Science Fiction Tales - 3. Der Untergang der ISS Usher
Frachterpilot Arthur Pym ist ein Mann, der den Abgründen des Alls schon lange ins Auge gesehen hat. Doch als er auf seiner Route ein rätselhaftes Notrufsignal empfängt, das angeblich von der seit Jahren verschollenen ISS Usher stammt, beginnt eine Reise, die weit mehr als nur technische Risiken birgt. Was Pym im Dunkel des Alls findet, ist kein Schiff im herkömmlichen Sinn – es ist ein Wrack aus Stahl und Wahnsinn, ein Ort, der wie ein Labyrinth aus Metall und Erinnerung wirkt. Zwischen flackernden Systemen, hallenden Stimmen und einem Hauch von Unheil stößt Pym auf Spuren seiner eigenen Vergangenheit. Die Grenzen zwischen Realität und Wahn, zwischen Menschlichkeit und kosmischem Schrecken beginnen zu verschwimmen.
Der Untergang der ISS Usher ist ein Science-Fiction-Horror frei nach Edgar Allan Poes berühmter Erzählung Der Untergang des Hauses Usher – eine Neuinterpretation, die den klassischen Gothic-Horror in die kalte Leere des Weltalls überträgt und dabei eine beklemmende, fast metaphysische Atmosphäre entfaltet.
Mit der dritten Folge der Reihe Science Fiction Tales gelingt Contendo Media ein außergewöhnliches Stück Genreverschmelzung. Autor Anton Serkalow und Regisseur Christoph Piasecki nehmen sich einer der ikonischsten Erzählungen Edgar Allan Poes an – und verlegen sie in die eisige Weite des Alls. Was in Poes Vorlage das verfallene Haus war, wird hier zur rostigen Hülle eines Raumschiffs, das wie ein lebendiges Wesen zu atmen scheint. Die klaustrophobische Atmosphäre des Originals bleibt dabei vollständig erhalten, doch sie wird erweitert um das Gefühl der kosmischen Einsamkeit – ein Vakuum, das nicht nur physisch, sondern auch seelisch wirkt. Die Science Fiction Tales setzen auf in sich abgeschlossene Geschichten, die sowohl klassische Motive des Genres aufgreifen als auch experimentieren – und Der Untergang der ISS Usher ist in dieser Hinsicht ein Höhepunkt: poetisch, beunruhigend, psychologisch dicht und zugleich filmisch inszeniert.
Die Inszenierung dieser Folge ist ein Musterbeispiel für erzählerische Reduktion und akustische Dichte. Christoph Piasecki führt mit sicherer Hand durch eine Handlung, die weniger auf äußere Ereignisse als auf innere Zustände setzt. Das All ist still, und doch spricht es in jeder Szene – durch das leise Summen der Maschinen, durch das ferne Knacken der Schiffshülle, durch die verzerrten Stimmen, die sich aus den Kommunikationssystemen drängen wie Erinnerungen aus einem längst vergessenen Albtraum. Die Dramaturgie folgt einem schleichenden, fast träumerischen Rhythmus. Statt auf Schockmomente zu setzen, entfaltet sich der Horror langsam, unausweichlich, wie ein Sog in ein schwarzes Loch. Jede Begegnung, jeder Dialog, jedes Geräusch trägt dazu bei, dass der Hörer die Orientierung verliert – genau wie der Protagonist. Die ISS Usher selbst wird zur Bühne des Wahnsinns, zu einem Ort, an dem Technik und Geist ineinander übergehen. Dass die Inszenierung dabei stets filmisch wirkt, ist kein Zufall: Piasecki arbeitet mit Schnitten, Übergängen und Raumwirkung wie in einem Science-Fiction-Film, der ausschließlich in Klang existiert.
Sven Gerhardt als Arthur Pym ist die emotionale und psychologische Achse des Hörspiels. Seine Stimme trägt die Müdigkeit eines Mannes, der zu viel gesehen hat, und die Faszination eines Forschers, der nicht loslassen kann. Gerhardt schafft es, zwischen rationaler Kontrolle und wachsender Panik zu balancieren, und lässt den Hörer jede Nuance des psychischen Zerfalls miterleben. Maren Meier als Stella verleiht dem Stück jene fragile Menschlichkeit, die wie ein letztes Licht in der Dunkelheit wirkt. Torben Liebrecht als Roderick Usher wiederum dominiert jede Szene mit seiner eindringlichen, fast sirenenhaften Stimme – eine Verkörperung des Wahnsinns, der zugleich fasziniert und abstößt. Auch Josephine Schmidt als Magdalene Usher und Christiane Marx als Berenice fügen sich nahtlos in das Ensemble ein. Ihre Stimmen weben das akustische Netz dichter und lassen die psychologische Dimension des Stücks mit erschütternder Klarheit hervortreten. Jede Figur, jedes Wort scheint von der gleichen Krankheit des Geistes befallen zu sein – und genau das macht diese Produktion so eindrucksvoll.
Das Sounddesign von Eric Onder de Linden ist ein Ereignis für sich. Die Kombination aus kaltem Maschinenklang, hallenden Raumsequenzen und organisch wirkenden Geräuschen erzeugt eine Atmosphäre, die unheimlich real wirkt. Besonders beeindruckend ist die Art, wie Stille eingesetzt wird – als dramaturgisches Werkzeug, nicht als Leerstelle. Die Musik, komponiert von Michael Donner, Kevin MacLeod und Konrad Dornfels, unterstreicht das Geschehen mit minimalistischen, aber kraftvollen Klangflächen. Sie evoziert das Gefühl endloser Leere, das nur von den Funksignalen des Wahnsinns durchbrochen wird. Der Mix ist präzise, die Stimmen wirken unmittelbar, ohne künstliche Distanz. Man hört jeder Sekunde an, dass hier mit großer Sorgfalt gearbeitet wurde: vom Sprachschnitt über die Balance der Lautstärken bis hin zur räumlichen Tiefe. Das Ergebnis ist ein Klangraum, der den Hörer vollständig verschluckt – ein akustisches Schwarzes Loch.
Das Artwork von Alexander von Wieding ist ein visuelles Meisterstück. Der Blick auf das gigantische Heck eines Raumschiffs, das sich bedrohlich über ein glühendes, schwarzes Loch neigt, fasst den Geist der Geschichte perfekt ein. Die Farben – kühles Blau, metallisches Grau, feuriges Orange – schaffen ein Spannungsfeld zwischen Leben und Vernichtung. Das Licht, das aus der Dunkelheit bricht, wirkt wie ein letzter Versuch, dem Untergang zu entkommen. Es ist ein Cover, das die Ästhetik klassischer Science-Fiction zitiert und zugleich einen Hauch kosmischen Horrors trägt – eine visuelle Hommage an Poe im Weltraum.
Mit Der Untergang der ISS Usher erreicht die Reihe Science Fiction Tales einen erzählerischen Höhepunkt. Anton Serkalow gelingt eine beeindruckende Adaption, die den Geist Poes bewahrt und gleichzeitig in ein völlig neues Genre übersetzt. Das Hörspiel ist beklemmend, philosophisch und atmosphärisch zugleich – ein Erlebnis, das unter die Haut geht und noch lange nachhallt. Die Sprecher liefern durchweg starke Leistungen, das Sounddesign ist auf Kinoniveau, und die Regie verwebt all diese Elemente zu einer unvergesslichen Reise in den Wahnsinn. Dies ist nicht einfach Science-Fiction – es ist existenzieller Horror im Vakuum des Alls. Ein Hörspiel, das gleichermaßen für Poe-Liebhaber, Sci-Fi-Fans und Klangästheten geschaffen ist – intensiv, verstörend und von düsterer Schönheit.