Vom schattigen Sensor in die wärmenden Herbststrahlen. Relocated, das ambitionierte Nachfolgewerk zum Comeback lässt sich trotz seiner positiveren Ausstrahlung auch die ureigene Melancholie nicht nehmen.
Camouflage - Relocated (2006) - Review
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@DYs:Muss ich jetzt gerade mal nachschauen, ob ich die CD im Schrank hab. Bei Camouflage weiss ich's echt nicht mehr. Hab so Mitte der 90 er bis Anfang der 2000' er viel Wave/EBM/ Synthy Pop/ DARK Wave CDs gekauft und gesammelt. Die stehen heute alle noch im Schrank.
Und bin natürlich jedes WE "schwarz" weg gegangen. So fast 20 Jahre lang. War ne tolle Zeit!
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„Relocated“ ist für mich so etwas wie das goldene Herbstalbum von Camouflage. Nach der Dunkelheit, der Kühle und der schweren Melancholie von Sensor wirkt es wie ein Werk, das Sonnenstrahlen durchlässt, ohne dabei die Schatten gänzlich zu vertreiben. Schon das Cover deutet es an: diese von warmem Licht durchflutete Allee, die ausgestreckten Hände zweier Menschen, dazu die Symbolik von Astronaut und Mädchen – Technik und Zukunft auf der einen, Vertrauen und Lebendigkeit auf der anderen Seite. Es ist ein Album, das Balance sucht, und dabei trotz aller Aufhellung seine Grundmelancholie nie verliert.
Man spürt schnell, dass die Band zu diesem Zeitpunkt vieles hinter sich gebracht hatte – und zugleich erneut mit widrigen Umständen zu kämpfen hatte. Das Label-SPV bot zwar eine neue Heimat, doch ohne große Promotion und nur mit eingeschränkter internationaler Veröffentlichung war Relocated von Beginn an ein Werk, das mehr durch sich selbst als durch äußere Unterstützung bestehen musste. Dass es dennoch als starkes, eigenständiges Album gilt, zeigt vor allem, wie sehr Camouflage in dieser Phase aus künstlerischer Überzeugung heraus gearbeitet haben.
Musikalisch öffnet sich das Album sofort: „Memory“ und „We Are Lovers“ wirken wie ein sanfter Auftakt, freundlich, tanzbar, hell – die Leichtigkeit überrascht, gerade im Vergleich zum düsteren, intensiven Beginn von Sensor. „Motif Sky“, die erste Single, zeigt dann, wie mühelos Camouflage eingängige Eleganz mit atmosphärischem Tiefgang verbinden können: federleichte Synthesizer, ein befreiter Meyn, der sich hörbar wohlfühlt, und ein Sounddesign, das schwebt, statt zu drücken.
Doch Relocated bleibt kein reines Lichtspiel. Es ist gerade die Vielfalt, die das Album interessant macht. „Real Thing“, gesungen von Oliver Kreyssig, wirkt fast wie ein Innehalten: ruhig, schimmernd, beinahe andächtig. Direkt danach zieht Meyn mit „Passing By“ die Energie wieder hoch – ein Stück, das zwar deutliche Parallelen zu Depeche Mode erkennen lässt, diese aber nicht kopiert, sondern mit eigenem Drive auflädt. „Confusion“ überrascht mit fast bluesiger Erdung und harten Drums, während „The Perfect Key“ eine dramaturgische Stärke entfaltet, die von zarten Gitarren über sphärische Dunkelheit bis hin zu einem kraftvollen Finale reicht.
Diese Spannweite setzt sich fort: „Stream“ ist ein warmer Fluss von Synthesizerflächen, „Dreaming“ ein gemeinschaftliches Werk, das Melancholie mit Energie verbindet. „The Pleasure Remains“ glänzt durch Eleganz und Leichtigkeit, während „Bitter Taste“ und „Something Wrong“ zeigen, dass Camouflage auch experimentierfreudig und kraftvoll können – letzteres beinahe schon rockig, mit treibender Gitarre und einem Refrain, der hängen bleibt.
Das Ende des Albums bleibt vielschichtig: „Light“ bringt Ruhe, Klarheit und eine fast sakrale Stille, ehe „How Do You Feel“ einen völlig anderen Weg einschlägt – ein siebenminütiges, psychedelisches Stück, das zwischen Kunstgriff und Grenzerfahrung schwankt. Chorale Elemente, blinkende Soundfragmente, eine gewisse Überladung – aber genau darin liegt sein Reiz. Es zeigt, dass Camouflage auch in ihrem Spätwerk den Mut zum Risiko hatten.
Relocated ist weniger direkt als Sensor. Es braucht Zeit, um zu wachsen, es entfaltet sich langsam, wie ein Herbsttag, an dem die Sonne erst gegen Mittag richtig durchbricht. Aber wer sich auf diese Geduld einlässt, entdeckt ein Album voller Facetten, voller subtiler Melodien und mit einem feinen Gespür für Dramaturgie. Es ist nicht einfach die helle Schwester von Sensor, sondern ein Werk, das sich seine eigene Identität erarbeitet hat: reifer, vielseitiger, vielleicht weniger zwingend in den großen Momenten, aber dafür detailverliebt, atmosphärisch und auf seine Weise genauso wertvoll.
Für mich ist „Relocated“ die Bestätigung, dass Camouflage auch im neuen Jahrtausend nicht nur relevant, sondern auch künstlerisch spannend geblieben sind. Es ist ein Album, das man am besten im Ganzen hört, nicht als Sammlung von Singles. Und vielleicht ist genau das seine größte Stärke: ein Werk, das nicht laut glänzt, sondern still leuchtet – wie die Herbstallee auf dem Cover.
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