Judy
"Judy" war für mich einer jener Filme, die vor allem von ihrer Hauptdarstellerin leben. Natürlich erzählt der Film die tragische Geschichte der letzten Lebensmonate von Judy Garland, einer der größten Entertainerinnen des 20. Jahrhunderts, doch was letztlich in Erinnerung bleibt, ist vor allem Renée Zellwegers beeindruckende Darstellung. Selten habe ich erlebt, dass eine Schauspielerin so vollkommen in einer realen Persönlichkeit aufgeht und dabei trotzdem keine bloße Kopie liefert.
Der Film begleitet Judy Garland im Jahr 1968, als sie für eine Reihe von Konzerten nach London reist. Finanziell steht sie unter Druck, gesundheitlich ist sie angeschlagen, und die Belastungen eines Lebens im Rampenlicht haben deutliche Spuren hinterlassen. Gleichzeitig kämpft sie mit der Trennung von ihren Kindern, ihren Ängsten und den Folgen einer Kindheit, die von den Zwängen des Hollywood-Studiosystems geprägt wurde. Immer wieder kehrt die Handlung in Rückblenden zu den Dreharbeiten von Der Zauberer von Oz zurück und zeigt, wie früh Judy Garland unter enormen Leistungsdruck geriet.
Was mich an Judy besonders beeindruckt hat, ist die Art, wie der Film seine Hauptfigur betrachtet. Er macht aus Judy Garland weder eine Heilige noch reduziert er sie auf ihre Probleme. Stattdessen zeigt er einen Menschen voller Widersprüche. Sie kann charmant, humorvoll und liebevoll sein, im nächsten Moment aber verletzlich, erschöpft oder selbstzerstörerisch wirken. Genau diese Vielschichtigkeit macht die Figur so greifbar und berührend.
Renée Zellweger trägt den Film dabei nahezu allein. Ihre Darstellung ist für mich außergewöhnlich. Sie übernimmt nicht einfach nur Gestik, Stimme oder äußere Merkmale von Judy Garland, sondern vermittelt glaubhaft die Unsicherheit, die Sehnsucht nach Anerkennung und die tiefe Erschöpfung einer Frau, die ihr ganzes Leben auf Bühnen und vor Kameras verbracht hat. Dass sie für diese Rolle den Oscar gewann, überrascht mich kein bisschen. Für mich gehört diese Leistung zu den eindrucksvollsten Schauspielerinnen-Darbietungen der letzten Jahre.
Besonders gelungen finde ich die musikalischen Szenen. Zellweger singt die Lieder selbst und schafft es dabei, nicht den perfekten Klang einer jungen Judy Garland nachzuahmen, sondern die gealterte, angeschlagene Künstlerin glaubwürdig zum Leben zu erwecken. Gerade dadurch gewinnen die Auftritte an emotionaler Kraft. Wenn Judy auf der Bühne steht und singt, spürt man förmlich, wie sehr Musik ihr Halt gibt und wie viel Kraft sie gleichzeitig kostet.
Auch die Nebenrollen tragen viel zur Wirkung des Films bei. Jessie Buckley überzeugt als loyale Assistentin Rosalyn Wilder, die zwischen Bewunderung, Sorge und Frustration schwankt. Finn Wittrock verleiht Mickey Deans eine sympathische, wenn auch etwas tragische Note. Rufus Sewell sorgt als Sidney Luft ebenfalls für einige starke Momente. Dennoch bleibt klar, dass sich alles um Judy Garland dreht und die Nebenfiguren vor allem dazu dienen, verschiedene Facetten ihres Lebens sichtbar zu machen.
Optisch wirkt der Film angenehm klassisch. Rupert Goold verzichtet auf große Effekte und konzentriert sich stattdessen auf Figuren, Atmosphäre und Emotionen. Die Londoner Schauplätze, die Konzertbühnen und die Rückblenden ins alte Hollywood erzeugen eine stimmige Zeitreise, ohne jemals künstlich zu wirken. Die Kamera bleibt meist nah bei Judy und verstärkt dadurch das Gefühl, ihr unmittelbar durch diese schwierige Lebensphase zu folgen.
Natürlich erzählt Judy keine völlig neue Geschichte. Das Motiv des gefeierten Stars, der unter Ruhm, Einsamkeit und Abhängigkeiten leidet, kennt man aus vielen Biografien. Manche Entwicklungen verlaufen daher vorhersehbar. Doch die emotionale Ehrlichkeit des Films und vor allem die Leistung seiner Hauptdarstellerin sorgen dafür, dass dies kaum ins Gewicht fällt.
Besonders bewegend ist für mich das Finale. Ohne große Effekthascherei zeigt der Film eine Frau, die trotz aller Rückschläge nie aufgehört hat, ihr Publikum zu lieben und von diesem geliebt zu werden. Gerade die letzten Auftritte besitzen eine Melancholie, die lange nachwirkt. Man weiß als Zuschauer, dass das Ende ihres Lebens unmittelbar bevorsteht, und genau dadurch erhalten viele Szenen eine zusätzliche emotionale Wucht.
Für mich ist "Judy" vor allem ein eindrucksvolles Schauspielerinnen-Porträt und eine würdige Hommage an eine außergewöhnliche Künstlerin. Der Film mag erzählerisch keine großen Überraschungen bieten, doch Renée Zellweger liefert hier eine Leistung ab, die den gesamten Film trägt und ihn sehenswert macht. Wer sich für Judy Garland interessiert oder starke Charakterdramen mag, bekommt hier einen bewegenden, oft traurigen, aber zugleich sehr menschlichen Film, der seiner berühmten Hauptfigur mit viel Respekt begegnet.