In die Irre geführt / Der Verdacht

  • In die Irre geführt / Der Verdacht

    Zwei klassische Kriminalfälle aus der Feder von Dorothy L. Sayers, einer der bedeutendsten Stimmen des sogenannten „Golden Age of Detective Fiction“, lassen das nostalgisch geschulte Ohr aufhorchen und das kriminalistische Denken wach werden. In In die Irre geführt wird ein Wucherer ermordet aufgefunden. Die Verdächtigen sind zahlreich, denn viele hatten ein Motiv – doch auffällig viele haben ein vermeintlich einwandfreies Alibi. Und der Einzige, der kein Alibi vorweisen kann, scheint ausgerechnet derjenige zu sein, der am wenigsten Grund zur Tat gehabt hätte. Sergeant Parker, der ermittelnde Beamte, muss Schicht um Schicht abtragen, bis sich unter dem Dickicht aus Lügen, Halbwahrheiten und bewusster Irreführung eine ganz andere Wahrheit zeigt als die vordergründige. In Der Verdacht geht es leiser, aber nicht minder perfide zu. Ein Londoner Makler leidet unter unerklärlichen Magenschmerzen – wiederkehrend, schleichend, verstörend. In seinem Umfeld scheint niemand eine Erklärung zu haben. Doch der Verdacht wächst: Könnte seine Hausangestellte, eine scheinbar harmlose Köchin, in Wahrheit eine Mörderin sein? Die Geschichte steigert sich mit jeder Minute, zieht das Netz enger, bis sich die Wahrheit in beklemmender Deutlichkeit offenbart.

    Die Hörspielbearbeitungen dieser beiden Kurzkrimis aus den späten 1970er-Jahren sind ein akustischer Ausflug in die Erzählkultur des DDR-Rundfunks, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, literarische Kriminalgeschichten nicht nur zu erzählen, sondern zu inszenieren – mit einer Präzision, die über reinen Spannungsaufbau hinausging. Sayers, berühmt geworden durch ihre Figur Lord Peter Wimsey, beweist auch in diesen kürzeren Stoffen ihre Meisterschaft im Verwirrspiel. Ihre Geschichten sind keine reinen Whodunits – sie sind psychologische Sezierungsszenarien. Es geht ihr nicht nur darum, wer der Täter war, sondern warum jemand zur Tat schreitet – und wie tief Abgründe unter bürgerlichen Fassaden verborgen liegen.

    Die Dramaturgie beider Hörspiele folgt klassischen Krimipfaden, überrascht aber mit intelligent gesetzten Wendepunkten. In In die Irre geführt entwickelt sich die Ermittlung Schritt für Schritt, sorgfältig und mit angenehm altmodischer Ruhe. Der Zuschauer wird zum Mitdenker, darf falschen Fährten folgen, wird bewusst in die Irre geleitet – ganz im Sinne des Titels. Der Verdacht hingegen arbeitet subtiler, fast schon in der Tonart eines leisen Psychothrillers. Die Spannung entsteht nicht aus Verhören oder Tatortarbeit, sondern aus dem psychologischen Spiel zwischen Argwohn, Verdrängung und Angst. Die drohende Erkenntnis ist hier die eigentliche Bedrohung – und das macht die Geschichte eindringlich. Die Dialogführung beider Stücke ist präzise, pointiert und von der Reduktion auf das Wesentliche geprägt. Besonders hervorzuheben ist die exakte Balance zwischen Atmosphäre und Klarheit, mit der die Inszenierung arbeitet.

    Die Besetzung liest sich wie ein kleines Who's who des DDR-Rundfunks: Barbara Dittus und Hannjo Hasse überzeugen als Ethel und George Mummery in Der Verdacht durch ihr nuanciertes Spiel zwischen misstrauischem Ehealltag und wachsender innerer Distanz. Dittus trifft dabei den Ton zwischen Hausfrau und heimlicher Bedrohung meisterhaft – sie ist warm, freundlich, fürsorglich – und genau deshalb so beunruhigend.

    In In die Irre geführt liefert Wolfgang Jakob als Sergeant eine kantige, aber sympathische Figur. Er ist kein Superdetektiv, sondern ein Mann mit gesundem Menschenverstand und einer wohltuenden Unaufgeregtheit, die das Ermittlerbild angenehm erdet. Ruth Friemel, Wolf Goette und Siegfried Voß geben den übrigen Verdächtigen glaubwürdige Facetten zwischen Aufrichtigkeit, Unsicherheit und kalter Berechnung. Auch Helga Göring, Werner Dissel, Marion van de Kamp und Fred Alexander ergänzen das Ensemble mit ihrer jeweils markanten Präsenz. Jeder spricht mit jener Selbstverständlichkeit, die den Hörer vergessen lässt, dass er es mit einer Inszenierung zu tun hat.

    Die technische Realisierung durch Erika Schüttauf und Wolfgang Masthoff orientiert sich an der klaren, unprätentiösen Machart klassischer Radioproduktionen: keine aufwändigen Effekte, sondern fein gesetzte Geräuschkulissen, die allein durch Detailliebe Atmosphäre erzeugen. Ob das Rascheln einer Zeitung, das Tropfen einer Flasche oder das leise Geklapper in der Küche – alles wirkt natürlich, nie überzogen. Die Musik wird nur sehr sparsam eingesetzt und verstärkt gezielt die dramatischen Momente, ohne sie zu überfrachten.

    Das Coverdesign der PIDAX-Reihe bleibt dem charakteristischen Stil des Labels treu: sachlich, klar und mit nostalgischer Anmutung. Die verwendeten Bildmotive – eine Banknote mit dem Porträt der Queen und ein schräg liegender Flakon – deuten beide Fälle dezent an: das Geld als zentrales Motiv im Mordfall des Wucherers und das Giftfläschchen als Symbol für das häusliche Grauen. Die Verwendung von Grüntönen unterstreicht die unheilvolle Atmosphäre. Der Verweis auf Dorothy L. Sayers und ihren berühmten Ermittler Lord Peter Wimsey ist hilfreich, ohne vom Inhalt abzulenken.

    In die Irre geführt und Der Verdacht sind zwei klug konstruierte Kriminalhörspiele, die nicht durch Lautstärke, sondern durch psychologische Finesse und elegante Sprachführung glänzen. Sie führen zurück in eine Zeit, in der Spannung nicht durch Schockeffekte erzeugt wurde, sondern durch kluges Erzählen. Diese PIDAX-Veröffentlichung ist damit nicht nur ein Stück Hörspielgeschichte, sondern auch ein wunderbares Beispiel für literarisch ambitionierte Krimikost. Wer Sayers liebt, wird sich hier zu Hause fühlen. Und wer sie noch nicht kennt, erhält mit diesen beiden Perlen einen idealen Einstieg.

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