„Dept. Q“ - Außenseiter auf kalter Spur
Ein persönlicher Einblick in die erste Staffel der Netflix-Serie
Zugegeben, ich war skeptisch. Die dänischen Romane von Jussi Adler-Olsen rund um Carl Mørck und sein Sonderdezernat Q gehören für mich zum Spannendsten, was skandinavische Krimikost zu bieten hat. Trocken, düster, verschroben – und mit Figuren, die einem mit jeder Seite näher rücken. Als dann angekündigt wurde, man wolle das Ganze für den britischen Markt neu aufrollen, angesiedelt in Edinburgh, mit veränderten Hintergründen und einem ganz anderen Ton, war meine erste Reaktion: Warum muss man so etwas dermaßen umbauen? Heute, nach neun Episoden, sage ich: Weil es funktioniert hat.
Ein anderer Mørck, eine andere Kälte
Was Dept. Q in seiner britischen Inkarnation erzählt, ist nicht die Geschichte aus Erbarmen. Jedenfalls nicht in der Form, wie sie Fans der Bücher erwarten würden. Stattdessen bekommt man eine düster-atmosphärische Neuinterpretation, die den Kern beibehält – das Aufarbeiten ungelöster Verbrechen durch eine schroffe Ermittlerfigur mit schwerem emotionalem Gepäck – aber drumherum alles neu zusammensetzt.
Matthew Goode spielt Carl Mørck als verletztes Raubtier: stachelig, innerlich zerrissen, jederzeit kurz vorm Explodieren. Der Startpunkt ist drastisch: eine Schießerei, nach der sein Partner James Hardy (Jamie Sives, eindrucksvoll ruhig und verletzt) im Rollstuhl sitzt und Mørck selbst in eine seelische Krise taumelt. Die Lösung? Eine neu geschaffene Cold-Case-Einheit, irgendwo im Keller eines Behördenkomplexes, fernab vom restlichen Polizeialltag.
Schon hier wird klar: Das ist kein klassischer Polizeikrimi. Dept. Q erzählt von Menschen, die selbst auf einer Art Müllhalde der Polizei gelandet sind – von innerlich gebrochenen Figuren, die sich mühsam wieder zusammenfügen. Es geht um Trauma, Schuld, Heilung. Und darum, in all dem Chaos dennoch Antworten zu finden.
Die Ermittlung als Katharsis
Die Serie lebt von ihrer Atmosphäre. Edinburgh wird in tristen Grautönen eingefangen, mit kaltem Licht, engen Gassen und verlassenen Orten, die fast schon symbolisch für den Zustand der Ermittler stehen. Hier kommt Carlos Rafael Riveras Musik ins Spiel: unaufdringlich, aber mit melancholischen Untertönen, die genau den richtigen Ton zwischen Spannung und Verlorenheit treffen.
Und dann ist da Akram Salim, gespielt von Alexej Manvelov – ein syrischer Ex-Polizist, der sich quasi in die Einheit hineinschleicht. Was zunächst wie ein dramaturgischer Kniff wirkt, wird schnell zum emotionalen Herzstück der Serie. Zwischen ihm und Mørck entwickelt sich keine klassische Buddy-Dynamik, sondern eine leise, vorsichtige Partnerschaft, die von gegenseitigem Respekt und tiefer Verletzlichkeit geprägt ist.
Jede Episode nimmt sich einen anderen Fall vor – lose miteinander verbunden durch wiederkehrende Figuren und eine unterschwellige große Rahmenhandlung. Die eigentlichen Cold Cases sind mal klassisch, mal verstörend, mal tragisch – aber immer mit einer emotionalen Komponente, die weit über das „Whodunit“ hinausgeht.
Große Namen, große Leistungen
Die Besetzung ist schlicht beeindruckend. Chloe Pirrie als aufstrebende Staatsanwältin Merritt Lingard bringt eine bedrohliche Mischung aus Ehrgeiz und Verletzlichkeit auf den Bildschirm – besonders in Rückblenden, in denen sie als Jugendliche von Bobby Rainsbury gespielt wird. Kelly Macdonald überzeugt als Polizeitherapeutin Rachel Irving, deren Sitzungen mit Mørck zum stillen Highlight der Serie werden. Und Shirley Henderson als Claire Marsh ist in ihrer Unberechenbarkeit schlicht fesselnd.
Was Dept. Q besonders gut gelingt, ist die Balance zwischen den persönlichen Geschichten und dem Krimiplot. Es gibt keine reinen Nebenfiguren – selbst eine Figur wie der querschnittsgelähmte Hardy bleibt aktiv beteiligt, gibt Mørck Hinweise, analysiert Akten, leidet, lacht, lebt.
Wenn man die Bücher loslässt…
Wird man enttäuscht sein, wenn man eine werkgetreue Umsetzung der Carl-Mørck-Romane erwartet? Ja, vermutlich. Die Handlung wurde stark verändert, viele Figuren tragen nur noch dieselben Namen, ihre Biografien sind neu gedacht, der Schauplatz ein völlig anderer. Aber gerade das ist der Punkt: Wenn man sich darauf einlässt, Dept. Q nicht als Adaption, sondern als freie Interpretation zu sehen – als Serie, die sich von den Romanen inspirieren lässt, um dann ganz eigene Wege zu gehen –, dann offenbart sich ein fesselndes Drama mit Tiefgang.
Die Kritiken geben mir Recht: 86 % auf Rotten Tomatoes, „generell positiv“ bei Metacritic, und auch ich kann sagen – nach der ersten Staffel bin ich mehr als neugierig auf die zweite. Das hier ist keine typische Krimiserie, sondern eine mit Ecken, Kanten und einem langen Nachklang.
Zwischen Dunkelheit und Erlösung
Dept. Q ist kein Serienfutter für nebenbei. Es ist eine langsame, stille, oft bedrückende, manchmal wunderschöne Reise in die Welt der ungelösten Fälle – aber vor allem in die zerbrochenen Seelen der Menschen, die sie lösen wollen. Wer sich darauf einlässt, bekommt kein Dänemark, keine Eins-zu-eins-Übertragung, aber dafür etwas Eigenständiges, etwas Rohes, etwas, das bleibt. Ich jedenfalls bin froh, meine anfängliche Skepsis überwunden zu haben.