Was macht ein Hörspiel mittelmäßig – und warum gibt es scheinbar immer mehr davon?

  • Danke für deinen Beitrag, weil er das eigentlich ziemlich gut auf den Punkt bringt.

    Ich habe momentan auch oft das Gefühl, dass sehr stark auf die sichere Bank gesetzt wird, statt sich mal etwas zu trauen. Gefühlt besteht der Markt fast nur noch aus Krimi oder Grusel – und selbst dort ähnelt sich inzwischen vieles.

    Natürlich verstehe ich, warum Labels bekannte Namen oder vertraute Konzepte bevorzugen. Das Risiko ist geringer und man weiß ungefähr, was funktioniert. Aber ich frage mich schon, was passiert, wenn irgendwann wirklich stärkere Ermüdungserscheinungen eintreten und viele Hörer diesen immer gleichen Stil einfach überdrüssig werden.

    Niemand erwartet ständig irgendwelche revolutionären Wunderhörspiele. Aber etwas mehr Mut, Abwechslung und auch mal ungewöhnlichere Stoffe würden der Hörspielwelt momentan wirklich guttun, finde ich.

  • Ich weiß, "Wer im Glashaus sitzt..."

    Dennoch möchte ich mich an der Stelle als Hörer mit ein paar Gedanken kurz einklinken:

    Eigentlich wurde vieles schon auf den Punkt gebracht: Das Konsumverhalten der heutigen Hörerschaft, die Herangehensweise der Produzenten/Labels, das immer gleiche Zugpferd einzuspannen und damit alten Wein in neuen Schläuchen zu verkaufen. "Die anderen machen/verkaufen es doch auch.."

    Aber was macht den Unterschied aus, wo sind die Diamanten unter den Glasscherben versteckt?

    Beeinflussend stehen für mich die Erwartungshaltung und Objektivität im Vordergrund, sie lenken mein Hören von Anfang an. Bei der fünften Holmes-Vertonung eines Titels aus dem klassischen Kanon weiß ich vorab, worum es sich dreht. Dennoch kann die Produktion mich im Nachhinein positiv überraschen und andere Werke verdrängen.

    Eine gute Geschichte zu erzählen, ohne den Hörer zu langweilen, eingebettet in einer ansprechenden Produktion...🤔

    Ich gestehe, dass ich manches meiner eigenen Werke nur unter Qualen hören kann, einfach weil es aus meiner heutigen Sicht schlichtweg langweilig rüberkommt. Zu wenig Drive, schlechte oder zu wenig Hintergrund-Atmo.

    Und das ist vermutlich das Ding mit der Geschmackssache: Dem einen geht's nicht schnell genug, dem anderen ist es zu hektisch. Tolle Musik ist dem anderen wieder ein Graus. "Zu wenig Soundeffekte" reichen dem "Zum-Einschlafen-Hörer" völlig aus.

    Was, wenn die Hörer es nicht direkt verstehen?

    Die ausufernden Dialoge für "Charaktertiefe", die die Story nicht weiterbringen. Ein Symptom, unter dem auch die meisten neuen Filme leiden. Heute werden die FIguren dem Publikum "erklärt", damit wir sie und ihre Handlungsweisen auf jeden Fall verstehen. Mich nervt es kolossal. Wäre das beispielsweise bei "Clockwork Orange" der Fall gewesen, gute Güte...😵‍💫

    Quantität

    Ja, es gibt VIEL ZUVIEL auf dem Markt und der wöchentliche Output tut dem keinen Gefallen. Symptomatisch auch hier ein beurteilender Satz (das gilt für die Werke sämtlicher Kollegen): "Höre ich mir auch ein zweites Mal an." 🧐 Klar, wir bezahlen fürs Anhören (...oder?😁) Man könnte dennoch den Eindruck gewinnen: Gehört, abgehakt, geistiger Papierkorb, nächstes Hörspiel. Der Autor Andreas M. schleicht gebeugten Hauptes von danne(berg)n.


    Aber zu des Pudels Kern: Was zum Geier unterscheidet die guten von den schlechten Hörspielen??

    Ich verehre die Tonstudio Braun John Sinclair und Larry Maccloud Hörspiele. Erfüllen sie die heutige Kriterien? Abwechslungsreiche Stimmen, Soundeffekte, Musicscore? Nope, nicht ansatzweise. Sprecherleistung: Durchaus.

    Ein langes Skript ist besser als ein kurzes?

    Ich habe "Dracula trifft Frankenstein" Anfang der 90er mal über Kopfhörer am Computer mitgeschrieben: 24 Seiten; Dialog & Erzähler. Meine Skripte: Mit Regieanweisungen zu jeder Szene: ~ 55 Seiten. Sind meine besser? Nie im Leben!!!

    Sprecherinnen und Sprecher

    Ein großes Thema (genau wie KI) und für mich federführend.

    Abschließend meine Meinung als Hörer: Ich denke, dass manch gute Geschichte besser erzählt werden könnte wegen der o.g. Faktoren. Manchmal wird uns auch "Luft" angedreht, die schon mehr als einmal ein- und ausgeatmet wurde. Und man verzeihe mir diese Ansicht: Weniger ist einfach mehr.. Wir befinden uns im absoluten Serien-Overkill (Glashaus, s.o.)

    Was ich tatsächlich oft mache: Hat es mir nicht gefallen, gebe ich dem Ding trotzde eine zweite Chance. Vielleicht liegtes daran, dass ich die andere Seite kenne. Ich bin ein bisschen auch der "Schubladen-Typ". Aber ich habe mich oftmals schon zum Besseren korrigieren müssen.

    Wie bei meinen eigenen Machwerken zum Negativen 🤷‍♂️

  • Andreas Masuth

    Vielen Dank für dieses wirklich sehr offene und ehrliche Statement 😊

    Gerade weil du beide Seiten kennst, also die des Hörers und die des Machers, fand ich das unglaublich interessant zu lesen. Vieles davon bringt die aktuelle Situation tatsächlich ziemlich gut auf den Punkt.

    Vor allem diesen Gedanken, dass technisch perfekte Produktionen trotzdem leer oder austauschbar wirken können, während ältere Hörspiele mit deutlich einfacheren Mitteln bis heute im Kopf bleiben, fand ich spannend. Da merkt man eben, dass es am Ende doch schwer greifbar bleibt, warum einen manche Produktionen packen und andere eben nicht.

    Und ich finde es auch bemerkenswert, wie selbstkritisch du auf eigene Werke blickst. Das macht vermutlich auch einen Teil davon aus, warum man sich überhaupt weiterentwickelt.

    Danke auf jeden Fall für diesen Einblick aus deiner Perspektive 👍

  • Als Macher und Hörer- und mit ebenso offenen Worten:
    Ich kann diese inhaltlichen Forderungen nach "mehr Mut, Überraschung bis hin zur Radneuerfindung" ehrlich gesagt, kaum noch ertragen !
    Denn es ergeben sich daraus doch stetig Paradoxa.

    Es ist doch oft die Divergenz mit dem Wunsch nach Eskapismus und der Notwendigkeit von Logik !

    • Das Paradoxon der Originalität:
      Man möchte das Gefühl von "Neuheit", aber innerhalb der Grenzen des Genres.
      Werden diese "überraschend" stark durchbrochen, folgt schnell der Vorwurf von Unglaubwürdigkeit durch Unplausibilitäten bis hinüber zu albern wirkenden Deus Ex Machina- Effekten !
    • Wenn z.B. eine Wendung wirklich sehr sehr gut gemacht ist- und die Mechanik dahinter beim ersten Hören gar nicht so offensichtlich war, fühlte sie sich im Rückblick dennoch unvermeidbar an und irgendjemand "meckert" darauf hin nur wieder rum, "dass er es ja hat dennoch kommen sehen".
      Natürlich glaubt er- und muss es glauben, dass er es hat kommen sehen, denn die Wendung und Lösung unterliegt gewissermaßen einer greifbaren Plausibilität, es sei denn, der Gringo erschoss den anderen Gringo nicht mit Kugeln, sondern mit einer Wasserpistole, woraufhin der andere Duellant schlichtweg ertrank !
      Nun, wenn die Geschichte keine Komödie ist, wäre diese Wendung absurd... ist sie aber eine Komödie, dann ließe sich dieser oder ähnlicher Quatsch, gewissermaßen erwarten.
      Gewissermaßen riecht man eine Lösung 3 Meilen gegen den Wind, du wirst aber mitunter bestraft, wenn diese Erwartung durch gewissermaßen "Absurdität" (weil gefühlt zu unglaubwürdig) durchbrochen wird.

      Ich selbst habe gar nicht das Bestreben "zu überraschen", sondern einfach nur kurzweilig zu unterhalten.
      Räder neu erfinden, dürfen gerne andere tun... bzw. dürfen "Meckerer" (ich meine natürlich niemanden persönlich) gerne einmal selbst darlegen, WAS sie denn für eine "überraschende Wendung" oder "Neuheit" erwartet hätten. Da kommt i.d.R. auch nichts (neues) rüber.
      Die Mär von "Überrasch mich"... z.B. im Restaurant, aber dann selbst nicht wei0, ob man Fisch oder Fleisch mag.

      Mir ist daher ein solide gemachtes Hörspiel lieber und auch befriedigender, als irgendein experimentell erzwungener Twist, der eine interne Logik der Geschichte opfert.
      Aber das ist natürlich nur meine subjektive Meinung und Ansicht.

    +Jeder Tag mehr ist auch ein Tag weniger-

  • Ein weiterer Gedanke, oder besser eine Frage:

    Welche Hörspiele der letzten 10 Jahre fallen euch ein, bei denen im Hörspiel erkennbar war, dass es der Autorin/dem Autor um eine Sache inhaltlich "ging", dass die Story ein Thema hatte?

    Display Spoiler

    Ich bin mir ehrlich gesagt nicht mehr sicher, ob der Begriff sich noch selbst erklärt. In meinen Jahren als Skriptdoktor beim Film war meine Frage an die Drehbuchautoren nach meiner Lektüre und vor der Besprechung oft (leider): "In Ihren eigenen Worten, sagen Sie mir: worum geht es in der Geschichte, und worum geht es wirklich?"

    Wenn ich dann ein "hä, was meinen Sie damit?" als Antwort bekam, habe ich innerlich die Augen verdreht und meine Erwartungen, aus der Zusammenarbeit würde sich bald ein gutes Skript entwickeln lassen, ganz schnell ganz weit nach unten fallen lassen.

    Wenn es darum geht, herauszufinden, wie durchschnittlich eine Geschichte ist, würde ich nicht nur nach der Zahl und Qualität irgendwelcher "überraschenden Wendungen" fragen -- die sind oft nur Gimmicks, um zu vertuschen, wie wenig Gewicht der Inhalt hat.

    Die Antwort auf "Worum geht es wirklich?" sollte eine vom Plot weitgehend unabhängige Ebene aufdecken, die idealerweise nur unter der Oberfläche stattfindet und nicht verbalisiert wird.

    Und es würde mich freuen, wenn das auch mal Thema wird.

    -- Lassen Sie mich durch, ich bin Autor.

  • Vor allem diesen Gedanken, dass technisch perfekte Produktionen trotzdem leer oder austauschbar wirken können, während ältere Hörspiele mit deutlich einfacheren Mitteln bis heute im Kopf bleiben, fand ich spannend.

    Ich bin da nicht bei Euch und finde überhaupt nicht, dass die heutigen Hörspiele technisch perfekt sind. Obwohl die technischen Möglichkeiten sicherlich heute andere sind als früher, wenn ich mir DAEMON aus dem Jahre 2013 anhöre, das war technisch perfekt, in einer Art, dass man sagt, das ist so gut gemacht, da sehe ich über inhaltliche Schwächen hinweg (so man diese dieser Geschichte unterstellen mag).

    Technisch perfekt ist für mich schon mehr als dass man die Takes in der richtigen Reihe aneinanderreiht.

    “Life can't just be about solving one miserable problem after another, that can't be the only thing, they need to be things that inspire you and that make you glad to wake up in the morning and be part of humanity”

  • Welche Hörspiele der letzten 10 Jahre fallen euch ein, bei denen im Hörspiel erkennbar war, dass es der Autorin/dem Autor um eine Sache inhaltlich "ging", dass die Story ein Thema hatte?

    Hier, hier, hier, ich, ich, ich: "Und auf Erden Stille" :)

    Aber ohne ins Detail zu gehen, ich finde schon, dass das im Schnitt bei sieben von zehn Hörspielen aus der Hörspiel des Jahres Wahl vom Ohrcast der Fall ist. Da kommt schon eine Menge zusammen, wenngleich natürlich der Einwand, dass es bei der lange Liste der wöchentlichen Veräffentlichungen vielleicht nur eines oder keines ist.

    Und dass das bei einem "normalen" Hörspielkrimi nicht der Fall ist, das liegt in der Natur des Genre, bei den Freitagabendkrimis hat die Story in der Regel auch kein Thema. Vielleicht auch besser so, wenn das Thema dann eh nur 08/15-Sozialkitsch ist.

    “Life can't just be about solving one miserable problem after another, that can't be the only thing, they need to be things that inspire you and that make you glad to wake up in the morning and be part of humanity”

  • Und wie würdest Du das Thema umschreiben?

    Just curious ...

    Hui, ich hoffe, ich soll das nicht in einem Wort machen. Als Thema würde ich Moral in der Extremsituation eines sozialen Experiments sehen, wobei diese Welt/Experiment nicht hereingebrochen ist, sondern vom Mensch selbst verursacht wurde. Im Unterschied zu anderen dystopischen Themen.

    Aber jeder Hörer setzt da sicherlich andere thematische Schwerpunkte, es geht ja eher darum, dass es überhaupt ein Thema gibt und nicht nur eine Handlung.

    “Life can't just be about solving one miserable problem after another, that can't be the only thing, they need to be things that inspire you and that make you glad to wake up in the morning and be part of humanity”

  • Zur Frage "Thema" gibt es auch viel Unklarheit. Hier ist es recht gut definiert, und wenn ich das als Grundlage nehme, dann ist das Thema von "und auf Erden Stille" persönliche Bindungen und Verantwortung.

    • Rhiannon übernimmt Verantwortung für die Taten ihres Vaters (wenn auch unfreiwillig);
    • Ihr Vater übernahm Verantwortung für die Untätigkeit seiner Mitmenschen und damit eine große Schuld auf sich, weil er eine persönliche Bindung zur Menschheit (nicht zum Einzelnen) spürt. Später versucht er, Verantwortung für seine Schuld zu übernehmen, um die zerstörte Bindung zu seiner Tochter wiederherzustellen;
    • Max hat eine persönliche unausgesprochene Bindung an Vanusa und verfolgt ihre letzte Geschichte nach ihrem Tod auch weiter, als es für ihn persönlich unangenehm zu werden beginnt;
    • Lois hatte sich jeder persönlichen Bindung und Verantwortung verweigert, schwimmt sich aber nach ihrer Begegnung mit Rhiannon davon frei;
    • Dem gegenüber gibt es weder Bindung noch Verantwortung bei den Wallianern

    Was es zum Thema macht, ist, dass all diese Punkte nicht das sind, die die Handlung bestimmen. Das Thema ist das, was der Geschichte eine Bedeutung jenseits des Ablaufs der Handlung geben kann. Aber über all dies wird nicht offen gesprochen. Das Thema unterfüttert die Handlung unausgesprochen mit Gewicht.

    Immer wenn ich ein solches Untergewebe in einer Geschichte spüren kann und dieses mehrschichtig ist, engagiere ich mich intensiver damit und vergesse die Geschichte auch nicht wieder.

    Da man Geschichten aber auch ohne Thema schreiben kann -- und es auch einfacher ist, ohne Thema zu schreiben -- kann das Suchen und Nicht-Finden eines Themas ein Indikator für "Durchschnittlichkeit" sein.

    -- Lassen Sie mich durch, ich bin Autor.

  • Bei mir können einfache Geschichten, die keine solche zweite Ebene hinter den vorrangigen Thema haben, viel länger im Kopf bleiben und mich auch noch Jahrzehnte später begeistern. Ebenso können mich auch solche Geschichten, die hinter dem Offensichtlichem auch noch etwas dahinter, ein zweites tieferes Thema verbirgt, fesseln. Und genau so umgekehrt. Von daher kann jetzt vermeintlich Durchschnittliches ein Meisterwerk sein, und ein vermeintliches Meisterwerk letztlich nur durchschnittlich unterhalten. Am Ende geht es um den berühmten Funken, der überspringt oder eben nicht überspringt. Und hier hat jeder seine ganz persönliche Grenze, die überwunden werden muss um am Ende sagen zu können, dass war ein Meisterwerk.

    Wie Akita Takeo richtig über den Hörspieltalk von morgen schrieb:

    Solange es Leute wie uns drei gibt und wir hier schreiben, bleibt es hoffentlich bestehen. Noch lange! #top#

  • Martin Seebeck , das ist ein interessanter Punkt.

    Mir fallen spontan vor allem ältere Romane ein, bei denen es ein unterliegendes Thema gibt. Vielleicht ist das heute allgemein ein Aspekt, der bei vielen Geschichten fehlt.

    Beispiele wären einige Geschichten von Jack London ("Der Seewolf" ist ein Abenteuerroman, aber gleichzeitig geht es auch um die Auseinandersetzung mit dem Sozialdarwinismus). Ein weiteres Beispiel sind die Narnia-Bücher von C.S.Lewis, die Fantasygeschichten sind, in denen Lewis grundlegende Aspekte seines christlichen Glaubens als Allegorie verarbeitet. Auch "Frankenstein" und "Dr. Jekyll und Mr Hyde" kann man als Gruselgeschichten lesen, aber gleichzeitig geht es auch um die Frage, darf der Mensch bzgl. Forschung und Fortschritt alles umsetzen, zu dem er fähig ist und stellt er sich seiner Verantwortung (Frankenstein), bzw. kann man generell die dunklen Seiten der Persönlichkeit von den guten Seiten trennen und kontrollieren (Dr. Jekyll).

    Typischerweise wird bei solchen Geschichten bei Verfilmungen v.a. die vordergründige (Abenteuer-)Handlung fokussiert. (Ein anderes Beispiel wäre Moby Dick).

  • dann ist das Thema von "und auf Erden Stille" persönliche Bindungen und Verantwortung.

    Okay, das wäre mir jetzt nicht als "Haupt"thema ins Ohr gesprungen, aber wer bin ich, dem Autor zu widersprechen :)

    “Life can't just be about solving one miserable problem after another, that can't be the only thing, they need to be things that inspire you and that make you glad to wake up in the morning and be part of humanity”

  • Okay, das wäre mir jetzt nicht als "Haupt"thema ins Ohr gesprungen, aber wer bin ich, dem Autor zu widersprechen :)

    Ich habe gemerkt, es gibt Definitionsprobleme zwischen "Handlungsfokus", "Botschaft" und "Thema". Dazu aber mehr anderswo.

    So viele Geschichten, wie erzählt werden, die alle den Bedarf nach Anfang, Mitte und Ende haben; da ist es klar, dass es nicht unbegrenzt viele Handlungsabläufe gibt. Ein Hörspiel ist dann auch durchschnittlich, wenn es nichts Einzigartiges anzubieten hat. Wenn man also das Gefühl hat, "eigentlich schon mal gehört". Hörspiele, die sich nur an der Handlungsebene entlang bewegen und keine weiteren Ebenen aufbauen, sind da in größerer Gefahr.

    -- Lassen Sie mich durch, ich bin Autor.

  • Ich habe gemerkt, es gibt Definitionsprobleme zwischen "Handlungsfokus", "Botschaft" und "Thema". Dazu aber mehr anderswo.

    Ja, das stimmt.

    “Life can't just be about solving one miserable problem after another, that can't be the only thing, they need to be things that inspire you and that make you glad to wake up in the morning and be part of humanity”

  • "Handlungsfokus": So wie ich das Wort verstehe, ist das der Plotverlauf. Bei einem Krimi also beispielsweise die zeitliche Aufeinanderfolge zwischen Verbrechen, Rätselraten, roten Heringen und schließlicher Auflösung. Oder beim Herrn der Ringe alles, was zwischen Gandalfs Ankunft und dem Abschied an den Grauen Anfurten eben so passiert.

    "Botschaft": das, was man früher mit dem Satz "...und die Moral von der Geschicht' / ..." grob zusammengefasst hatte. Gerne auch kritisiert als "moralisierend", vor allem, wenn der Zeigefinger zu spüren ist. Die Absicht der Autoreninstanz. Das, was diese beim Publikum als verhaltensverändernd unterbringen wollen: "Umweltverschmutzung ist bääh" oder "Schwächere, die sich verbünden, sind stärker als Bullies".

    "Thema": das ist eben etwas ganz Anderes als die beiden obengenannten Aspekte. Das "Thema" im dramaturgischen Sinn bezieht sich auf die Geschichte *hinter* der Story, und findet sich gerne im moralischen Dilemma -- gerne ohne die klare Definition "das hier ist richtig", sondern eher in Formulierungen wie "Pflicht vs. Eigennutz" oder "Freiheit vs. Bindung". Diese gegenüberliegenden Pole werden dann gerne auch anhand mehrerer Handlungsebenen kontrovers illustriert und damit "diskutiert".

    Meine persönliche Meinung hier, zusammengefasst: höre ich ein Hörspiel, das nur eine Handlung erzählt, ist das für mich "Weißbrot", denn ich habe keinen Nährwert mitgenommen. Auch eine spannende Handlung macht das nicht wett. Wenn eine "Botschaft" mitschwingt, ist das vielleicht etwas besser als nur mit einer Handlung, aber nicht viel. Aber jedes Hörspiel, jeder Film, jedes Buch, das mir dauerhaft geblieben ist, hatte eine thematische Schwingung drunter.

    Als Skriptdoktor hatte ich die Autoren, die mir was gepitcht hatten, gerne gleich zu Beginn gefragt: "Worum geht es in der Geschichte, und worum geht es wirklich?". Und wenn da auf die zweite Frage nichts kam, dann wusste ich ... da ist noch viel Arbeit.

    Denn das, was da kommen würde, konnte ja nicht mehr sein als Durchschnitt.

    -- Lassen Sie mich durch, ich bin Autor.

  • Vielleicht ein blödes Beispiel...

    ... aber ich finde es beispielsweise seltsam, wenn junge Sprecher einen alten Mann (Opa) sprechen... und man das auch deutlich hören kann.😃

    Das kann dann schon mal unfreiwillig komisch klingen.

    Beispielsweise bei der Gruselserie: da waren doch praktisch die Sprecher im Alter der zu verkörpernden Rolle.

    Ich finde, da hat es meistens gepasst.

    Gab es damals vielleicht mehr passende Sprecher...🤔

  • Das fand ich wirklich spannend zu lesen. Gerade die Unterscheidung zwischen Handlungsfokus, Botschaft und dem eigentlichen Thema war für mich sehr nachvollziehbar erklärt.

    Vor allem der Gedanke, dass eine Geschichte erst dann wirklich hängen bleibt, wenn sie mehr ist als nur eine spannende Handlung und stattdessen ein universelles menschliches Thema behandelt, hat bei mir etwas ausgelöst. Das macht letztlich den Unterschied zwischen einer guten Unterhaltung und einer Geschichte, die einen noch lange beschäftigt.

    Da würde mich direkt deine Einschätzung interessieren: Würdest du sagen, dass Mark Brandis all diese Kriterien erfüllt? Also nicht nur einen starken Plot besitzt, sondern auch eine thematische Ebene hat, die sich wie ein roter Faden durch die Reihe zieht?

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