Es gibt diese Abende, an denen ein leiser Wind gegen die Scheibe weht, das Licht gedimmt ist und man sich ein Hörspiel gönnt. Die Frage ist nur: welches Genre? Während Krimi- und Gruselhörspiele seit Jahren Hochkonjunktur haben und nicht nur die Regale, sondern auch die Streaming-Charts dominieren, tun sich andere Genres deutlich schwerer. Besonders Science-Fiction scheint im Hörspielbereich immer wieder zu scheitern – mit wenigen, leuchtenden Ausnahmen. Woran liegt das? Und wann ist überhaupt die richtige Zeit für ein Genre?
Krimi und Grusel: Dauerbrenner mit Atmosphäre
Kaum ein Genre funktioniert in Audioform so konstant gut wie der Krimi. Ob Die drei ???, Sherlock Holmes oder Paul Temple – sie alle zeigen: Der Reiz des Rätsels, die Spannung der Ermittlungen und das konzentrierte Lauschen auf Details machen Krimis zum idealen Begleiter für die Ohren. Ähnlich erfolgreich ist der Gruselbereich. Serien wie Gruselkabinett von Titania Medien oder Dreamland Grusel liefern zuverlässig das, was das Publikum sucht: wohlige Schauer, dichte Atmosphäre, stilvolle Vertonung. Diese beiden Genres passen perfekt zu den Hörgewohnheiten vieler Menschen – sie lassen sich am Abend hören, zum Einschlafen oder während des Haushalts. Und: Sie kommen dem Theater näher als andere Genres, leben von Stimmen, Geräuschen und starker Sprache. Das kommt im Hörspiel besonders zur Geltung.
Science Fiction: Glänzende Idee, kurzes Feuer
Ganz anders sieht es im Bereich der Science Fiction aus. Die Liste der ambitionierten, aber letztlich gescheiterten Serien ist lang – und doch nicht uninteressant. Raumstation Alpha-Base schaffte nur 10 Folgen, Das Sternentor von Maritim brachte es auf 9, Planet Eden immerhin auf 16. Commander Perkins, ein Klassiker von Europa aus den 80ern, versandete nach 9 Teilen. Selbst die berühmte Marke Perry Rhodan konnte sich in der Hörspiellandschaft nicht dauerhaft durchsetzen: Die Europa-Reihe stoppte nach 12 Folgen, die Version von Zaubermond endete bei Folge 10. Die Ausnahme bleibt Lübbe Audio mit 42 Folgen – ein Achtungserfolg, aber eben ein seltener.
Etwas stabiler war Mark Brandis bei Folgenreich: 23 Hörspiele auf 32 CDs zeugen von einer treuen Fanbasis und hohem Produktionswert. Doch auch hier: Nach 12 zusätzlichen Folgen der Prequel-Reihe Raumkadett war Schluss.
Im Bereich der Jugendhörspiele verdient die klassische Serie Jan Tenner vom Label Kiosk besondere Erwähnung: Mit 46 Folgen zwischen 1980 und 1989 zählt sie zu den langlebigsten Sci-Fi-Produktionen ihrer Art. Sie verband Abenteuer, Zukunftsvisionen und leicht verständliche Konflikte zu einem erfolgreichen Format. Doch auch dieses erlosch – bis zu seiner Neuauflage. Die aktuelle Reihe Jan Tenner – Der neue Superheld knüpft stilistisch an den Kult von damals an und kommt derzeit auf 34 Folgen – ein respektabler Wert, aber weit weg von den langlebigen Erfolgen im Grusel- oder Krimibereich.
Warum funktioniert Sci-Fi so schwer im Hörspiel?
Science Fiction lebt von Bildern. Von fernen Galaxien, Raumschlachten, technischen Visionen, fremden Planeten – all das verlangt nach visueller Umsetzung. Im Hörspiel muss das alles durch Sprache, Geräusche und Musik erzeugt werden. Das kann gelingen, ist aber aufwendig, teuer und im besten Fall trotzdem schwer vermittelbar. Vor allem braucht Science Fiction in der Regel viel Erklärzeit – der Aufbau fremder Welten verlangt nach Exposition, nach erklärenden Dialogen. Das ist eine Hürde. Und: Viele Hörer*innen suchen beim Hörspiel eher das Vertraute, das Erdige. Grusel spielt oft in alten Häusern, Krimi in englischen Landhäusern oder dunklen Straßen. Science Fiction ist Zukunft – und damit weniger greifbar, weniger nostalgisch.
Zudem fehlt im Hörspielbereich eine übergreifende Fankultur für Sci-Fi-Serien. Während Krimi- und Gruselfans seit Jahrzehnten gut vernetzt sind und Labels wie Titania oder EUROPA Kultstatus genießen, gibt es im Sci-Fi-Bereich keine solche feste Basis. Neue Serien müssen sich jedes Mal wieder ihre Hörer*innen erkämpfen.
Die richtige Zeit – oder die richtige Form?
Vielleicht ist es gar nicht die Frage, wann ein Genre „dran“ ist, sondern wie gut es umgesetzt wird. Science Fiction funktioniert im Hörspiel nur dann, wenn die Geschichten stark, die Stimmen herausragend und die Produktion außergewöhnlich sind. Mark Brandis war so ein Fall. Jan Tenner lebt von seiner Retro-Faszination und Zielgruppenbindung. Aber diese Qualität kostet – und findet nicht immer ein Massenpublikum.
Krimi und Grusel hingegen passen besser zu unserem Alltag, lassen sich schneller greifen, brauchen weniger Erklärung. Sie holen uns da ab, wo wir sind – im Hier und Jetzt. Vielleicht ist es diese Nähe zur Realität, gepaart mit der Lust am Nervenkitzel, die sie so erfolgreich macht.
Science Fiction im Hörspiel ist ein funkelnder Stern, der immer wieder am Himmel erscheint, aber selten lange leuchtet. Krimi und Grusel hingegen sind wie der Mond: stets da, verlässlich, mit wachsender Faszination. Vielleicht kommt irgendwann die Zeit, in der auch Sci-Fi dauerhaft Fuß fasst – aber bis dahin bleibt es ein Genre für Liebhaberinnen, für Nischenhörerinnen, für jene, die bereit sind, zwischen den Sternen zu lauschen