Um auch mal etwas Abwechslung zu bringen und mein Interesse für Synthpop zu würdigen, hin und wieder eine DM-Review
Wir schreiben das Jahr 2000. Die zunehmend auf Hochglanz polierte, pünktlich zum hippen Jahrtausendwechsel konsequent modernisierte Welt der Medien und Unterhaltungsindustrie befindet sich im Dauerzustand des technologischen Wettrüstens.
DVD, Playstation 2, Gigahertz-Prozessoren oder breit verfügbares DSL um nur wenige Schlagworte zu nennen gaben den Ton der schnelllebigen Zeitepoche an. Zur selben Zeit arbeiteten Depeche Mode mit Hochdruck am für 2001 angekündigten Album "Exciter". Nachdem Bandchef Martin Gore Ende der 1990er Jahre nach etlichen Tourneen in eine musikalische Sinnkrise verfallen war und mit der Hilfe von Freunden seine Motivation wiedererlangt hatte, sollte das neue Album anders werden. Kein düsterer, mit rockigen Elementen gespickter Sound, sondern frischer, sanfter. Futuristischer.
Mit dem mittlerweile verstorbenen Mark Bell, seines Zeichens Gründungsmitglied des revolutionär-abstrakten Elektronikprojekts LFO wurde ein Visionär an Land gezogen, der dem zehnten Studioalbum den nötigen vielschichten Anstrich verleihen sollte.
Das Experiment kann als gelungen bezeichnet werden. Nie zuvor und auch nie wieder danach klang ein Album der Synthie-Pop-Gruppe so leicht und doch komplex zugleich.
Schon der Opener "Dream On", der trotz Mainstreamtauglichkeit musikalisch sperrig genug umgesetzt den Fluss des Folgenden in keinster Weise stört, setzt auf kühl arrangierte elektronische Brillianz mit verpielten Tempowechseln, die auf "Shine" ihren Höhepunkt in schwebenden Synthieflächen finden, die gegen Ende des Tracks in einem druckvollem Feuerwerk münden.
Das Thema Liebe zieht sich recht geradlinig durch das Album und findet sich in unterschiedlichster Ausprägung, so beim einschmeichelnden Instrumental "Lovetheme", dem treibenden Tanzstampfer "I Feel Loved" oder dem lockerleicht inszenierten, mit SCi-Fi-Effekten angereicherten "Freelove", das einen im wahrsten Sinne des Wortes frei fühlen lässt und entschleunigend wirkt. Dave Gahan präsentiert sich dabei stets routiniert und stimmlich auf der Höhe.
Das vordergründig liebliche, unterschwellig jedoch pulsierend brummende "When the Body Speaks" und das bluesig wiegende "The Sweetest Condition" tragen einen weiteren großen Anteil an der besonderen Stimmung, die aber auch jederzeit ins Gegenteil abdriften kann. So geschehen beim eindruckvollen "The Dead of Night", das sich zwar recht einfachen Textes bedient, doch in der soundtechnischen Ausführung eines wütenden, röhrenden Elektro-Monstrums keine Wünsche offenlässt und als idealer Gegenpol zur allgemeinen Entspanntheit fungiert.
Martin Gore darf auch wieder einiges zum Besten geben und tritt in der leichten Schwächephase des Albums gewohnt pathetisch und voll Inbrunst auf ("Breathe"), der anschließende, zahnlose "Easy Tiger" als Instrumental vervollständigt den Eindruck.
Das ist jedoch vollkommen unerheblich, da er mit "Comatose" wieder einen dieser magischen Momente schafft, das in seiner hypnotischen Sogwirkung zu einem der besten Songs des Albums wird. Bells spacy Produktion scheint ihrer Zeit vorraus und zeigt sich zudem sehr detailverliebt.
Den Abschluss machen das sich langsam aufbauende, mit düsteren Beats ausstaffierte "I Am You" und das erhabende "Goodnight Lovers", das es als eines der wenigen Stücke des Albums auf spätere Liveauftritte geschafft hat. Das Album wirkt, anders als die anderen Werke der reichhaltigen Discografie wohl aufgrund seiner geschliffenen Darstellung passender in digitalen Anlagen.
Der damaligen Zeit eben entsprechend.
2000 war ein besonderes Jahr für Depeche Mode und das unterkühlt Technioide dieser Epoche wird akustisch fühlbar.