• Mal außen vor gelassen, dass Spotify einen miserablen Ruf in der Branche hat (fast so schlimm wie Amazon), die meisten Abrufe passieren nach wie vor dort.

    Ich habe jetzt mal aus masochistischer Neugier die Performance von "unseren" Serien auf Spotify aus dieser liebevoll zusammengestellten Tabelle gezogen. Das Ergebnis ist milde gesagt gruselig. Es zeigt sich, dass die Strategie beider Labels, bei denen unsere Hörspiele erscheinen, für eine streamingorientierte VÖ-Wirtschaft nicht zu funktionieren scheint. Während die Abrufzahlen der Top 10 bei Spotify sich im gleichen Zeitraum verdoppelt haben, sieht es hier finster aus. Unter diesen Umständen ist die "stabile" Abrufzahl der "Hauptserie" Mark Brandis fast nicht zu erklären, denn diese Serie ist nicht in einem anderen Biotop veröffentlicht worden und bekam auch nicht mehr Label-Promotion im gleichen Zeitraum.

    Hörspiele (Rubrik: Künster*innen)1. Halbjahr 20231. Halbjahr 2025
    Mark Brandis2.0832.238
    Und auf Erden Stille4.745673
    Mark Brandis - Raumkadett4.412414
    Der Thron der Nibelungen 223
    Das Nachtleben der Götter20789

    Speziell der "Thron der Nibelungen" ist ein gutes Beispiel, dass dort, wo nicht durch andere Serien querverwiesen und nicht labelseits beworben wird, keine Bekanntheit entsteht. Diese beiden Faktoren bestimmen über Erfolg oder Misserfolg, nicht notwendigerweise die Qualität.

    -- Lassen Sie mich durch, ich bin Autor.

    Edited 2 times, last by Martin Seebeck (October 18, 2025 at 1:12 PM).

  • Während die Abrufzahlen der Top 10 bei Spotify sich im gleichen Zeitraum verdoppelt haben, sieht es hier finster aus.

    Diese Erfahrung müssen wohl viele Kreativschaffenden auf algorhytmusbasierenden Plattformen machen. Egal ob Youtube, Instagram oder wie hier Spotify. Was schon gut läuft wird von den System weiter empfohlen und verteilt und kann infolge mitunter exponentiell wachsen. Was nur ein begrenztes Publikum hat, geht in der schieren Masse einfach unter.

  • Es ist wirklich anstrengend in diesem Sumpf irgendwie oben zu bleiben. Ich hatte mit meiner Band mal das Glück mit zwei Liedern auf der ein oder anderen größeren Playlist zu landen und dadurch einiges an Streams zu bekommen, was wiederum dazu geführt hat, dass anderen die beiden Lieder vorgeschlagen wurden oder in diesen ganzen Algorithmus und Geschmacksprofil basierten Playlists ausgespielt zu werden. Aber auch das klingt furchtbar schnell wieder ab. Es gibt ein paar Leute die einen dadurch entdecken, aber als kleiner Indie-Artist muss man am Ende doch jede menge Konzerte spielen, Klinken putzen und sich intensiv mit Booking beschäftigen, gleichzeitig am besten 2-3 mal die Woche die sozialen Medien bespielen und immer wieder auf seine Spotify und Streaming Geschichte hinweisen um irgendwie was zu reißen. Am Ende hat man so viel mit Social Media Kampagnen usw. zu tun, dass man eigentlich gar nicht mehr so richtig dazu kommt Musik zu machen. Wir wissen das wir nicht davon Leben können und machen es als Hobby. Aber wir hatten in den letzten 12 Monaten ca. 15.000 Streams (80% unserer gesamten Streams) was Einnahmen von ca. 35€ ausmacht. Und da spielen wir regelmäßig Gigs und kümmern uns um die sozialen Medien und werden auch häufig von anderen empfohlen.

    Bei einem anderen Projekt, da habe ich eine EP produziert, einfach weil ich mal was in dieser Musik-Richtung probieren wollte, da hatte ich insgesamt 80 Streams. Wenn ich es Leuten weiterleite, finden die das meistens gut. Und als ich mal testweise mit dem Projekt ein paar Auftritte hatte, ist es auch gut angekommen. Aber es ist für Spotify zu irrelevant, also geht es komplett unter.

    Wenn man von 0 startet und Nicht-Musik Inhalte produziert, wie Beispielsweise Hörspiele, dann wird es schwer mitzuhalten. Der Schwerpunkt ist nicht der Inhalt, sondern wie intensiv man sich mit Werbung beschäftigt bzw. wie groß das Werbebudget ist um das im Algorithmus nach oben zu pushen. Spotify und andere Algorithmus getriebene Plattformen sind der Meinung "Was viele hören muss gut sein und was gut ist, können wir pushen." Alles was irgendwie mal was anderes ist, geht eben wirklich unter und man kann es kaum beeinflussen, außer mit viel Geld. Dafür gibt es dann diese Klick und Stream Farmen. Da zahlt man Summe X Geld um im Gegenzug Summe Y Stream zu bekommen. Das sorgt dann dafür, dass man dem Algorithmus auffällt und dann wandeln sich die gekauften Streams nach und nach in echte Streams um und das Geld in Aufmerksamkeit.

    Sollte man aber gar nicht bei Spotify zu finden sein, dann wirds erst recht schwer, weil es kaum Leute gibt, die sich von dieser Plattform wegbewegen.

    Edited 2 times, last by FlexMorkis (October 20, 2025 at 10:57 AM).

  • Wenn man von 0 startet und Nicht-Musik Inhalte produziert, wie Beispielsweise Hörspiele, dann wird es schwer mitzuhalten. Der Schwerpunkt ist nicht der Inhalt, sondern wie intensiv man sich mit Werbung beschäftigt bzw. wie groß das Werbebudget ist um das im Algorithmus nach oben zu pushen. Spotify und andere Algorithmus getriebene Plattformen sind der Meinung "Was viele hören muss gut sein und was gut ist, können wir pushen."

    Das sollten sich die Labelbosse zu Gemüte führen. Leider wird von manchen Labels die Werbung sträflich vernachlässigt, siehe HOLYSOFT 🥺

    Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

    Solange es Leute wie uns drei gibt und wir hier schreiben, bleibt es hoffentlich bestehen. Noch lange! #top#

  • Mein Schwippschwager arbeitet als Social Media Manager für verschiedene größere Influencer und auch andere Promis. Der hat Leute angestellt die für die Promis regelmäßig Posts und Bilder veröffentlichen, damit die einfach im Algorithmus bleiben. Wenn dann so jemand ein Hörspiel oder so veröffentlichen würde, hätte das Ding sofort mehrere 100.000 Streams und Spotify würde sagen: "Ah, du magst die drei ???, dann gefällt dir sicher auch das Hörspiel XYZ von diesem Promi."

    Man kann das beste Hörspiel aller Zeiten produzieren und trotzdem bleibts bei vierstelligen Streamingzahlen, weil das Label keine Werbung macht, kein budget dafür hat, der Meinung ist, so einen neumodischen Mist braucht man nicht (O-Ton einiger meiner Kollegen) oder der Meinung ist sie Leben noch in der Zeit, wo man sowas noch als Kassette oder CD im Laden oder der Bibliothek entdeckt hat.

  • Warum investieren dann nicht mehr Hörspiellabels in Werbung???

    Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

    Solange es Leute wie uns drei gibt und wir hier schreiben, bleibt es hoffentlich bestehen. Noch lange! #top#

  • Warum investieren dann nicht mehr Hörspiellabels in Werbung???

    Wie viel Streams muss man bekommen, damit eine Werbung die Kosten *der Werbung* (nicht: des Hörspiels) wieder reinbekommt? Offene Frage. Kann im Hörspielsektor eine Werbung diese Streamzahlen erzielen?

    Ich denke, eher früher als später werden sich die Hörspiellabel von Spotify lösen und (je nach den Konditionen von Maritim oder Holysoft oder ...) einen eigenen Pay-Channel etablieren, bei dem nicht (a) der Löwenanteil bei Spotify bleibt und (b) ein Modell des Algorithmus zur Anwendung kommt, das vielleicht für einen Teil der Musikbranche funktgioniert, aber jedenfalls nicht für Langlauf-Hörinhalte wie Lesungen und Hörspiele.

    -- Lassen Sie mich durch, ich bin Autor.

  • Es ist tatsächlich ein großer Aufwand. Wenn man bedenkt, dass Labels auch nicht nur ein einzelnes Projekt haben sondern viele. Summieren sich die Kosten. man kann zwar etwas Cross Promotion machen, aber dazu braucht man erstmal eine Art Zugpferd, was die anderen mitzieht.

    Was häufiger mal gemacht wird, ist: Man nutzt Spotify mit nur einem einzelnen Track oder Ausschnitt. Oder einem einzelnen Hörspiel und verweist das massiv auf andere Plattformen wie die Website, wenn man mehr haben möchte. Vorteil, man muss nur einen Track bewerben, was die Gesamtkosten senkt, der Nachteil ist, die wenigsten zieht es tatsächlich rüber. Die meisten bleiben in ihrem Mikrokosmos.

    Vielleicht sind manche Labels auch einfach nicht willens in solche Plattformen zu investieren. Die Frage ist ja auch immer, versucht man es nur über Spotify, oder bespielt man diese Plattform nur einfach mit, weil es dazugehört.

    Außerdem gilt seit letztem Jahr folgendes: Ein Song muss seit April 2024 mindestens 1000 Streams von mindestens 50 verschiedenen Nutzern innerhalb eines Jahres haben, um überhaupt vergütet zu werden. Das heißt alles was das nicht erreicht, fällt sowieso raus. Und das ist wirklich jedes Mal neu berechnet.

  • "Investieren" ist das richtige Wort: es kostet (viel) Zeit, Mühen und Geld.

    Und man muss eben auch wirklich Ahnung davon haben – vor allem, wenn das Budget es nicht hergibt, jemanden dafür einzustellen oder eine Agentur zu beauftragen. Einfach eine Anzeige in ein Magazin hauen und sich dann wundern, warum nichts passiert, funktioniert nicht. Werbung muss über einen gewissen Zeitraum hinweg breit gestreut sein: nicht nur klassische Anzeigen, sondern auch Social Media, Bemusterungen und vieles mehr.

    Die Leute müssen auf mehreren Wegen von einem Projekt erfahren, bis echtes Interesse entsteht. Dahinter steckt Arbeit, Planung, Wissen – und natürlich auch Geld.

    Bei Wolfy zum Beispiel haben wir zeitgleich in 23 thematisch passenden Magazinen Anzeigen geschaltet, sodass die Menschen mehrfach über die gleiche oder ähnliche Anzeige gestolpert sind. Ergänzt wurde das durch Bemusterungen und Social Media. Gerade im Streaming-Zeitalter ist es entscheidend, dass die Werbung so getimt ist, dass das Hörspiel direkt in den Portalen verfügbar ist. Früher konnte man noch mit Vorbestellungen arbeiten – heute geht das nicht mehr. Wenn die Werbung falsch getimed ist, geht sie gnadenlos unter.

  • Naja, trotzdem muss man das ja nachrechnen können: wenn ein Label eine Promokampagne schaltet, müssen sich ja die Ausgaben durch *zusätzliche* Streams amortisieren.

    Also wenn jemand 500€ für eine Werbung ausgibt, dann heißt das wieviele *zusätzliche* Streams des beworbenen Produkts ...?

    -- Lassen Sie mich durch, ich bin Autor.

  • lässt sich relativ schwer so berechnen weil zu viele Faktoren gibt, die da rein spielen. Aber bei einem Budget von 500€ und einer ganzheitlichen Werbung die Social Media, Digitale Werbung Print Werbung usw. einbezieht erreichst du vermutlich wenns richtig gut läuft 5000 Hörer. Um die 500€ mit Streams raus zu holen brauchst du (je nach Herkunft, denn nicht jeder Hörer ist gleich viel Wert) 150.000-200.000 streams.

    Wenn dein Hörspiel also 30 Tracks hat und alle 5000 Leute das komplett durchhören, hast du das Geld rein.

    Ob sich das dann lohnt, weiß ich nicht. Die Anzahl der erreichten Personen ist auch eher eine Schätzung meinerseits, die Streams und Einnahmen allerdings basieren auf Erfahrungen von mir und anderen.

    Diverse online Anbieter für solche Campagnen rechnen auch teilweise mit 300-500 Followern/Hörern auf 500€

    Aber vielleicht kann hier der ein oder andere genauere Zahlen liefern.

    Edited once, last by FlexMorkis (October 20, 2025 at 3:18 PM).

  • Naja, trotzdem muss man das ja nachrechnen können: wenn ein Label eine Promokampagne schaltet, müssen sich ja die Ausgaben durch *zusätzliche* Streams amortisieren.

    Also wenn jemand 500€ für eine Werbung ausgibt, dann heißt das wieviele *zusätzliche* Streams des beworbenen Produkts ...?

    Schwierig zu sagen – die Streaming-Preise schwanken stark. Bei Spotify liegen wir zwischen 0,0025 und 0,0035 €, bei Apple etwa bei 0,006 € und bei Amazon zwischen 0,003 und 0,006 €. YouTube Music ist fast schon ein Witz mit nur 0,001 € oder weniger.

    Um also rund 500 € Gewinn zu machen, bräuchte man:

    • bei Spotify ca. 165.000 Streams
    • bei Apple ca. 75.000 Streams
    • bei YouTube Music fast eine halbe Million Streams

    Wichtig dabei: Die Einnahmen laufen in der Regel über Vertriebspartner, die sich nochmal 20–50 % einbehalten. Außerdem sind das Werte pro Track. Auf ein komplettes Hörspiel mit mehreren Tracks (von denen oft gar nicht alle gehört werden) hochzurechnen, ist recht mühsam.

    Im Grunde ist es ohnehin eine Mischkalkulation: Streams über alle Plattformen zusammen, dazu Verkäufe über den eigenen MP3-Shop, digitale Shops wie Thalia und ggf. auch noch CD-Verkäufe. Hat man mehrere Produktionen im Vertrieb, landet sowieso alles in einem Topf – dann geht es weniger darum, welches einzelne Hörspiel wie läuft, sondern vielmehr um das Gesamtergebnis.

    Das ist eben kaufmännisches Denken – deshalb rechnen viele Labels hier unterschiedlich.

  • Deju Vu. Früher hieß es, wennst als Band keine Airtime im Radio bekommst, kannst es vergessen. Wobei das früher noch viel schwerer war, weil da ja wirklich nur der totale Mainstreameinheitsbrei lief, heute laufen im Radio viele bayerische Bands.

    Heute hat sich natürlich auch das Aufgabengebiet des Vertriebs sehr gewandelt, da sind sicherlich viele Vertriebe dabei, die gar nix gebacken bekommen, außer halt das Einstellen in die Plattformen.

    “Life can't just be about solving one miserable problem after another, that can't be the only thing, they need to be things that inspire you and that make you glad to wake up in the morning and be part of humanity”

  • Das ist schon ein sehr spannendes Thema! Ich glaube es macht schon Sinn als Label sich damit intensiv auseinander zu setzen. Das Traurige dabei scheint zu sein, dass letztlich Inhalt und Qualität keine Rolle zu spielen scheint ob ein Hörspiel erfolgreich ist oder nicht sondern ganz andere Faktoren sind daran maßgeblich beteiligt. Ein bisserl gruselig und undurchschaubar ist es für mich schon.

    Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

    Solange es Leute wie uns drei gibt und wir hier schreiben, bleibt es hoffentlich bestehen. Noch lange! #top#

  • Eine aus meiner Sicht hochinteressante Diskussion mit viel Know-How und nüchternen, fundierten Argumenten.

    Die Frage, die sich mir aufdrängt ist allerdings, wie hoch ein Erwartungshorizont an der Stelle sein kann? "Das Nachtleben der Götter" ist sicherlich eine spannende Serie, aber wie hoch ist die Anzahl der potentiellen Interessenten?

    Selbst mit bestmöglicher Werbung unter Ausnutzung aller zur Verfügung stehenden Möglichkeiten ist es doch unwahrscheinlich, dass es da draußen mehr als 5000 Menschen gibt die das interessiert..

    Wenn die oben geschilderten Titel vor 20 Jahren zu Hochzeiten der CD herausgekommen wären, wären das ja auch keine Titel gewesen, von denen man 10.000 CDs oder mehr abgesetzt hätte.

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