Schon das Cover stimmt nachdenklich: Tristesse dominiert in kühlen Farben, Isolation ist fühlbar. Der Hörer betritt die düstere Abgeschiedenheit eines emotionalen Gefängnisraums, in dessen bleierner Stille 10 neue Tracks schweben. Das dreizehnte Studioalbum von DE/VISION ermöglicht Einblicke in schattige Elektroniklandschaften, über denen Sänger Steffen Keths sanfte Stimme in Würde, doch ebenso anklagend wie bestimmend thront.
Anfang der 90er Jahre aus dem übergroßen Schatten Camouflages gestiegen und fortan den deutschen Synthie-Pop entscheident mitprägend, wurde trotz mancher experimenteller Phase meist eine bewährte Soundformel umgesetzt. Eingeschlagene Songstrukturen samt eingestreuten Klangelementen erfreuen sich zum Verdruss manches Musikkritikers steter Beständigkeit. Für "13" wurden jedoch neue Wege eingeschlagen, zumindest für die eingespielten Verhältnisse der Berliner. An Stelle des bewährten Produzentenduos Schumann und Bach fungieren erstmals auf Albumlänge Ken Porter und Stan Cotey. Diese geben jedoch eher Geleitschutz denn neue Impulse.
"Who Am I" eröffnet den elektronischen Gefühlsreigen zugleich in präzise-routinierter Manier mit allen bekannten Zutaten des Genres versehen. Vertraute Synthieabfolgen pulsierende Atmosphäre, bittersüße Geschichten über zerbrochene Beziehungen und daraus resultierende Sinnkrisen. Wenn ein Mensch auf sein Gegenüber eine so starke Faszination ausübt, dass man sich fast selbst verliert und am Ende vor dem Scherbenhaufen unerfüllter Träume wandelt, schlagen die Gefühlsregungen in alle Richtungen aus. Kalte Wut, Ernüchterung, emotionales Aufwachen. All das sind Themenfelder des Albums, auf denen sich Keth mühelos bewegt, mal stolziert, mal hastet, alles zu den Klängen der stilsicher ausgewählten Produktion. Diese zeigt sich recht konservativ. Ein futuristisches Aufblinken hier, ein gedämpft rockiges Element da.
Das eingängige "Essence" etwa gibt sich anfangs dröhnend und wild, Erinnerungen an den Opener "Welcome To My World" von Depeche Modes "Delta Machine" sind nicht von der Hand zu weisen, doch geht die Formel erneut dank angenehmer Synthieteppichen unbeschwert auf. So auch beim textlich wütenden "Gasoline", das in seiner schleppenden Ausführung ähnliche Bausteine verwendet. "Prisoner of Love" veranschaulicht die durch das Cover suggerierte Grundstimmung dann auch in Worten allzu deutlich. Zwiegespalten im Gedankenverließ, mentale Leere. Die gediegene Produktion bewegt sich ebenso wie beim fragenden "Read Your Mind" auf gemächlich ausgearbeiteten Pfaden. Wenn man sich doch nur in die andere Person hineinversetzen könnte. Eine Welt voller Fragen. "Where Is The Light" sinniert Keth folgerichtig in der etwas altbackenen Hook, die ein paar Anläufe benötigt, um mit der dynamischen Produktion Hand in Hand zu gehen.
Beim starken "Starchild" verfällt er gar in märchenhafte Sphären. "Somewhere by the sea there's an ancient tree", ertönt es voll Überzeugung in den melodischen Strophen. Man erwartet gar dass ihm ein aufopferungsvoller Heppner in die Bresche springt, doch Steffen schwelgt allein im Zauberwald. "Synchronize" und "Their World" agieren als lupenreine Trademark-Stücke und versprühen den für die Band bekannten Charme an ausgewogenen Melodien und schwebend leichten Momenten im Einklang mit fließender Elektronik. Die Zeilen, obgleich in einfacher Sprache gehalten transportieren die Thematiken schlicht doch mit der nötigen Präsenz.
"There's no right, there's no wrong, in this world you're on your own, you will always be alone", singt Steffen Keth und der Blick schweift erneut gen Albumcover. Beim finalen "Firing Line" geht es nach verträumten Einstieg in 7 mühsamen Minuten indes direkt Richtung Ödnissteppen. Musikalisch monoton, sich im Kreis drehend sorgt der lange Track für ebensolche Gesichter. Mit nur 10 Songs im Gepäck ist dieses Ende viel zu lasch um den eigenen Qualitätsansprüchen zu genügen. Das Gefühl der angezogenen Handbremse ist in jeder akustischen Faser des Albums über die gesamte Spieldauer zu bemerken, richtige Highlights sind Mangelware, doch Momente der Schwerelosigkeit im Sounddesign erhellen den dunklen Raum.
Die wenige Monate später erschiene Extended Version ermöglichte den Songs mehr Freiraum, Platz zum Atmen, Momente der Verfeinerung, um Höhepunkte auskosten zu lassen und rundet diese musikalische Schaffensperiode ab.