Das eigene Label. Alleiniger Herrscher über klangliche Ländereien und gleichzeitige Opposition. Losgelöst und frei in Entscheidung und Tat, doch stets mit kritischem Blick auf die Arbeitsvorgänge. Den nächsten, großen Schritt im persönlichen Evolutionsprozess vollzogen De/Vision nach dem Weggang von Drakkar pünktlich zum Dekadenwechsel mit dem als "Popgefahr" etikettierten Impulsgeber. Der Titel, als augenzwinkerndes Statement zur vorurteilsgeschwängerten Massenmeinung hinsichtlich des Popgenres ausgewählt, fungiert dabei parallel als selbstironischer Taufpate des elften Albums. Eine neue, doch vertraute Ära wurde damit eingeläutet und Schumann&Bach setzten die Segel routiniert auf Kurs gen nahe Zukunft. Raue Weltenbilder voll hemmungslosen Streamings, eingebettet in umtriebener Schnelllebigkeit.
Fast schon bezeichnend erscheint da der Name des ersten Stücks: "mAndroids". Zu drückenden Basswellen werden freudlose Einblicke in die zerrüttete Architektur besungener Prügelknaben gewährt, im elektronischen Gleichschritt unter dem wolkenzerfetzten, anthrazitfarbenen Himmelstorso. Das kühl-sterile Soundbild erfährt jedoch durch positiv eingefärbte Melodieführungen wieder und wieder menschliche Regungen, wie leise Atembewegungen in hochtechnisierten Mechatronikgrüften.
Die erste Single "Rage" verkommt dagegen zu einem synth-plosiven Fieberrausch aus betörender Schönheit, Beklemmung, Extase und unbändiger Grausamkeit zu pulsierend drapierten Klangfragmenten, die ein schattenschwarzes Gewölbe mit tausenden Kerzen erhellen, nur um das bröckelnde Mauerwerk durch den fatalistischen Sog des Rachegeistes, der in jedem von uns wohnt, einstürzen zu lassen. Unter Tonnen von Schuttlawinen, die wie surreale Skulpturen mahnend über die trüben Felder des Vergessenes wachen, liegt die einstige Leidenschaft begraben.
Doch bahnt sie sich ihren Weg frei, erreicht durch verschlungene Kanäle im Erdreich den Zugang zur Oberfläche. "What's Love All About". Verwunschene, in silbernes Mondlicht getauchte Gärten dienen als melancholische Szenerie für die zaghaft geflochtenen Hoffnungsstränge, die sich mit wabernden Syntheinsatz im Wurzelwerk verstecken, dort Kraft tanken und sich im sinnierend-opulenten Refrain zum funkelnden Nachthimmel hochschwingen, unter sich zurücklassend arabeske Schattenvisionen bohrenden Zweifels. Doch es die Zeit, um zu leben. Gleißende Lichtsäulen schießen zu fulminant pumpenden Beatwogen in die Höhe, eine frische, vitale Brise fegt über den ausgedörrten Landstrich und lässt Blätterformationen mit luftig-flirrenden Strömungen ausgelassen durch verwitterte Felsruinen wirbeln. Akustisch fühlbare Aufbruchsstimmung als Symbolcharakter beruflicher Entscheidungen? Vielleicht, doch zurück zum Album.
Das hohe Tempo von "Time to Be Alive" wird in der Folgezeit jedoch jähe gestoppt: Schlagartig ist es bleierne Nacht, eine steinerne Zitadelle wirft ihren bedrohlichen Schatten über gräuliche Gebäudehüllen, führt die mystische Umgebung in eine traumversponnene Parallelwelt. Zu den Klängen einer schwelgerisch nocturnalen Melodie, gleitet Sänger Steffen Keths Stimme ruhig und vorsichtig über in sich verschobene Gefühlswallungen ("Plastic Heart"). Die Stimmung ist trotz sonoren Synthesizers unterkühlt und trist, ohne an Faszination und euphonischem Momentum einzubüßen
Dem bedächtig inszinierten "Be a Light to Yourself" gelingt die Reise in eine virtuos inszinierte, hochelektronische Intimität, die Augen lösen sich von verblichenen Gemälden der Erinnerung und der Weg scheint frei auf neuen Pfaden im Lebenskosmos zu wandeln.
Doch zunächst müssen alte Dämonen ihrer eingestaubten Fratzen entledigt werden: Fahle Kupferstiche zwischenmenschlicher Krisenherde werden von den satt gewordenen Wänden gerissen. Im treibenden "Ready to Die" obsiegt der wiedergewonnene Stolz mit lasziv eingesträuten Gesangseinsätzen über den mentalen Käfig und endet den Song mit verspielter Electroschau.
"Flash of Life" hingegen reißt mit schwerelos-warmen Klangverzierungen schwere Vorhänge auf, füllt den Raum mit fließendem Lichterglanz und lässt den Song mit seiner hypnotischen Aura durch schneeweiße Spiegelhallen tänzeln.
Das folgende "Twisted Story" setzt zunächst auf exzessiv hämmernde Bassläufe, wird jedoch im weiteren Verlauf zahmer und kulminiert in seiner weich-ausstaffierten Hookline. Melodisch flattert das Stück in wolkengleichen Augenblicken an rauschenden Laubbäumen vorbei und setzt im Schlussspurt das Crescendo, ein weiteres Indiz für die allgemein höhere Tempoausrichtung.
Als sphärisch-besinnlicher Closer wartet "Until the End of Time" auf. Langsam, ganz vorsichtig lüftet sich der blaue Samt und eine einnehmende Atmosphäre wird im Schein lodernder Fackeln erzeugt. Das Soundkonzept entpuppt sich als hallizinugenes Elektronikgewebe, ein blitzendes Mosaikbildnis mit vielen, unterschwellig eingebauten Soundhäppchen und einem, als Hommage an die 1980er Jahre erinnernden Hinausbegleiten auf samplegestützen Synthteppichen.
Als Bonustrack soll "Free World" nicht unerwähnt bleiben. Erfolgt der Einstieg zu lupenreinen Retroklängen gekonnt, ist die weitere Strukturierung melodisch wie dröhnend zerfahren zugleich. Der Protagonist wähnt sich in der Hook auf einem nebelverhangenen Glasberg und blickt auf eine unruhige Gegenwart. Dies gekoppelt mit dem soghaften Klangspiel als Outro, veredelt "Popgefahr" noch nachträglich und wirkt wie ein vollwertiger Albumtrack.
"Popgefahr" lässt sich als sehr lebhaftes, wie vielseitiges Album zusammenfassen. Der Sprung in die Eigenständigkeit mit all ihren Wagnissen war risikobehaftet, doch ist letztlich als zusätzlicher kreativer Schub zu betrachten.
Doch wie ging die Reise weiter? "Rockets&Swords" sollte es zeigen.
De/Vision - Popgefahr (2010) - Review
-
-
Es gibt Alben, die nicht entstehen, um neu zu erfinden, sondern um das Vertraute zu festigen. von ist genau ein solches Werk. Es ist das Ergebnis einer Band, die nach über zwei Jahrzehnten nicht mehr auf den Beifall des Mainstreams wartet, sondern für ihre eigene Community schreibt – für jene Hörerinnen und Hörer, die genau diesen Sound, diese melancholisch schimmernde Synthie-Ästhetik wollen.
Bereits der Zeitpunkt der Veröffentlichung war eine Wegmarke: Die Band hatte sich vom bisherigen Label getrennt und gründete mit Popgefahr Records ihre eigene Plattform – künstlerisch unabhängig, wirtschaftlich selbstbestimmt. Ein großer Schritt für ein Duo, das seine Identität nie aus modischen Strömungen, sondern immer aus einem sehr persönlichen Klangkosmos gezogen hat. Die Entscheidung, das elfte Studioalbum und das Label nach demselben Namen zu benennen, war kein Zufall, sondern Statement. Ein leises, aber selbstbewusstes Manifest: Wir wissen, wer wir sind, und wir brauchen keine Rechtfertigung.
De/Vision sind seit jeher Meister darin, das Bekannte zu variieren. Wer auf große stilistische Revolutionen hofft, wird bei ihnen nicht fündig. Stattdessen erhält man einen elektronischen Klangraum, der Nostalgie und Gegenwart zu einer schimmernden Einheit verschmilzt – irgendwo zwischen 80er-Romantik, 90er-Clubästhetik und eigenwilliger Zukunftshaltung. Popgefahr ist in diesem Sinne kein lautes Album, sondern ein geschlossenes Werk, ein dunkler, glänzender Spiegel, der mehr reflektiert, als er neu erschafft.
mAndroids - Der Albumauftakt ist mehr als nur ein Song – er ist eine Ansage. Der Titel spielt mit der Idee künstlicher Menschlichkeit, und so klingt er auch: drückende Basswellen, klinisch-präzise Beats, ein Soundbild, das wie aus Stahl gegossen wirkt. Und doch schimmert unter dieser harten Oberfläche immer wieder Wärme durch. Kurze, melodische Atemzüge verleihen der sterilen Welt Struktur, als würden in den Ecken kalter Maschinenhallen plötzlich menschliche Spuren auftauchen. „mAndroids“ ist kein Song, der explodiert, sondern einer, der wächst – Schicht für Schicht.
Rage - Die Vorabsingle trägt einen großen Namen, der einen Ausbruch erwarten lässt. Doch De/Vision wählen einen anderen Weg. „Rage“ ist kein Schrei – es ist ein inneres Lodern. Der Song breitet sich wie ein fiebriger Nebel aus, aus dem sich ein pulsierender Beat erhebt, dicht und scharf. Die Refrainlinie wirkt wie ein Flüstern im Sturm, eher geflügelt als geschrien. Und genau das macht ihn stark: die kontrollierte Intensität, das Spiel mit der Zurückhaltung.
What’s Love All About - Hier entfaltet sich die emotionale Mitte des Albums. Die Szenerie: ein in silbernes Mondlicht getauchter Garten, zwischen den Zweigen schimmern melancholische Synthesizer. Die Melodie trägt eine leise, aber tief verwurzelte Sehnsucht in sich. Keths Stimme legt sich wie ein Schleier über die Struktur, fragil, tastend, zärtlich. Der Refrain schwingt sich weit nach oben, ohne Pathos, dafür mit innerer Stärke. Es ist ein Song über die Frage nach dem Kern der Liebe – unbeantwortet, aber wunderschön gestellt.
Time to Be Alive - Nach den introspektiven Tönen bricht „Time to Be Alive“ wie ein Frühlingswind herein. Der Beat zieht an, die Synthesizer öffnen den Raum. Es ist ein Song, der leuchtet. Er trägt diese typische De/Vision-Energie in sich, die nie grell, aber stets ansteckend ist. Die Aufbruchsstimmung ist spürbar – fast so, als wäre dieser Song das innere Manifest eines Neuanfangs, passend zur Neugründung des Labels.
Plastic Heart - Die Welt zieht sich wieder zusammen. Eine kalte, gläserne Struktur breitet sich aus. „Plastic Heart“ klingt, als würde man durch eine verlassene, nächtliche Stadt wandern, in der das Neonlicht flackert und jedes Echo doppelt laut zurückkommt. Der Song lebt von seiner kontrollierten Distanz – kein Ausbruch, kein Trost, nur der kühle Herzschlag einer synthetischen Nacht.
Be a Light to Yourself - Ein Stück, das sich wie ein Atemzug anfühlt. Hier wird die elektronische Schwere gelockert, beinahe meditativer Minimalismus tritt hervor. Der Song wirkt wie eine stille Erinnerung daran, dass auch im maschinellen Raum Wärme existieren kann. Es ist kein Hit, kein Clubtrack, sondern eine Zwischenstation – ein Moment der Sammlung.
Ready to Die - Nach der Stille kehrt Energie zurück. „Ready to Die“ trägt einen kämpferischen Unterton, ohne aggressiv zu wirken. Die Beats sind klar, die Melodie entschlossen, der Gesang fokussiert. Man spürt förmlich, wie alte Fesseln abgestreift werden. Der Song hat Haltung, er geht nach vorn – nicht triumphal, aber unbeirrbar.
Flash of Life - Hier öffnet sich der Raum. „Flash of Life“ wirkt wie eine Lichtflut. Die Melodie ist warm, schwebend, beinahe schwerelos. Dieser Song tanzt durch Spiegelhallen aus Glas, voller Leuchten und Reflexionen. Ein heller Kontrapunkt zur Dunkelheit, ein Song, der strahlt, ohne zu blenden.
Twisted Story - Ein kraftvoller Einstieg mit hämmernden Bassläufen kündigt einen Song an, der zunächst zubeißt und dann die Zähne zeigt. Doch im Verlauf wird er zahmer, die Hookline öffnet sich, der Sound wird weiter, luftiger. „Twisted Story“ spielt mit Kontrasten – Druck und Weichheit, Dunkel und Licht – und bringt damit Dynamik ins Album, ohne die Grundstimmung zu brechen.
Until the End of Time - Der letzte Song ist der lange Ausklang, das sanfte Verlöschen des Lichtes. Der Samtvorhang öffnet sich langsam, ein letzter Blick in eine nächtliche Landschaft, während leise Fackeln flackern. Synthieflächen schweben wie Rauchschwaden durch den Raum, während die Melodie in eleganter Melancholie verklingt. Es ist ein Abschied, der nicht abrupt kommt, sondern sich anfühlt wie ein leises „Bis bald“.
Free World (Bonustrack) - „Free World“ ist mehr als ein Anhang. Der Track knüpft an die Ästhetik der 80er an – retrosynthetisch, klar, etwas rauer. Die Melodie steigt aus dem Nebel wie ein leuchtendes Signal, die Hook trägt ein Gefühl zwischen Aufbruch und Unsicherheit. Als Abschluss wirkt der Bonustrack wie ein zusätzlicher Nachhall des Albums – nicht zwingend notwendig, aber bereichernd.
Popgefahr ist kein lautes Manifest, kein revolutionäres Werk. Aber es ist ein sehr bewusstes, sehr geschlossenes Album. De/Vision sind nicht hier, um sich neu zu erfinden – sie sind hier, um zu bleiben. Um ein Stück Klanggeschichte, das sie seit den 90ern schreiben, fortzusetzen.
Man kann diesem Album vorwerfen, dass es vorhersehbar ist. Man kann aber auch sehen, wie konsequent und liebevoll diese Vorhersehbarkeit gepflegt wird. Hier wird nicht geprotzt, sondern gebaut. Nicht getrickst, sondern gearbeitet.
Für mich ist Popgefahr wie ein vertrauter Raum: man betritt ihn, kennt jeden Winkel, aber spürt dennoch jedes Mal dieses angenehme Knistern, das einen zurückkehren lässt. Ein leises, pulsierendes Album voller Synthie-Seelenwärme.
Participate now!
Don’t have an account yet? Register yourself now and be a part of our community!