De/Vision - 13 (2016) - Review

  • Schon das Cover stimmt nachdenklich: Tristesse dominiert in kühlen Farben, Isolation ist fühlbar. Der Hörer betritt die düstere Abgeschiedenheit eines emotionalen Gefängnisraums, in dessen bleierner Stille 10 neue Tracks schweben. Das dreizehnte Studioalbum von DE/VISION ermöglicht Einblicke in schattige Elektroniklandschaften, über denen Sänger Steffen Keths sanfte Stimme in Würde, doch ebenso anklagend wie bestimmend thront.
    Anfang der 90er Jahre aus dem übergroßen Schatten Camouflages gestiegen und fortan den deutschen Synthie-Pop entscheident mitprägend, wurde trotz mancher experimenteller Phase meist eine bewährte Soundformel umgesetzt. Eingeschlagene Songstrukturen samt eingestreuten Klangelementen erfreuen sich zum Verdruss manches Musikkritikers steter Beständigkeit. Für "13" wurden jedoch neue Wege eingeschlagen, zumindest für die eingespielten Verhältnisse der Berliner. An Stelle des bewährten Produzentenduos Schumann und Bach fungieren erstmals auf Albumlänge Ken Porter und Stan Cotey. Diese geben jedoch eher Geleitschutz denn neue Impulse.

    "Who Am I" eröffnet den elektronischen Gefühlsreigen zugleich in präzise-routinierter Manier mit allen bekannten Zutaten des Genres versehen. Vertraute Synthieabfolgen pulsierende Atmosphäre, bittersüße Geschichten über zerbrochene Beziehungen und daraus resultierende Sinnkrisen. Wenn ein Mensch auf sein Gegenüber eine so starke Faszination ausübt, dass man sich fast selbst verliert und am Ende vor dem Scherbenhaufen unerfüllter Träume wandelt, schlagen die Gefühlsregungen in alle Richtungen aus. Kalte Wut, Ernüchterung, emotionales Aufwachen. All das sind Themenfelder des Albums, auf denen sich Keth mühelos bewegt, mal stolziert, mal hastet, alles zu den Klängen der stilsicher ausgewählten Produktion. Diese zeigt sich recht konservativ. Ein futuristisches Aufblinken hier, ein gedämpft rockiges Element da.

    Das eingängige "Essence" etwa gibt sich anfangs dröhnend und wild, Erinnerungen an den Opener "Welcome To My World" von Depeche Modes "Delta Machine" sind nicht von der Hand zu weisen, doch geht die Formel erneut dank angenehmer Synthieteppichen unbeschwert auf. So auch beim textlich wütenden "Gasoline", das in seiner schleppenden Ausführung ähnliche Bausteine verwendet. "Prisoner of Love" veranschaulicht die durch das Cover suggerierte Grundstimmung dann auch in Worten allzu deutlich. Zwiegespalten im Gedankenverließ, mentale Leere. Die gediegene Produktion bewegt sich ebenso wie beim fragenden "Read Your Mind" auf gemächlich ausgearbeiteten Pfaden. Wenn man sich doch nur in die andere Person hineinversetzen könnte. Eine Welt voller Fragen. "Where Is The Light" sinniert Keth folgerichtig in der etwas altbackenen Hook, die ein paar Anläufe benötigt, um mit der dynamischen Produktion Hand in Hand zu gehen.

    Beim starken "Starchild" verfällt er gar in märchenhafte Sphären. "Somewhere by the sea there's an ancient tree", ertönt es voll Überzeugung in den melodischen Strophen. Man erwartet gar dass ihm ein aufopferungsvoller Heppner in die Bresche springt, doch Steffen schwelgt allein im Zauberwald. "Synchronize" und "Their World" agieren als lupenreine Trademark-Stücke und versprühen den für die Band bekannten Charme an ausgewogenen Melodien und schwebend leichten Momenten im Einklang mit fließender Elektronik. Die Zeilen, obgleich in einfacher Sprache gehalten transportieren die Thematiken schlicht doch mit der nötigen Präsenz.
    "There's no right, there's no wrong, in this world you're on your own, you will always be alone", singt Steffen Keth und der Blick schweift erneut gen Albumcover. Beim finalen "Firing Line" geht es nach verträumten Einstieg in 7 mühsamen Minuten indes direkt Richtung Ödnissteppen. Musikalisch monoton, sich im Kreis drehend sorgt der lange Track für ebensolche Gesichter. Mit nur 10 Songs im Gepäck ist dieses Ende viel zu lasch um den eigenen Qualitätsansprüchen zu genügen. Das Gefühl der angezogenen Handbremse ist in jeder akustischen Faser des Albums über die gesamte Spieldauer zu bemerken, richtige Highlights sind Mangelware, doch Momente der Schwerelosigkeit im Sounddesign erhellen den dunklen Raum.

    Die wenige Monate später erschiene Extended Version ermöglichte den Songs mehr Freiraum, Platz zum Atmen, Momente der Verfeinerung, um Höhepunkte auskosten zu lassen und rundet diese musikalische Schaffensperiode ab.

  • De/Vision - 13

    Manchmal sind Zahlen mehr als bloße Zahlen. „13“ – für viele ein Symbol des Unglücks, für andere ein Glücksbringer. Für De/Vision aber ist sie ein Zeichen von Beständigkeit. Ein stilles, selbstbewusstes Bekenntnis: Wir sind immer noch da. Nach fast drei Jahrzehnten Bandgeschichte, nach etlichen Alben und zahllosen Konzerten liefert das Duo ein Werk ab, das seine Stärke nicht aus Lautstärke, sondern aus Tiefe bezieht. 13 ist kein greller Auftritt, sondern ein Album mit Sogwirkung – atmosphärisch, fokussiert und voller stiller Kraft.

    Der Opener „Who Am I“ wirkt wie ein sich langsam öffnendes Tor. Dunkel pulsierende Beats und ein durchdringender Basslauf bilden ein Fundament, über dem Steffen Keths Stimme schwebt. Fragend, tastend, fordernd. Ein Clubsong mit Charakter – einer, der nicht sofort explodiert, sondern sich entfaltet.

    Mit „Essence“ folgt ein Stück, das klassische De/Vision-DNA in ein modernes Klanggewand hüllt. Der Sound wirkt ausgewogen, dynamisch, mit klarer Struktur und einem warmen elektronischen Herzschlag. Es ist dieses fein austarierte Spiel aus Lautstärkeschwankungen und minimalen Tempomodulationen, das den Song trägt.

    Starchild“ gleitet in weicherer, fast schwebender Atmosphäre dahin – wie warmer Nebel über einem nächtlichen See. Hier verschmelzen Sehnsucht und Melancholie in einer harmonischen Synthiefläche, die sich sanft um die Melodie legt.

    Der darauffolgende Titel „Where’s The Light?“ ist für mich einer der emotionalen Höhepunkte des Albums. Traumhaft flirrende Sounds und eine glitzernde Hook erzeugen das Bild eines Sternenhimmels über dunklem Wasser. Hoffnung und Fragilität stehen einander gegenüber, ohne sich zu bekämpfen.

    Synchronize“ holt das Album auf den Dancefloor zurück. Pulsierend, direkt, mit einem Beat, der treibt, ohne sich aufzudrängen. Es ist ein Song, der sofort zündet und zugleich elegant bleibt – ein Clubhit mit Seele.

    Prisoner“ nimmt das Tempo heraus und öffnet einen Raum der Introspektion. Balladesk, melancholisch, getragen von perlenden Synthie-Melodien, klingt der Song wie ein innerer Monolog – leise, aber eindringlich.

    Read Your Mind“ knüpft nahtlos daran an. Der Einsatz von Klavier und dezenten Saiteninstrumenten verleiht ihm eine zarte Struktur, die sich unter der Oberfläche langsam entfaltet. Ein Song, der wirkt wie ein stiller Gedanke.

    Mit „Their World“ zieht die Dynamik wieder spürbar an. Hier schwingt ein futuristischer Unterton mit – eine feine Unruhe, ein Knistern zwischen Licht und Schatten. Ein Song, der die Grenzen zwischen Clubtrack und erzählter Szene verschwimmen lässt.

    Gasoline“ präsentiert sich kantiger, roher, beinahe minimalistisch. Ein ungeschliffener Song, der in seiner Reduktion Kraft findet – ein Gegenpol zu den glatten Flächen zuvor.

    Der letzte Track der Standardversion, „The Firing Line“, schließt das Album mit feiner Eleganz. Eine Melodie wie aus einer Spieluhr, elektronisch zart eingefasst, schwebt durch die Luft und hinterlässt eine melancholische Stille. Es ist kein großes Finale mit Pauken und Trompeten – sondern ein Ausklang, der nachhallt.

    Wo viele Bands bei Bonustracks bloß Restmaterial präsentieren, liefern De/Vision hier fünf Stücke, die nahtlos in das Albumgefüge passen – nicht wie ein Nachtrag, sondern wie ein zweiter Atemzug.

    No One’s Land“ ist dabei ein Song von sanfter Intensität. Ein tiefer, pochender Puls trägt ihn, während sich eine melancholische Melodielinie darüberlegt wie fahles Licht über einer verlassenen Landschaft. Der Refrain öffnet den Raum – weit, luftig, aber mit einer unterschwelligen Schwere.

    Mit „You Don’t Mean Anything“ folgt ein Stück, das auf den ersten Blick zurückhaltend wirkt, aber in seiner inneren Dynamik beeindruckt. Die Synths sind fein verschachtelt, der Beat pulsiert ruhig, während der Text mit einer Mischung aus Bitterkeit und Resignation spricht.

    „I’m Your Son“ trägt die Handschrift der bandtypischen Clubästhetik: klare Struktur, starker Basslauf, ein Refrain, der sich elegant einprägt. Hier dominiert weniger Melancholie als eine ruhige Entschlossenheit – wie ein Lied über Selbstverortung und Zugehörigkeit.

    Dunkler wird es mit „Black And White“. Der Song entfaltet eine fast filmisch-düstere Atmosphäre. Scharfe Kontraste, minimalistische Beats und gezielt eingesetzte Synth-Akkorde machen ihn zu einem der eindrucksvollsten Bonustracks des Albums. Es ist ein Stück, das nicht laut ist, aber eindringlich – wie ein geflüsterter Vorwurf in der Nacht.

    Zum Schluss folgt „Transit“, ein rein instrumentales Stück – und gerade deshalb ein besonderer Abschluss. Es wirkt wie ein Nachklang des gesamten Albums, ein letztes Atemholen, bevor die Stille einsetzt. Die Melodien fließen langsam, fast schwerelos. Hier geht es nicht mehr um Worte, sondern um Atmosphäre.

    13 ist kein Spektakel. Es ist ein stiller Triumph. Ein Album, das seine Kraft aus Reduktion und Präzision zieht, das vertraute Strukturen neu sortiert und mit leiser Dringlichkeit in die Gegenwart trägt. Manche Kritiker mögen ihm Innovationsarmut vorwerfen – wer De/Vision aber wirklich kennt, erkennt hier kein Schwächeln, sondern ein bewusstes Verdichten.

    Jeder Song hat seinen Platz, seine Farbe, seinen Atem. Die Standardversion bildet ein geschlossenes, fließendes Hauptwerk – die Bonustracks erweitern es um zusätzliche Nuancen und verstärken das emotionale Gesamtbild. Keths Stimme, warm und brüchig zugleich, ist das emotionale Zentrum.

    13 ist wie ein nächtlicher Spaziergang durch leere Straßen: ruhig, nachdenklich, von leiser Energie getragen. Kein aufgesetzter Knalleffekt, sondern ehrliche, reife Klangkunst. Ein Album, das man nicht nur hört, sondern spürt.

    Diese 13 bringt kein Unglück. Sie bringt Tiefe. Und sie bleibt.

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