Der römische Traum: Eine Anno-Story - 5. Der Ruf der Wildnis
In der fünften Episode der epischen Hörspielreihe verschlägt es Sim in eine Welt, die ebenso fremd wie bedrohlich wirkt: unter den Kelten, inmitten wilder Natur, fernab der römischen Ordnung. Doch statt Sicherheit erwarten ihn Misstrauen, Hunger und Demütigung. Der Fremde muss sich behaupten, um nicht gänzlich verloren zu gehen. Inmitten dieser prekären Lage tritt die Blutpriesterin Fiona auf den Plan – eine geheimnisvolle Gestalt, die ein uraltes Ritual vollzieht, dessen Ausgang über Sims Schicksal entscheiden könnte. Zwischen heiligen Zeichen, Götterglauben und dem Dröhnen der Wildnis entfaltet sich ein Szenario, in dem sich Sim beweisen muss: Ist er würdig, die Gunst der Götter zu erlangen und eine Allianz mit dem keltischen Stamm zu schmieden?
Nach den vorausgegangenen Folgen, die stark von römischer Kultur, Machtspielen und Intrigen geprägt waren, führt Der Ruf der Wildnis das Publikum in einen radikal anderen Kosmos. Es ist ein erzählerischer Bruch, der die Kontraste dieser Serie unterstreicht: hier die geordnete Welt Roms mit all ihrer Strenge, dort die archaische Kraft des Naturvolkes, das nach eigenen Regeln lebt. Diese Episode schafft es, das Bild der Kelten nicht nur als wilde Gegenspieler zu zeichnen, sondern sie zugleich in einer mystischen, fast spirituellen Dimension erscheinen zu lassen. Die Story gewinnt an Tiefe, indem sie das Fremde nicht verurteilt, sondern in seiner Eigenständigkeit erlebbar macht.
Die Dramaturgie setzt auf eine spürbare Verdichtung: von der bedrückenden Ankunft Sims über das langsame Kennenlernen der keltischen Rituale bis hin zum bedrohlich-magischen Kulminationspunkt des Blutrituals. Dabei gelingt es, ein Spannungsfeld zwischen realer Gefahr und übernatürlicher Aura aufzubauen. Fiona, die Blutpriesterin, fungiert als Mittlerin zwischen der sichtbaren und unsichtbaren Welt – und verleiht der Episode eine fast mythische Strahlkraft. Der „Ruf der Wildnis“ wird hier nicht nur im wörtlichen Sinn verstanden, sondern auch als innere Prüfung, die Sim zwingt, seine Identität und seinen Mut neu zu verorten.
Jannik Schümann verleiht Sim eine kraftvolle Mischung aus Verletzlichkeit und innerem Widerstand. Man spürt die Zerrissenheit seiner Figur – verunsichert, aber niemals gebrochen. Bjarne Meisel als Lir und Timo Weisschnur als Lugh bringen zwei unterschiedliche Facetten keltischer Weltanschauung zum Ausdruck: der eine neugierig-offen, der andere misstrauisch und hart. Cynthia Micas als Fiona beeindruckt mit einer Stimme, die zwischen strenger Autorität und geheimnisvoller Sanftheit changiert – sie wird so zur zentralen Figur der Episode. Nadine Nollau als Salvatra erweitert das Ensemble um eine ruhige, aber kraftvolle Präsenz. Zusammen entsteht ein vielschichtiges Klangbild, das jeder Figur Tiefe und Gewicht gibt.
Die technische Umsetzung ist erneut auf höchstem Niveau. Dynamedion zeichnet für den atmosphärisch dichten Soundtrack verantwortlich, der vom SWR Symphonieorchester eingespielt wird und die Episode fast schon wie eine filmische Produktion wirken lässt. Das Grollen von Trommeln, die archaischen Klangfarben und die subtilen Hintergrundgeräusche – Wind in den Bäumen, dumpfes Rascheln, das ferne Rufen von Tieren – erzeugen eine akustische Wildnis, die den Hörer unmittelbar hineinzieht. Die Postproduktion von Roman Ruthardt und Michael Viol sorgt dafür, dass jeder Ton, jede Nuance den dramaturgischen Bogen stützt.
Das Episodenbild ist ein kleines Kunstwerk für sich: Ein bearbeitetes Steinrelief zeigt einen Bären, der aus einer Höhle blickt, daneben ein stilisierter Baum mit Blättern und eine Burg. Dieses Bild verknüpft Natur, Macht und Symbolik – es ist ebenso urwüchsig wie geheimnisvoll. Der Bär als Sinnbild für Stärke und Gefahr, der Baum für Leben und Beständigkeit, die Burg für menschliche Ordnung: Alles ist da, was die Episode auch erzählerisch verhandelt.
Der Ruf der Wildnis ist eine Schlüssel-Episode innerhalb der Serie, weil sie den Rahmen weit aufstößt und Sim aus seiner vertrauten Welt herausreißt. Der Kampf um Anerkennung, das Spiel mit Ritualen und Götterbildern sowie die Begegnung mit Fiona geben der Geschichte eine archaische, fast mythologische Wucht. Dank herausragender Sprecher, einer dichten Inszenierung und der majestätischen Musik ist diese Folge ein atmosphärisches Highlight, das die Saga nicht nur vorantreibt, sondern zugleich neue Ebenen eröffnet.