Depeche Mode - Playing The Angel (2005) - Review

  • und hier der klanglich gegenpolige Nachfolger zu Exciter


    "Pain and suffering in various tempos"

    Nach den digitalen Klangwelten von "Exciter", die eine klinisch reine Brillianz ausstrahlten, änderten Depeche Mode die musikalische Grundformel 4 Jahre später erneut grundlegend mit einer Rückkehr in eigene Abgründe. Die schwebend leichten Wogen des Vorgängers wurden eingetauscht gegen prägnante Gitarreneinsätze, Übersteuerungen und analoge Tonstrukturen. Die persönlichen Texte, an denen Dave Gahan zum ersten Male selbst mitgearbeitet hatte, sind durchzogen von fortlaufendem Pessimismus und geben einen tiefschürfenden Einblick in die heroininfizierte Hölle aus welcher der Protagonist entkommen konnte, ohne sich von seiner Nemesis je vollständig lösen zu können.

    Ein unterschwelliger Schmerz ist steter Wegbegleiter des zerbrechlich wirkenden Albums. Die Songs verströmen melodische Dynamik ("Suffer Well"), führen über schleppend-pulsierende Synthesizerwälle ("The Sinner in Me") hin zu instabilen Fragmenten elektronischen Kleinods ("Damaged People"). Die Themenfelder sind Isolation und zwischenmenschliche Komplikationen, besonders fühlbar im mit gläsernen Klängen versehenen "Precious" und dem dunklen "I Want It All", dessen stoischer Takt den Song gen Ende hin in einen hypnotischen Tiefenrausch befördert.

    Hoffnung keimt zumindest in textlicher Form im schwermütig inszenierten "Nothing's Impossible", dessen nichtlineare Verzerrung eine bemerkenswerte Sogwirkung entfacht und im lebhaften "Lillian" auf. Zwischendurch schwebt das instrumentale "Introspectre" schwer über den Gewässern der Pain wie eine Drohung und trägt so zur sinnierenden Atmosphäre bei, die sich im Closer "The Darkest Star" dank Überlänge genüßlich ausbreiten kann. Gahans stimmliche Leistungen sind konstant auf hohem, eindringlichen Niveau und spiegeln die jeweilige Gemütslage der Stücke unvergleichlich wieder, auch Martin Gore hält den Pathos im Zaum.

    "PTA" ist ein aufwühlendes Stück edler Musik, das einen Trip durch die diffusen Gefühlswelten der Akteure zu exzellent produzierter Untermalung ermöglicht und trotz seines jüngeren Alters einen festen Platz in der ruhmreichen Diskografie innehat.

  • Eine sehr treffende Beschreibung von Playing the Angel – man spürt sofort, wie sehr sich Depeche Mode hier bewusst von Exciter absetzen wollten. Wo das Vorgängeralbum kühl, digital und fast gläsern wirkte, dringt PTA förmlich nach innen, roh und verletzlich. Gerade diese Mischung aus analogen Verzerrungen, dunklen Texturen und persönlichen Abgründen macht es so besonders in ihrer Diskografie.

    „Precious“ ist für mich ein Paradebeispiel dafür: verletzlich, intim, und gleichzeitig getragen von einem Sound, der nie ins Weiche abdriftet, sondern klar und fast schneidend bleibt. Auch Stücke wie „Suffer Well“ oder „The Sinner in Me“ tragen diesen inneren Zwiespalt perfekt nach außen – zwischen Aufbruch und Gefangenschaft, zwischen Hoffnung und Schmerz. Dass Dave Gahan hier erstmals als Songwriter mitwirkt, spürt man deutlich; seine Texte wirken roh, ehrlich, manchmal schonungslos.

    Für mich ist Playing the Angel ein Album, das keine leichte Kost darstellt, sondern bewusst fordert. Aber genau das macht es so stark: Es zieht einen hinein in ein Labyrinth aus Verletzlichkeit, Isolation und verzerrter Sehnsucht – und bleibt dadurch lange nach dem Hören im Kopf. Ein Werk, das vielleicht weniger „zeitgeistig“ klingt als manches andere, dafür aber eine emotionale Wucht entfaltet, die bis heute beeindruckt.

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