Keine Namen, niemand (Deutschlandfunk Kultur 2024)
Annette Kufners Hörspiel Keine Namen, niemand erzählt mit bedrückender Eindringlichkeit vom Schicksal einer Sinti-Familie im Nordviertel während der 1930er- und 40er-Jahre. Ausgangspunkt ist die Figur Theo, dessen Nichte Gerda Jahrzehnte später nachfragt, was damals wirklich geschehen ist, als ein NSDAP-Mitglied Bürgermeister wurde und die Gemeinde zunehmend in den Würgegriff des Regimes geriet. Das Hörspiel führt vor Augen, wie schnell die Entrechtung und Verfolgung eskalierte: erst Körper-Vermessungen, dann Adressenlisten, Ausgangssperren und Schulausschlüsse, schließlich die Deportationen. „Onkel Theo, ihr hattet aber mitbekommen, dass die Juden wegkamen … Seid ihr denn da nicht auf die Idee gekommen, dass das, was den Juden passiert, dass Euch das auch passieren könnte?“ fragt Gerda. Theos Antwort ist erschreckend schlicht: „Dass uns das passiert?! Nein!“ – ein Satz, der wie ein Schlag wirkt, weil er zeigt, wie sehr die Normalität des Alltags das Unfassbare verdrängte. 1943 wurden schließlich 139 Menschen aus dem Ort abtransportiert. Nur elf von ihnen kehrten zurück.
Das dokumentarische Originalhörspiel ist Kufners erste Hörspielarbeit und verbindet akribische Recherche mit künstlerischer Kraft. Gesendet wurde es am 10. März 2024 bei Deutschlandfunk Kultur, eine Ausstrahlung, die nicht folgenlos blieb: Es öffnete ein Tor zu Erinnerungen, die oft verschwiegen oder verdrängt wurden. Kufner, Jahrgang 1988, studierte Politikwissenschaft, Geschichte und Soziologie und verknüpft hier ihr analytisches Wissen mit künstlerischem Ausdruck. In Zeiten, in denen rechte Strömungen wieder versuchen, Geschichtsbilder umzudeuten, wirkt dieses Stück wie ein Gegengift – ein Erinnern, das Haltung verlangt.
Regisseurin Franziska Stuhr setzt die Vorlage mit einem klaren, schnörkellosen Zugriff um. Keine Übertreibungen, keine melodramatische Überhöhung – sondern Stimmen, die mit Präzision und Zurückhaltung sprechen. Zwischen den Szenen entsteht Raum für Reflexion, für Stille, für das Nachhallen der Worte. Dramaturgisch klug verzahnen Benedict Reinhold und Barbara Gerland verschiedene Ebenen: Erzählungen, szenisches Spiel, dokumentarische Fragmente, Prolog und Bericht. Diese Vielschichtigkeit verdeutlicht, dass es nicht nur eine Wahrheit gibt, sondern Erinnerungen, Brüche, Lücken. So entsteht ein vielstimmiges Mosaik, das bedrückender wirkt, als es eine durchkomponierte Dramatisierung je könnte.
Die Besetzung ist hochkarätig. Tilman Strauß führt als Erzähler nüchtern und zugleich eindringlich durch die Ereignisse. Ulrich Noethen verkörpert Theo – sein Spiel ist zurückgenommen, fast spröde, und gerade darin liegt die Wucht. Inga Busch als Gerda wirkt drängend, insistierend, eine Stimme, die die Vergangenheit nicht ruhen lassen will. Sabine Falkenberg, Jasmin Borinsky, Birte Schnöink, Marc Benjamin Puch, Constanze Becker, Holger Bülow und Veronika Bachfischer ergänzen das Ensemble mit glaubwürdiger Tiefe. Ihre Stimmen verweben sich zu einem Chor der Erinnerung, der nicht verklärt, sondern freilegt.
Die technische Umsetzung durch Alexander Brennecke und Gunda Herke meidet jegliche Effekthascherei. Geräuschkulissen werden sparsam eingesetzt, sodass sie wie Einschnitte wirken – ein Zug, der in der Ferne vorbeifährt, ein Türschlagen, Schritte auf Kies. Diese Reduktion verstärkt die Intensität. Ben Roesslers Musik ist sparsam, fast minimalistisch, ein leises musikalisches Nachzeichnen, das Stimmungen aufnimmt, ohne je dominant zu werden. So bleibt der Fokus konsequent bei den Stimmen, den Worten, der Geschichte.
Das offizielle Hörspiel selbst kam ohne klassisches Buch- oder Seriencover daher, doch begleitende Materialien zeigen historische Fotografien von Sinti-Familien jener Zeit. Diese Bilder verleihen dem Werk eine zusätzliche Dimension: Es sind echte Gesichter, echte Leben, die hinter den anonymisierten Zahlen und Berichten stehen. Die abgebildete Familienaufnahme aus den 1930er-Jahren, mit Kindern, Frauen, Männern, wirkt heute wie ein stilles Mahnmal. Sie gibt dem Hörspiel seinen visuellen Anker – und macht spürbar, dass Keine Namen, niemand nicht nur Kunst ist, sondern Erinnerung an reale Menschen.
Keine Namen, niemand ist weit mehr als ein Hörspiel – es ist ein Dokument der Erinnerung, ein Stück akustischer Geschichtsschreibung. Es zeigt das langsame, schleichende Gift der Entrechtung und wie eine Gemeinschaft sich wandelte, indem viele schwiegen, manche mitmachten und nur wenige widersprachen. 2025 erhielt die Produktion den Robert-Geisendörfer-Preis in der Kategorie „Allgemeine Programme Hörfunk“. Die Jury würdigte das Werk als „eindrückliche Dokumentation, die sowohl das Unrecht als auch das anschließende Schweigen im Ort sichtbar macht“. Damit ist das Stück nicht nur preisgekrönt, sondern auch ein Signal an die Gegenwart. Denn Kufners Hörspiel verweist über die NS-Zeit hinaus: Es zeigt, wie fragil demokratische Werte sind und wie leicht Ausgrenzung und Schweigen den Boden für Gewalt bereiten können. In einer Welt, die mit neuen Konflikten ringt – ob im Nahen Osten, in der Ukraine, in den gesellschaftlichen Debatten über Migration oder Minderheitenrechte – erinnert es daran, dass jede Diskriminierung eine Spur hat, die in die Katastrophe führen kann. Keine Namen, niemand macht bewusst: Erinnern heißt nicht nur zurückschauen, sondern heute handeln.