Stephen King - Es (Hörbuch)
Derry, eine fiktive Kleinstadt im US-Bundesstaat Maine, ist ein Ort, an dem das Grauen in regelmäßigen Abständen erwacht. Alle 27 Jahre verschwinden Kinder oder werden auf grausamste Weise ermordet. Im Zentrum dieser düsteren Ereignisse steht eine Gruppe von sieben Freunden – Bill, Mike, Ben, Beverly, Stan, Richie und Eddie – die sich selbst den „Club der Verlierer“ nennen. Jeder von ihnen trägt seine eigene Bürde: körperliche Einschränkungen, familiäre Probleme, gesellschaftliche Ausgrenzung. Gemeinsam stellen sie sich gegen das Böse, das sich unter der Stadt verbirgt – ein namenloses Grauen, das die Gestalt des Clowns Pennywise annimmt und die tiefsten Ängste seiner Opfer auskostet. Als Bills kleiner Bruder Georgie einem grausamen Mord zum Opfer fällt, beginnen die sieben, der Sache auf den Grund zu gehen. Was sie in der Kanalisation Derrys finden, übersteigt jede Vorstellungskraft. Sie glauben, das Böse besiegt zu haben. Doch 27 Jahre später kehrt es zurück. Wieder verschwinden Kinder. Wieder liegt ein Schatten über der Stadt. Und die einstigen Freunde, inzwischen erwachsen und längst auseinandergegangen, müssen sich dem stellen, was sie nie ganz besiegen konnten: ES.
Es gibt Bücher, die liest oder hört man nicht einfach – man taucht in sie ein, lebt und atmet sie mit jeder Faser. Es gehört genau zu dieser Sorte. Stephen Kings Roman entfaltet seine Wucht langsam, fast quälend. Am Anfang herrscht ein verwirrendes Stimmengewirr: Zeitsprünge zwischen 1957 und 1985, wechselnde Perspektiven, verstreute Erzählstränge. Zwei Zeitebenen verweben sich nach und nach zu einem einzigen, beklemmenden Bild. Für mich war dieser Einstieg alles andere als leicht – das erste Drittel forderte Konzentration, Geduld und Durchhaltevermögen. Doch dann, ganz sachte, geschieht etwas: Die einzelnen Figuren beginnen, sich zusammenzufügen. Der Club der Verlierer formt sich – ein Bündnis aus Außenseitern, die zu einer verschworenen Gemeinschaft werden. Plötzlich spürt man die Dynamik, die Energie dieser Gruppe. Man erlebt, wie die Kinder zusammenwachsen, sich gegenseitig tragen, füreinander kämpfen. Und irgendwann ist man als Hörer kein Beobachter mehr – man steht mittendrin in Derry, zwischen verfallenen Häusern, feuchten Wäldern und rostigen Kanalrohren. Das Gefühl, ein Teil des Clubs zu sein, stellt sich fast unmerklich ein. Das ist der Punkt, an dem Kings Geschichte einen packt – und nicht mehr loslässt.
Was Es erzählerisch so besonders macht, ist nicht allein der Horror. Es ist der Weg dorthin. King spielt mit Strukturen, mit Erinnerung, mit der Frage, wie die Vergangenheit in der Gegenwart nachwirkt. Der Horror kommt nicht mit einem Knall, sondern schleicht sich heran, sickert durch jedes Kapitel, kriecht in die Ritzen der Erzählung. Und wenn er da ist, sitzt er fest. Die Figuren sind dabei keine bloßen Werkzeuge einer Schockgeschichte. Sie sind vielschichtig, verwundbar und zutiefst menschlich. Ihre Ängste sind real: Ausgrenzung, Gewalt, Missbrauch, Einsamkeit. Das Grauen, das Pennywise verkörpert, ist nur die Spitze des Eisbergs – die wahre Dunkelheit liegt in Derry selbst, in den Menschen, in der Gesellschaft. King inszeniert das Böse nicht nur als Monster, sondern als Spiegel. Was diese Inszenierung so kraftvoll macht, ist ihre Ausdauer. King nimmt sich Zeit. Manchmal zu viel Zeit. Ganze Passagen widmen sich der Stadtgeschichte, oft in Mike Hanlons Aufzeichnungen, die sich über Stunden ziehen. Es sind präzise Mosaiksteine, die das Bild Derrys schärfen – aber sie fordern Geduld. In manchen Momenten vielleicht zu viel davon. Doch die Konsequenz, mit der King dieses Mosaik zusammensetzt, hat eine ungeheure Sogwirkung.
Und dann kommt David Nathan. Seine Lesung hebt dieses Werk auf ein Niveau, das kaum zu übertreffen ist. Nathan ist kein Sprecher, er ist ein Ereignis. Er gibt jeder Figur eine eigene Stimme, ein eigenes Temperament, eine eigene Tiefe. Er stottert mit Bill, als wäre es seine eigene Zunge, spuckt Richie Toziers Parodien mit einem überdrehten Charme aus, der die düsteren Szenen durchbricht, und lässt Pennywise mit einer kalten, verführerischen Schärfe sprechen, die einem unter die Haut kriecht. Seine Interpretation ist präzise wie ein Skalpell und gleichzeitig von einer emotionalen Wucht, die kaum greifbar ist. Wenn er schreit, flüstert, spottet oder lacht, dann ist das nicht gespielt – es ist erlebt. Ich habe viele Hörbücher gehört, aber was Nathan hier abliefert, gehört zu den besten Leistungen, die ich jemals erlebt habe. Selbst die langatmigen Passagen, die bei einem anderen Sprecher vielleicht zäh wirken würden, tragen bei ihm Gewicht und Intensität.
Die Hörbuchproduktion ist klar und unaufdringlich, was hier genau richtig ist. Keine überladenen Effekte, keine Musik, die sich in den Vordergrund drängt – alles konzentriert sich auf Nathans Stimme. Das passt perfekt zu diesem Werk, denn es lebt von der Sprache, nicht von akustischem Spektakel. Die Klarheit der Aufnahme lässt die Schattierungen seines Vortrags umso stärker wirken. Gerade bei einer Laufzeit von über 50 Stunden ist diese technische Zurückhaltung ein Segen: nichts lenkt ab, alles ist auf den Inhalt fokussiert. Die Erzählung trägt sich selbst – und das beeindruckend mühelos.
Das Cover bringt die Essenz von Es auf den Punkt: Ein Kind in gelbem Regenmantel steht einem Clown mit rotem Ballon gegenüber. Dunkelheit, Bedrohung, ein Moment vor dem Schrecken. Das Bild ist ikonisch, und wer die Geschichte kennt, spürt sofort, welche Wucht in dieser einfachen Komposition steckt. Es ist keine effekthascherische Gestaltung – sondern ein Versprechen: Das Grauen beginnt leise.
Es ist kein einfaches Hörbuch. Es ist ein Mammutwerk – intensiv, ausufernd, beängstigend, manchmal zu lang, manchmal überbordend vulgär, immer gnadenlos direkt. King schreibt nicht, um zu gefallen. Er schreibt, um zu zeigen. Um in die dunkelsten Ecken zu leuchten, die andere lieber im Schatten lassen. Manche Passagen sind schwer verdaulich, manche schlicht ermüdend – aber die emotionale Wucht dieser Geschichte ist kaum zu leugnen. Der Club der Verlierer wächst einem über die lange Laufzeit ans Herz. Man durchlebt mit ihnen Kindheit und Erwachsensein, Angst, Schmerz und Mut. Derry wird zu einem Ort, den man nicht einfach wieder verlässt, wenn das Hörbuch endet. Und das Böse, das hier Gestalt annimmt, bleibt. Was dieses Werk endgültig herausragend macht, ist David Nathans Sprecherleistung. Sie trägt, sie reißt mit, sie verwandelt diese ohnehin schon monumentale Geschichte in ein Hörerlebnis, das man so schnell nicht vergisst.
Ein gewaltiges, forderndes Hörbuch mit Ecken, Kanten und einer unvergleichlichen Stimme. Kein makelloses Meisterwerk – aber ein Werk, das bleibt.