Geht True Crime langsam zu weit?

  • Es gibt doch jetzt von Europa Next die Hörspielreihe Gnadenlos. Als ich zum ersten Mal davon gehört habe, habe ich mich gefragt, warum diese Idee - True Crime als Hörspiel - eigentlich erst jetzt aufgegriffen wurde. True Crime war ja schon immer sehr beliebt. Was meint ihr, warum hat das so lange gedauert?


    Außerdem habe ich mir beim ersten Hören noch eine weitere Frage gestellt: Geht True Crime als Genre langsam zu weit? Mir scheint, als würde generell nur allzu oft vergessen, dass es sich hier um menschliche Schicksale handelt und nicht nur um aufregende Ratekrimis. Wenn ich da jetzt die entsprechenden Verbrechen gleich direkt als gespielte Szene vorgesetzt bekomme, ist das außerdem noch eine andere Hausnummer, als eine Schilderung in einem Podcast (ich fühle mich da "näher dran", wenn ihr versteht was ich meine). Was ist eure Meinung dazu?

  • Das Format True Crime als Hörspiel hätte man tatsächlich schon viel früher erwarten können – immerhin ist das Genre seit Jahren im Podcastbereich überaus erfolgreich und zieht ein breites Publikum in seinen Bann. Vielleicht lag die Zurückhaltung bei den Hörspielmachern genau an dem Punkt, den du ansprichst: Die Umsetzung im Hörspiel bedeutet eine deutlich stärkere Emotionalisierung durch Musik, Geräusche, Inszenierung – und eben durch das gespielte Wort. Das kann schnell eine Grenze überschreiten, wo der dokumentarische oder reflektierende Charakter zugunsten von Nervenkitzel und Effekt verloren geht.

    Die Gefahr, dass menschliche Schicksale zu reiner Unterhaltung verpackt und in fiktive Spannungsdramaturgien gepresst werden, ist dabei durchaus real. Besonders wenn Täter- oder Opferperspektiven zu sehr ausgeschmückt oder dramatisiert werden, stellt sich schnell die Frage nach der moralischen Vertretbarkeit. Natürlich kann ein solches Hörspiel zum Nachdenken anregen, Empathie schaffen oder gar gesellschaftliche Fragen aufwerfen – aber es hängt stark davon ab, wie sensibel es produziert ist. Denn letztlich geht es hier nicht nur um Spannung, sondern auch um Verantwortung im Umgang mit realen Ereignissen.

    Die Umsetzung bei Gnadenlos zeigt jedenfalls, dass das Genre grundsätzlich funktioniert – ob es auch nachhaltig trägt, hängt davon ab, wie feinfühlig und reflektiert die kommenden Folgen/Hörspiele mit ihrem Thema umgehen.

  • Gerade die Tatsache, dass es auf realen Begebenheiten beruht, macht das Ganze realistischer und reizvoller. Aber klar dass kann schon Grenzen überschreiten, Moral und Ethik der Macher spielen hier eine große Rolle Ob es aber als Hörspiel, als Hörbuch oder als Podcast inszeniert wird, ist dabei zweitrangig. Man sollte mit diesen „Daten“ schon sensibel umgehen. Ich erinnere an O23 wo die Figuren auch realen Personen nachempfunden wurden und sich die Hinzerbliebenen daran massiv stießen.

    Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

    Solange es Leute wie uns drei gibt und wir hier schreiben, bleibt es hoffentlich bestehen. Noch lange! #top#

  • Finde ich überhaupt nicht, dass die Form zweitrangig ist. Im Hörspiel gibt es nur beschränkt die Möglichkeit, Dinge einzuordnen und kritisch zu hinterfragen, Grenzen aufzuzeigen. Das funktioniert im Podcast sehr viel besser, da können Experten zu Wort kommen, deren Aussagen Gewicht haben. Ich sehe True Crime Hörspiele weiter sehr kritisch, Podcasts auch, wenn sie so reißerisch vermarktet werden, wie das ein oder andere Beispiel der vergangenen Jahre.

  • Finde ich überhaupt nicht, dass die Form zweitrangig ist. Im Hörspiel gibt es nur beschränkt die Möglichkeit, Dinge einzuordnen und kritisch zu hinterfragen, Grenzen aufzuzeigen.

    3 interessante Sichtweisen - während für Dr. Armitage True Crime durch das Hörspiel auf eine neue Ebene gehoben wird, die „zu weit geht“, ist für Mittagshoerer das genaue Gegenteil der Fall, das Hörspiel schränkt zu sehr ein, für mich hingegen ist es unerheblich ob Hörspiel, Hörbuch oder Podcast, es geht darum wie sensibel man sich dem Thema nähert um letztlich sagen zu können „es geht zu weit“. Spannend 🧐

    Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

    Solange es Leute wie uns drei gibt und wir hier schreiben, bleibt es hoffentlich bestehen. Noch lange! #top#

  • 3 interessante Sichtweisen - während für Dr. Armitage True Crime durch das Hörspiel auf eine neue Ebene gehoben wird, die „zu weit geht“, ist für Mittagshoerer das genaue Gegenteil der Fall, das Hörspiel schränkt zu sehr ein, für mich hingegen ist es unerheblich ob Hörspiel, Hörbuch oder Podcast, es geht darum wie sensibel man sich dem Thema nähert um letztlich sagen zu können „es geht zu weit“. Spannend

    Wieso 3 Sichtweisen? Dr. Armitage und Mittagshoerer meinen doch das Gleiche, TrueCrime passt nicht als Hörspiel, weil die Form des Hörspiels die reale Begebenheit nicht kritisch hinterfragen kann und die menschlichen Schicksale nicht ausreichend berücksichtigt. Klingt für mich jedenfalls so.

    Ich sehe dies ähnlich und mal davon ab, dass ich mit TrueCrime generell nichts anfangen kann, gehört sowas für mich auch eher in ein Podcast Format, weil es dort halt auch kommentiert und moderiert wird.

  • weil die Form des Hörspiels die reale Begebenheit nicht kritisch hinterfragen kann und die menschlichen Schicksale nicht ausreichend berücksichtigt.

    Dem würde ich widersprechen. Ist es leicht und gelingt es jedem Hörspiel? Nein, sicher nicht, aber das es in Hörspielform nicht möglich ist, stimmt so pauschal sicher nicht. Einem Film würde man diesen Anspruch ja auch nicht absprechen und nur eine Dokumentation als Umsetzung für kritische Themen zulassen. Es kommt immer darauf an mit welcher Intention die Macher an die Sache herangehen, und ob es ihnen gelingt.

  • Einem Film würde man diesen Anspruch ja auch nicht absprechen und nur eine Dokumentation als Umsetzung für kritische Themen zulassen. Es kommt immer darauf an mit welcher Intention die Macher an die Sache herangehen, und ob es ihnen gelingt.

    TrueCrime als Unterhaltungsfilm empfände ich ebenso schwierig. Natürlich gibt es auch Filme, die auf wahre Begebenheiten basieren und ja, da hängt es prinzipiell von der Umsetzung an sich ab, aber echte Fällen z.B. im üblichen Freitagskrimi Format, würde ich ebenfalls ablehnen. Dafür dann doch eher gezielte Sendungen, die dies aufarbeiten.

  • Wenn es gut gemacht ist, bin ich für alles offen. Egal welches Format. O23 war für mich anfangs eine großartige Serie, die EUROPA True Crime Hörspielserie war überraschend gelungen. Für mich macht es das Hörspiel sogar noch lebendiger als der klassische Doku-Stil eines Podcasts. Das Hörspiel hat hier doch viele Vorzüge, die für mich hier zu tragen kommen.

    Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

    Solange es Leute wie uns drei gibt und wir hier schreiben, bleibt es hoffentlich bestehen. Noch lange! #top#

  • TrueCrime als Unterhaltungsfilm empfände ich ebenso schwierig. Natürlich gibt es auch Filme, die auf wahre Begebenheiten basieren und ja, da hängt es prinzipiell von der Umsetzung an sich ab, aber echte Fällen z.B. im üblichen Freitagskrimi Format, würde ich ebenfalls ablehnen. Dafür dann doch eher gezielte Sendungen, die dies aufarbeiten.

    Es gibt doch reihenweise Filme, die echte Verbrechen zur Vorlage haben ohne eine kritische Einordnung, Menschen wie Charles Manson, Ted Bundy usw. wurden dadurch doch erst wirklich berühmt. Das lässt sich aber kaum verhindern, auch wenn ich nachvollziehen kann, dass man diese Glorifizierung von Verbrechern ablehnt.

    Ich sehe das alles deutlich unkritischer, mich hat die Europa Reihe jedenfalls sehr positiv überrascht und tatsächlich eine in meinen Augen existierende Marktlücke geschlossen. Über eine weitere Staffel würde ich mich auf jeden Fall freuen:thumbup:

  • Schwieriges Thema. Viel Wichtiges und Richtiges ist bereits gesagt.

    Ich mag einige True Crime-Formate ganz gerne, sei es als Fernsehsendung, Podcast oder auch in geschriebener Form. Regelmäßig höre ich 'Aktenzeichen XY... Unvergessene Verbrechen' und bin zudem Abonnent von 'Stern Crime'. Als 'Fan' würde ich mich nicht bezeichnen, aber ansonsten: Ja, das Genre fasziniert mich.

    Ich schließe mich der Meinung an, dass der moralische Kompass der Macher eine große Rolle spielt. Wenn vergessen wird, dass es hier um reale Menschen geht, von denen meist noch Angehörige leben, wird es schwierig. Umgekehrt ist es aber selbstverständlich auch so, dass Podcasts eine Inszenierung verlangen und einen gewissen Unterhaltungswert bieten müssen. Sonst würde sie schlicht niemand hören. Es wird eine Gratwanderung bleiben und in jedem Fall neu zu entscheiden sein, was man wie präsentiert.

    Den Punkt, ob es True Crime-Formate überhaupt braucht und was die große Zahl von Fans über das menschliche Wesen wohl aussagt, spare ich hier lieber aus.

    In 'Gnadenlos' habe ich noch nicht reingehört. Ich habe zwar grundsätzliche Vorbehalte gegen das Format, lasse mich aber ggfls. auch gerne eines Besseren belehren. Es kann am Ende genauso bedacht und vertretbar sein wie ein guter Podcast - aber auch genauso reißerisch und menschenverachtend wie ein schlechter Podcast. Um ehrlich zu sein habe ich mich allerdings gewundert, warum erst jetzt probiert wird, True Crime-Hörspiele am Markt zu platzieren.

    Nicht jeder Verkannte ist ein Genie. (Walter Moers)

  • Wenn es gut gemacht ist, bin ich für alles offen. Egal welches Format. O23 war für mich anfangs eine großartige Serie, die EUROPA True Crime Hörspielserie war überraschend gelungen. Für mich macht es das Hörspiel sogar noch lebendiger als der klassische Doku-Stil eines Podcasts. Das Hörspiel hat hier doch viele Vorzüge, die für mich hier zu tragen kommen.

    Es hat aber eben auch einige Nachteile. Eine Einordnung zum Beispiel durch Expertinnen oder Experten, ist nicht möglich. Wenn ich mir aber zum Beispiel den Podcast "Aktenzeichen XY... Unvergessene Verbrechen" anhöre, ist das etwas ganz anderes. Da werden zwar immer wieder Ausschnitte aus der Fernsehsendung als "Spielszenen" verwendet, es folgt aber immer eine Kontextualisierung durch Ermittler:innen und externe Expertinnen und Experten. Das bietet einen Mehrwert, den ein Hörspiel schlicht nicht leisten kann.

  • Den Punkt, ob es True Crime-Formate überhaupt braucht und was die große Zahl von Fans über das menschliche Wesen wohl aussagt, spare ich hier lieber aus.

    Ich denke, dass es vielen Fans - bei ungelösten Fällen - um das kriminalistische Rätsel geht. Dadurch wurden auch schon Fälle gelöst:

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    Bei Podcasts um gelöste Fälle geht es oft um die kriminalistische Arbeit und wie die Verantwortlichen schließlich gefasst wurden. Ich glaube, dass das für viele interessant ist. Dass eine große Anzahl der Fans einfach geil auf Bluttaten ist, will ich nicht glauben.

  • Hast du das Hörspiel gehört? Es tritt dort eine Journalistin auf, die das ganze nochmals einordnet. Das Argument trifft also nicht zu.

    Ja habe ich. Wenn ich da schon am Anfang Sätze wie "Wir zeigen euch die krassesten Kriminalfälle" und "Wir vermitteln euch einen ganz nahen Eindruck von Menschen, die gnadenlos sind", dann bin ich doch eher skeptisch, in welche Richtung das geht. Für mich ist die Einordnung da bei weitem nicht genug, auch wenn nicht alles negativ ist (das Lebensumfeld wird zumindest manchmal schon ganz gut getroffen).

  • Ich lasse mich aber gerne eines besseren belehren. Bis jetzt habe ich "nur" die erste Folge gehört. Welche würdest du empfehlen?

    Mir persönlich hat am besten Folge 4 gefallen, aber wohl einfach weil sie in meinen Augen irgendwie unspektakulär und doch sehr krass zugleich ist.

    Folge 5 handelt von einem Banküberfall, zmdst ich finde, dass dort die Bankräuber nicht zu Helden stilisiert werden, vll hörst du dir die mal an, falls du dann einen positiveren Eindruck hast kannst du ja die anderen Folgen hören. :)

  • Natürlich kann ein Hörspiel nicht alles. Aber vieles ;)

    Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

    Solange es Leute wie uns drei gibt und wir hier schreiben, bleibt es hoffentlich bestehen. Noch lange! #top#

  • Mir persönlich hat am besten Folge 4 gefallen, aber wohl einfach weil sie in meinen Augen irgendwie unspektakulär und doch sehr krass zugleich ist.

    Folge 5 handelt von einem Banküberfall, zmdst ich finde, dass dort die Bankräuber nicht zu Helden stilisiert werden, vll hörst du dir die mal an, falls du dann einen positiveren Eindruck hast kannst du ja die anderen Folgen hören. :)

    Danke für die Tipps, mache ich gerne!

  • Mir persönlich hat am besten Folge 4 gefallen, aber wohl einfach weil sie in meinen Augen irgendwie unspektakulär und doch sehr krass zugleich ist.

    Folge 5 handelt von einem Banküberfall, zmdst ich finde, dass dort die Bankräuber nicht zu Helden stilisiert werden, vll hörst du dir die mal an, falls du dann einen positiveren Eindruck hast kannst du ja die anderen Folgen hören. :)

    Folge 4 fand ich auch sehr gut und gerade bei sowas, erschüttert mich sowas doch sehr

    ß

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