der ebenfalls einen schweren Sprachfehler hat? Das war mir damals direkt beim ersten Hören aufgefallen. Somit war die Auflösung keine Überraschung mehr.

    Warum hat man sich als Araber verkleidet? Weil man sich in einem Gespensterschloss natürlich gerade vor Arabern fürchtet?

    Wie konnte es dem Schauspieler Terrill jahrelang gelingen, mit ein wenig Spuk sein Schloss zu retten?

    Wie konnten Terrill und Rex zusammen auf einer Fotografie abgebildet werden, wenn es sich um ein und dieselbe Person handelte? Fotomontage, OK. Aber stammte das Bild nicht aus einer Zeitung? Hat der Reporter darauf verzichtet, selbst zu fotografieren...🤣

  • Bei mir fange ich erst gar nicht an die alten Storys auf Logik zu hinterfragen.Es unterhält und entspannt mich,logisch muss im Alltag schon genug sein.Es sind meine Ruheoasen und das bleiben sie auch.

    Ja, das stimmt natürlich. Das mache ich eigentlich auch nicht. Dennoch fällt es mir gerade bei dieser Folge ein wenig auf.

    Ich feiere die Drei ??? jeden Abend zum Einschlafen. Gestern Abend war es die »flammende Spur«.

    Großartig. Ich sage nur: die rumänische Handelskammer...🤣

  • Vielleicht gibt es ja doch Hörer, die diesen Bonus ausblenden (können)... und dann auf einmal sagen:

    »Frankensteins Sohn« - Wat ein Scheiß...🤣🤣🤣

    Geht mir dauernd so, wenn ich versehentlich was wieder anschau. Alf, Simpsons, etc, als Kind jeder Folge geschaut, heute halte ich ein großes WHY-Schild in die Luft.

    Wobei es auch Ausnahmen gibt, manche Sachen waren wirklich gut und sind es auch heute noch. Das gehören einiger ??? schon dazu.

    Ich hab ja damals 2002 in der Wiener U3 zwischen Volkstheater und Neubaugasse mit dem Motorala A920 von Drei und Leni Riefenstahl das erste Selfie der Geschichte geknipst” - Aus meiner Biografie, erschienen im Jahr 2039, geschrieben im Jahr zuvor am Pool einer Finca auf den Kanaren

  • Und doch würde mich interessieren, ob es vielleicht doch welche gibt, die das anders sehen...🤔

    Ja, hier! Ich sehe es nicht anders, aber ich habe bei mir durchaus neben dem Nostalgiebonus auch einen Nostalgiemalus gesehen entdeckt:

    Markus G.
    January 6, 2016 at 6:08 PM

    Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

    Solange es Leute wie uns drei gibt und wir hier schreiben, bleibt es hoffentlich bestehen. Noch lange! #top#

  • »Frankensteins Sohn« - Wat ein Scheiß...🤣🤣🤣

    Das kann ich bei der Gruselserie wirklich sagen. ^^ Die hat nämlich bei mir, bis auf die Folge "Die Todes-Ratte", keinen Kindheitsnostalgiebonus. Habe als Kind nur "Die Todes-Ratte" gehört und alle anderen Folgen erst vor einigen Jahren. Und kann den Hype nicht so ganz nachvollziehen. #schulterzuck#

    Bei vielen anderen Serien gibt es bei mir allerdings auch den Kindheitsbonus. Die drei ???, TKKG, Bibi Blocksberg; höre ich heute im Wohlfühlmodus. Da kann ich einige Folgen wirklich mitsprechen und da hinterfrage ich auch keine Logik oder Plausibilitäten.

    Es gibt sicherlich auch Hörspiele von früher, die mir heute nicht mehr gefallen. Hatte das mal mit Shanghai Silver ausprobiert. Im ersten Moment fühlte es sich vertraut an, aber da es auch eine Folge aus der Serie war, die ich als Kind nicht gehört hatte, habe ich nicht weiter in Kassetten investiert. Weiß nicht, wie es gewesen wäre, wenn ich zuerst eine bekannte Folge wieder gehört hätte.

    Auf einer Bonus-Skala würde ich mich wohl auch mindestens bei einer 8 einordnen. Gerade die Serien aus der Kindheit höre ich immer noch gerne. Auch neue Folgen bewerte ich da wohl etwas weniger kritisch als bei neuen Serien.

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    Ich bin heute so farbenfroh, ich habe fünf verschiedene Schwarztöne an.

  • Das kann ich bei der Gruselserie wirklich sagen. ^^ Die hat nämlich bei mir, bis auf die Folge "Die Todes-Ratte", keinen Kindheitsnostalgiebonus. Habe als Kind nur "Die Todes-Ratte" gehört und alle anderen Folgen erst vor einigen Jahren. Und kann den Hype nicht so ganz nachvollziehen. #schulterzuck#

    Bei vielen anderen Serien gibt es bei mir allerdings auch den Kindheitsbonus. Die drei ???, TKKG, Bibi Blocksberg; höre ich heute im Wohlfühlmodus. Da kann ich einige Folgen wirklich mitsprechen und da hinterfrage ich auch keine Logik oder Plausibilitäten.

    Es gibt sicherlich auch Hörspiele von früher, die mir heute nicht mehr gefallen. Hatte das mal mit Shanghai Silver ausprobiert. Im ersten Moment fühlte es sich vertraut an, aber da es auch eine Folge aus der Serie war, die ich als Kind nicht gehört hatte, habe ich nicht weiter in Kassetten investiert. Weiß nicht, wie es gewesen wäre, wenn ich zuerst eine bekannte Folge wieder gehört hätte.

    Auf einer Bonus-Skala würde ich mich wohl auch mindestens bei einer 8 einordnen. Gerade die Serien aus der Kindheit höre ich immer noch gerne. Auch neue Folgen bewerte ich da wohl etwas weniger kritisch als bei neuen Serien.

    Sehr interessant.

    Die Gruselserie mit einem potentiellen 1/18 Kindheitsbonus-Faktor hat also im Nachhinein nicht mehr richtig gezündet...🤣

  • Die Gruselserie mit einem potentiellen 1/18 Kindheitsbonus-Faktor hat also im Nachhinein nicht mehr richtig gezündet...🤣

    Einige Folgen mehr, andere weniger. Das Schloss des Grauens, Das Duell mit dem Vampir und Die tödliche Begegnung mit dem Werwolf waren allerdings noch sehr gut ohne Kindheitsbonus. Das Weltraum-Monster war da aber deutlich ganz hinten. Die anderen irgendwo dazwischen.

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    Ich bin heute so farbenfroh, ich habe fünf verschiedene Schwarztöne an.

  • Die drei ??? und der seltsame Kindheitsbonus

    Dass es auch anders sein kann, möchte ich an folgendem Beispiel vorstellen:

    Das allererste Hörspiel, was mir meine Eltern damals kauften (zuvor durfte ich mich am Fundus meiner Geschwister bedienen), war »Dracula und Frankenstein, die Blutfürsten«. 😬

    Dieses durfte ich mir bei einem Besuch im Siegener Globus aussuchen. Hieraus entwickelte sich ab dann ein wöchentliches Ritual. Was glaubt ihr, wie gerne ich in dieser Zeit mit Einkaufen ging... 🤣

    Jedenfalls hatte es mir dieses neonrote Cover sofort angetan. Dracula sah total unheimlich aus und auch die Figur des Frankenstein fand ich sehr faszinierend.

    Zuhause angekommen wurde natürlich als erstes die Kinderzimmertür verrammelt und der alte Dual-Schallplattenspieler angeworfen.

    Und nun wartete ich auf Frankenstein... und vor allem auf Dracula. Besonders unheimlich war es nicht. Es wurde viel erzählt. Viel passierte eigentlich nicht. Frankenstein war dann seltsamerweise gar nicht unheimlich. Insgesamt war das Hörspiel gar nichts für mich. Gut, Dracula erschien dann mal irgendwann später auf der Bildfläche. Aber das war es dann auch schon. Für mich hatte sich das Ganze wenig bis gar nicht gelohnt.

    Heute ist es anders. »Dracula und Frankenstein, die Blutfürsten« ist mein absoluter Favorit, was natürlich in erster Linie an den Dreamteam Horst Frank / Brigitte Kollecker liegt. Niemals waren Tom Fawley und Eireen Fox besser als in dieser Geschichte. Es macht einfach Spaß, den beiden bei ihren Gezanke zuzuhören. Hans Paetsch als Frankenstein und vor allem Gottfried Kramer als Dracula find ich einfach nur genial. Ich hätte Gottfried Kramer auch für weitere Dracula-Einsätze verpflichtet. Und dann ist da noch Karl Walter Diess, dessen Erzählstimme mich einfach nur umgehauen hat.

    Der Kindheitsbonus hat hier ein bisschen anders gewirkt. Sicherlich war die Vertrautheit zum Hörspiel schon da, aber die Liebe zum selbigen musste erst wachsen - dies aber bis ins Unermessliche.

  • »Dracula und Frankenstein, die Blutfürsten«. 😬

    Das war zwischen meinen ganzen Biene Maja und Kimba Platten und den Hanni und Nannis meiner Schwester für mich auch etwas besonderes. Eigentlich war ich damals gar nicht für Grusel, weil zu ängstlich, aber das Ding lief sehr oft.

    Ansonsten gehts mir auch sehr oft so, dass ich ratlos vor alten Sachen sitze und denke, dass das heute niemanden mehr hinter dem Ofen vorlocken würde.

  • Das war zwischen meinen ganzen Biene Maja und Kimba Platten und den Hanni und Nannis meiner Schwester für mich auch etwas besonderes. Eigentlich war ich damals gar nicht für Grusel, weil zu ängstlich, aber das Ding lief sehr oft.

    Ansonsten gehts mir auch sehr oft so, dass ich ratlos vor alten Sachen sitze und denke, dass das heute niemanden mehr hinter dem Ofen vorlocken würde.

    Die Dinger funktionieren aber immer noch.

    Mein Sohn (jetzt 23 Jahre) mag auch viele meiner alten Hörspiele. Das Erstaunliche: Er hört sie 1x und kann direkt ganze Passagen wiedergeben. Frag ich ihn hingegen, wie hat dir der Film XY gefallen... dann bekomm ich oft zur Antwort: »Haben wir den gesehen? Ja, war ganz gut...«

    Letztens war er total begeistert, als ich von Maritim »Der Sandmann« anspielte. Ein grandioses Hörspiel, wie ich finde. Ich mag vor allem Udo Schenk. Seine Stimme ist wandlungsfähiger als man denkt.

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