Camouflage - Relocated (2006) - Review

  • Vom schattigen Sensor in die wärmenden Herbststrahlen. Relocated, das ambitionierte Nachfolgewerk zum Comeback lässt sich trotz seiner positiveren Ausstrahlung auch die ureigene Melancholie nicht nehmen.

    Schon das Cover setzt die Stimmung:
    Die herbstliche Impression einer von warmen Sonnenstrahlen durchfluteter Allee, in der sich im Vordergrund zwei völlig unterschiedliche Menschen die Hand reichen, steht sinnbildlich für die Ausrichtung des siebten Studioalbums von Camouflage. Die Figur des Astronauten als Stellvertreter futuristischer Klangstrukturen, das schwebende Mädchen als positives Zeichen Vertrauens und Vitalität inmitten elektronisch warmer Schwingungen.
    Vorbei die Dunkelheit Sensors, die Schwermut des Vorgängers ist heller Zuversicht gewichen.

    Relocated.

    Nach dem Erfolg des düsteren Comebackalbums "Sensor" im Jahr 2003 mussten Camouflage für das Nachfolgeprojekt labeltechnisch umsiedeln.
    Aufgrund geänderter Firmenpolitik seitens Polydor-Island ging der Weg für Soundtüftler Heiko Maile und Kollegen nach Hannover zum dortigen Label SPV.
    Dort fand sich zwar eine neue Heimat für das geplante nächste Album, SPV investierte jedoch lediglich einen minimalen Aufwand in werbewirksame Aktionen. Auch war die Veröffentlichung abseits deutschsprachiger Länder auf Polen beschränkt. Sensor hatte aber Jahre zuvor einen außerordentlichen Erfolg in Russland vorzuweisen. Dies führte letztendlich zu geringeren Verkaufszahlen und einer für Fans und Band erneuten Dürreperiode. Der Übergang vom Schatten ins Licht lässt sich daher rein über die Musik definieren...

    ...und die beginnt ähnlich wie das Vorgängerwerk mit einer kurzen Einführung. "Memory" geht jedoch darüber hinaus und kündigt bereits behutsam das darauffolgende "We Are Lovers" in ruhigen, fragmentartigen Tönen an. Dieser Song präsentiert sich tanzbar und treibend mit elegantem Sounddesign und hauchenden Trompeten in der Hookline.Trotz gezielt technoider Einschübe ist das freundliche Erscheinungsbild der ideale Gegenentwurf zu Sensors durchaus schnellem, doch weitaus melancholischer wirkendem "Me And You". Die erste Single "Motif Sky" verfolgt ähnliche Strukturen, in denen Marcus Meyns charmante Stimmlage von federleichten Synthies begleitet wird, die eine gelöste Stimmung erzeugen.
    Die Vielfältigkeit des Albums zeigt sich nicht nur allein im lebendigen und kreativen Soundbild, sondern auch im gesanglichen Bereich. Während Oliver Kreyssig im hypnotischen "Real Thing" zu unterschwellig glitzernden Klängen durch verspielt vorgetragene Strophen eine fast schon andächtige Atmosphäre kreiert, gelingt Meyn in "Passing By" der Schritt aus diesem mentalen Palast heraus mit rauer Stimmfarbe und pulsierenden Synthesizern, die energiegeladen und prägnant zugleich zwar den Weg Richtung Depeche Mode'scher Pfade einschlagen, jene aber eigenständig per innovativer Ausfahrt verlassen...
    .. um im bluesig wippenden "Confusion" mit energisch-schroffen Drumeinsätzen völlig andere Facetten zu demonstrieren.Gegen Ende hin dominieren entspannte Ambientsounds und runden den Track ausgewogen ab.

    Das abwechlungsreiche Klangspektrum wird im anschließenden "The Perfect Key" kunstvoll zelebriert. Beginnend mit gediegenem Gitarreneinsatz, steigert sich der Aufbau über düster-sphärische Töne hin zu einem intensiv abschließenden Akt, in dem Meyn die Grenzen seiner Performance auslotet. "Stream" wiederum gleitet auf weichen Synthieflächen dem gleißenden Horizont entgegen. Sanft erfolgt die Überleitung zu "Dreaming", einem Gemeinschaftswerk von Kreyssig und Meyn. Der melancholisch angehauchte Refrain ist einprägsam und zieht seine Kraft aus der elektronisch einnehmenden Grundstimmung, auch die Strophen sind detailverliebt und druckvoll inszeniert.

    Das sanfte "The Pleasure Remains" hingegen ist temporeicher, der Übergang der warmen Instrumierungen ist fließend und lässt den Song vielseitig und angenehm weich klingen. Meyns routinierte Darbietung verschmilzt mit der akustischen Eleganz. Auf drückende Basseinsätze wird auch hier weitreichend verzichtet und sich mehr auf melidiöse Elemente fokussiert.

    Auf Kreyssigs leicht jazzigem"Bitter Taste" wird zunächst ein Gore-typisch zerbrechlich wirkendes Konstrukt aus leisem Sinnieren aufgebaut, ehe sich die instabilen Fragmente lösen und in "Something Wrong" neu formieren, das von seiner Robustheit und energischen Stimmung lebt. Sich nahe am Rock-Genre bewegend, hat Marcus Meyn hörbar Lust am kraftvollen Chorus, den treibend eingesetzten Gitarren und den sehr eingängigen finalen Gesangspassagen, die sich mehrfach wiederholend und melodisch ausgefeilt besonders einprägen.
    Vor dem Closer beruhigt "Light" mit funkelnder Stille die aufgeheizt flirrende Elektronik und schlägt so die Brücke zum psychedelischen"How Do You Feel", der Ausnahmeerscheinung auf Relocated.
    Auf über sieben langsamen Minuten, durch einen folkloristisch anmutenden Chor voll Inbrunst unterstützt, bewegt sich das Stück auf dem schmalen Grad zwischen Kunst und gescheitertem Experiment. Stetig leise Blinkeffekte im Hintergrund sorgen für die notwendige maschinelle Umgebung im Kontrast zur überemotional geführten Hook.

    Relocated geht zunächst weniger direkt ins Ohr als sein Vorgänger. Die Songs reifen mit der Spielzeit, die sonoren, detallierten Stücke zeugen gleichsam von gepflegter Routine als auch der ständigen Lust auf neue Wege der musikalischen Umsetzung. Das Album besitzt Ecken und Kanten, mit dem Sprung in hellere Dimensionen eine erfrischende Neuausrichtung und ist dem dunklen Sensor ebenbürtig auf seine besondere Art und Weise. Versetzung erfolgreich.

  • @DYs:Muss ich jetzt gerade mal nachschauen, ob ich die CD im Schrank hab. Bei Camouflage weiss ich's echt nicht mehr. Hab so Mitte der 90 er bis Anfang der 2000' er viel Wave/EBM/ Synthy Pop/ DARK Wave CDs gekauft und gesammelt. Die stehen heute alle noch im Schrank.

    Und bin natürlich jedes WE "schwarz" weg gegangen. So fast 20 Jahre lang. War ne tolle Zeit!

    The Jokes on you!

  • „Relocated“ ist für mich so etwas wie das goldene Herbstalbum von Camouflage. Nach der Dunkelheit, der Kühle und der schweren Melancholie von Sensor wirkt es wie ein Werk, das Sonnenstrahlen durchlässt, ohne dabei die Schatten gänzlich zu vertreiben. Schon das Cover deutet es an: diese von warmem Licht durchflutete Allee, die ausgestreckten Hände zweier Menschen, dazu die Symbolik von Astronaut und Mädchen – Technik und Zukunft auf der einen, Vertrauen und Lebendigkeit auf der anderen Seite. Es ist ein Album, das Balance sucht, und dabei trotz aller Aufhellung seine Grundmelancholie nie verliert.

    Man spürt schnell, dass die Band zu diesem Zeitpunkt vieles hinter sich gebracht hatte – und zugleich erneut mit widrigen Umständen zu kämpfen hatte. Das Label-SPV bot zwar eine neue Heimat, doch ohne große Promotion und nur mit eingeschränkter internationaler Veröffentlichung war Relocated von Beginn an ein Werk, das mehr durch sich selbst als durch äußere Unterstützung bestehen musste. Dass es dennoch als starkes, eigenständiges Album gilt, zeigt vor allem, wie sehr Camouflage in dieser Phase aus künstlerischer Überzeugung heraus gearbeitet haben.

    Musikalisch öffnet sich das Album sofort: „Memory“ und „We Are Lovers“ wirken wie ein sanfter Auftakt, freundlich, tanzbar, hell – die Leichtigkeit überrascht, gerade im Vergleich zum düsteren, intensiven Beginn von Sensor. „Motif Sky“, die erste Single, zeigt dann, wie mühelos Camouflage eingängige Eleganz mit atmosphärischem Tiefgang verbinden können: federleichte Synthesizer, ein befreiter Meyn, der sich hörbar wohlfühlt, und ein Sounddesign, das schwebt, statt zu drücken.

    Doch Relocated bleibt kein reines Lichtspiel. Es ist gerade die Vielfalt, die das Album interessant macht. „Real Thing“, gesungen von Oliver Kreyssig, wirkt fast wie ein Innehalten: ruhig, schimmernd, beinahe andächtig. Direkt danach zieht Meyn mit „Passing By“ die Energie wieder hoch – ein Stück, das zwar deutliche Parallelen zu Depeche Mode erkennen lässt, diese aber nicht kopiert, sondern mit eigenem Drive auflädt. „Confusion“ überrascht mit fast bluesiger Erdung und harten Drums, während „The Perfect Key“ eine dramaturgische Stärke entfaltet, die von zarten Gitarren über sphärische Dunkelheit bis hin zu einem kraftvollen Finale reicht.

    Diese Spannweite setzt sich fort: „Stream“ ist ein warmer Fluss von Synthesizerflächen, „Dreaming“ ein gemeinschaftliches Werk, das Melancholie mit Energie verbindet. „The Pleasure Remains“ glänzt durch Eleganz und Leichtigkeit, während „Bitter Taste“ und „Something Wrong“ zeigen, dass Camouflage auch experimentierfreudig und kraftvoll können – letzteres beinahe schon rockig, mit treibender Gitarre und einem Refrain, der hängen bleibt.

    Das Ende des Albums bleibt vielschichtig: „Light“ bringt Ruhe, Klarheit und eine fast sakrale Stille, ehe „How Do You Feel“ einen völlig anderen Weg einschlägt – ein siebenminütiges, psychedelisches Stück, das zwischen Kunstgriff und Grenzerfahrung schwankt. Chorale Elemente, blinkende Soundfragmente, eine gewisse Überladung – aber genau darin liegt sein Reiz. Es zeigt, dass Camouflage auch in ihrem Spätwerk den Mut zum Risiko hatten.

    Relocated ist weniger direkt als Sensor. Es braucht Zeit, um zu wachsen, es entfaltet sich langsam, wie ein Herbsttag, an dem die Sonne erst gegen Mittag richtig durchbricht. Aber wer sich auf diese Geduld einlässt, entdeckt ein Album voller Facetten, voller subtiler Melodien und mit einem feinen Gespür für Dramaturgie. Es ist nicht einfach die helle Schwester von Sensor, sondern ein Werk, das sich seine eigene Identität erarbeitet hat: reifer, vielseitiger, vielleicht weniger zwingend in den großen Momenten, aber dafür detailverliebt, atmosphärisch und auf seine Weise genauso wertvoll.

    Für mich ist „Relocated“ die Bestätigung, dass Camouflage auch im neuen Jahrtausend nicht nur relevant, sondern auch künstlerisch spannend geblieben sind. Es ist ein Album, das man am besten im Ganzen hört, nicht als Sammlung von Singles. Und vielleicht ist genau das seine größte Stärke: ein Werk, das nicht laut glänzt, sondern still leuchtet – wie die Herbstallee auf dem Cover.

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