Groschengrusel - 2. Fear Town

  • Groschengrusel - 2. Fear Town

    Andre Höfner, ein talentierter, aber vom Erfolg gebeutelter Comiczeichner, lebt in einer Welt, in der die Träume größer sind als die Realität es zulässt. Als er in einem abgelegenen Antiquariat ein „magisches Papier“ erhält, scheint sich das Blatt zu wenden – buchstäblich. Denn mit jedem Strich, den er auf das Pergament setzt, scheint die düstere Stadt Fear Town, die er gezeichnet hat, mehr und mehr zum Leben zu erwachen. Ehe er sich versieht, wird Andre selbst Teil seiner eigenen Geschichte: Einer alptraumhaften Stadt voller Monster, Gangster, mysteriöser Wesen und der ebenso rätselhaften wie gefährlichen Heldin Violetta.

    Mit Fear Town wagt sich die neue Holysoft-Reihe Groschengrusel an ein Genre-Hybrid, der irgendwo zwischen In the Mouth of Madness, Last Action Hero und dem Gedankenuniversum von Neil Gaiman oszilliert. Es geht nicht nur um Horror, sondern auch um die Frage, wie mächtig Vorstellungskraft sein kann – und was geschieht, wenn sie sich verselbstständigt. Markus Duschek, ein Autor mit Gespür für meta-fiktionale Stoffe, verwebt geschickt Comicästhetik, urbane Finsternis und Albtraumlogik zu einer Geschichte, die sich mit jedem Kapitel surrealer anfühlt. Dass der Protagonist seine eigene Kreation betritt, eröffnet eine Vielzahl erzählerischer Ebenen, die sowohl auf einer symbolischen als auch auf einer emotionalen Ebene funktionieren.

    Inszenatorisch spielt Fear Town gekonnt mit Perspektivenwechseln und einem fast filmischen Rhythmus. Der Einstieg in Andres Alltagswelt ist nüchtern, beinahe melancholisch – was der Geschichte Tiefe verleiht. Als er nach und nach in seine eigene Comic-Welt hineingezogen wird, beginnt das Hörspiel regelrecht zu pulsieren: Atmosphäre, Dynamik und Geräuschkulisse nehmen zu, die Realität beginnt sich aufzulösen.
    Ein kluger Kniff ist die mehrdimensionale Figur Violetta – mal wirkt sie wie eine femme fatale, mal wie eine Actionheldin, dann wieder wie ein gefährliches Rätsel. So wird auch der Hörer in ständiger Unsicherheit gehalten, wem man hier eigentlich trauen kann..Die Handlung bleibt trotz surrealer Einschübe klar strukturiert. Das Hörspiel erzeugt Spannung nicht durch Splatter oder Schockmomente, sondern durch die düstere Ungewissheit und die zunehmend verzerrte Wahrnehmung des Protagonisten.

    Tim Schwarzmaier verleiht Andre Höfner eine sympathische Nahbarkeit. Sein Spiel changiert glaubhaft zwischen Enttäuschung, Kreativrausch und existenzieller Angst. Besonders stark ist er in den Momenten der Verlorenheit, wenn Andre erkennt, dass sich seine eigene Geschichte gegen ihn wendet. Vanessa Diana Wirth brilliert als Violetta Valentine – ihre Stimme hat eine laszive Schärfe, bleibt aber stets mehrdeutig: Ist Violetta Schutzengel oder Verdammnis? Wirth gelingt es, diese Ambivalenz gekonnt zu halten..In den Nebenrollen sorgen u.a. Thomas Fitschen als geheimnisvoller Grimaldi und Gunnar Bergmann als finster-glänzender Mr. Skull für akustische Präsenz. Peter Sura, Vanessa Frankenbach und Marion Musiol ergänzen das Ensemble stimmig – jede Figur klingt unverwechselbar und prägt die düstere Szenerie glaubhaft aus.

    Sebastian I. Hartmanns Sounddesign ist die heimliche Hauptfigur dieser Episode. Schon in den ersten Minuten wird mit feinen Stadtgeräuschen, flatternden Papierseiten und surrealen Raumklängen eine eigene Atmosphäre erschaffen, die zunehmend bedrohlicher wird. Wenn Andre in Fear Town eintritt, wird die Akustik kantiger, dichter und fast schon komikartig überzeichnet – Explosionen, Kampfgeräusche, Schüsse und Monsterkreischen erzeugen eine audiophile Wucht, die den Hörer mitten in eine Graphic Novel wirft. Der Score changiert zwischen düsteren Ambientflächen, Industrial-Tupfern und elektronischen Fragmenten – dabei stets hochwertig abgemischt und dramaturgisch klug eingesetzt. Der Dialogton bleibt auch in den effektreichen Szenen sauber verständlich.

    Das Cover ist ein echter Blickfang: Ein junger Mann, vertieft in seine Zeichnung – umgeben von einer giftgrünen Armee grinsender, verrotteter Zombies mit glühenden Augen. Die Farbpalette ist grell, fast toxisch – eine Mischung aus Comicstil und Neon-Horror..Die Komposition greift das Thema der Story perfekt auf: Der Zeichner, der seiner eigenen Schöpfung ausgeliefert ist. Gleichzeitig schwingt eine nostalgische Reminiszenz an Horrorcomics der 70er- und 80er-Jahre mit. Ein visuelles Versprechen, das die Geschichte einlöst.

    Fear Town ist eine fesselnde, ungewöhnliche Mischung aus Horror, Metafiktion und moderner Popkultur. Wer Freude an Geschichten über die Macht der Fantasie und den Albtraum kreativer Kontrollverluste hat, wird diese Folge lieben.
    Die Kombination aus surrealem Setting, cleverem Storytelling, starkem Cast und wuchtigem Sounddesign macht dieses Hörspiel zu einem atmosphärischen Trip, der lange nachhallt.
    Ein Highlight der neuen Groschengrusel-Reihe – düster, packend und stilvoll umgesetzt.

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